Publikum reagiert zögerlich

Opernfestspiele: Licht und Schatten bei der "Tell"-Premiere

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Eröffnung der Opernfestspiele im Nationaltheater in München.

München - Die Münchner Opernfestspiele wurden im Nationaltheater mit "Tell" eröffnet. Das Publikum reagierte zögerlich auf das Stück, dass sich an Schillers Wilhelm Tell anlehnt.

"Der Jubel wollte keinen Anfang nehmen.“ – War Karl Valentin etwa am Samstag in der Eröffnungs­premiere der Münchner Opernfestspiele? Das Publikum im ausverkauften Nationaltheater reagierte zögerlich auf Gioachino Rossinis letzte Oper, die 1829 in Paris in französischer Sprache uraufgeführt wurde und für Frankreich eben eine Grande Opéra mit Ballett und Folklore-Szenen sein musste. Das alles war zwar hier gestrichen, aber das Stück blieb noch behäbig genug, und auch nach mancher auf Applaus hin angelegten Szene – kam keiner.

Locker lehnt sich das Stück an Schillers Wilhelm Tell an, aber die Librettisten und Rossini, auch die Regie, setzen andere Akzente.

Ob sich ein junger Regisseur freuen soll, dieses Stück als seine erste regelrechte Oper angeboten zu bekommen (der Ort! Der Anlass!), muss Antú Romero Nunes, Jahrgang 1983, wissen. Klar natürlich, dass er uns keine Schäfchen auf der grünen Wiese hinstellen würde (obgleich das schon wieder originell wäre).

Es geht ihm nicht um einen lokal bezogenen Freiheitskampf: besetzte Länder, Herrschaftswillkür gibt und gab es immer. Einkleiden lässt er die Leute aber (1940? 1960?) in verortbare Zutaten: kleine Hitlerjungen marschieren durchs Bild; Geslers Einpeitscher ist eine Göring-Karikatur, und das Volk, spießig in Wollpullover und Kittelschürze, will Hochzeit feiern, keine Revolution. Die müssen zum Jagen getragen werden, und das tut, mit nicht ganz sauberen Methoden, Wilhelm Tell.

Entscheidend für den optischen Eindruck der Bühne ist ein abstraktes Röhrenwerk (Florian Lösche), das auf- und niederfährt, längs, quer, immer viel zu viel bedeuten will und damit zu viel Aufmerksamkeit abzieht.

Denn es gibt ja ein paar sehr gute Darsteller. Michael Volle, endlich wieder in München, macht aus dem Tell einen vielschichtigen Überzeugungstäter, nicht ungefährlich, weil uneinsichtig. Die grundbürgerliche Hedwige (Jennifer Johnston) hat denn auch zu Hause das Sagen. Volle geht schon beim ersten Bühnenton in Führung: Der Bariton prunkt, und er spielt einen frechen, selbstsicheren Kerl, der erst bei Apfelschuss außer sich gerät.

Sein Widersacher Gesler, hier mit dem ebenso bühnenmächtigen Günther Groissböck besetzt, der einen eleganten Tosca-Scarpia gibt, greift sich in dieser Szene plötzlich nervös an die Krawatte. Die Sache läuft ihm aus dem Ruder: ein guter Theatermoment.

Marina Rebeka als Prinzessin Mathilde hat eine koloraturengespickte Rossini-Partie reinsten Wassers und wird glänzend damit fertig. Ihr Liebhaber Arnold Melcthal (Bryan Hymel) hätte schöne Arien, hat aber einen etwas engen Tenor.

Liebling des Publikums ist die zarte Evgeniya Sotnikova als Tells Sohn Jemmy. Totenstille beim Apfelschuss – da muss man sich noch vor Schiller verbeugen!

Die Ouvertüre, das einzige Stück aus Rossinis Tell, das der normale Opernliebhaber kennt, kommt hier erst nach der Pause. Mit Dan Ettinger am Pult ist ihre Wirkung aber nicht größer, weil er die seltene Gelegenheit, das Publikum für das ganze Stück zu erwärmen, nicht nutzt. Rossini hat hier oft Stärkeres und Tieferes gegeben als in vielen anderen Opern. Aber nicht so viel, wie das Stück lang ist, und genau das wird bei Ettinger deutlich. Er ist sehr oft nur laut, vor allem beim Chor, der sich tags zuvor noch durch den schweren Macbeth singen musste. Er lässt die Sänger machen, zeigt (Premieren-?) Wackler und kaum eine erkennbare Linie. Dem Schlussapplaus hörte man das an, und das Regieteam musste auch einiges einstecken.

Beate Kayser 

Wieder am 2. und 6. Juli, Tel. 2185 - 1920.

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