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„Los Años / Die Jahre“ an den Kammerspielen: Wo sind all die Jahre hin?

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Von: Michael Schleicher

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Szene aus „Los Años / Die Jahre“ an den Münchner Kammerspielen.
Derselbe Mann, dieselbe Wohnung – simultan bespielt: links im Jahr 2020, rechts 2050. © Isabel Machado Rios/Ruhrtriennale 2021

Die Münchner Kammerspiele zeigen „Los Años / Die Jahre“ von Mariano Pensotti. Es ist ein berührender Abend. Unsere Premierenkritik:

Oft geht es ja katastrophal in die Hose, wenn das Theater versucht, Erzählweisen des Films zu nutzen. Nicht hier. Häufig versumpft eine Inszenierung auch in bittersüßen Klischees, wenn sie von Alltäglichem spricht. Hier nicht. Die Münchner Kammerspiele zeigen – in Zusammenarbeit mit der Ruhrtriennale, dem Hebbel am Ufer (Berlin), dem Künstlerhaus Mousonturm (Frankfurt/Main) sowie dem Complejo Teatral de Buenos Aires – „Los Años / Die Jahre“ von Mariano Pensotti. Am Freitag war Premiere des 105 Minuten langen, sehr sehenswerten Abends.

„Los Años / Die Jahre“ spielt auf zwei Zeitebenen

Der argentinische Autor und Regisseur zeigt mit seiner Grupo Marea zwei Abschnitte aus dem Leben des Filmemachers Manuel. Der steht im Jahr 2050 kurz vor seinem 60. Geburtstag, kehrt in die Heimat zurück und versucht, dort anzuschließen, wo im Jahr 2020 Weichen für seinen Lebensweg gestellt wurden. Die Geburt der Tochter, die Trennung von seiner Frau, sowie – für Manuel damals am wichtigsten: sein Erfolg mit einem Dokumentarfilm über Raúl, ein Bub aus dem Armutsviertel von Buenos Aires.

„Los Años / Die Jahre“ nutzt eine Art „Split-Screen“ wie im Kino

Im Schauspielhaus hat Mariana Tirantte die Wohnung Manuels zweimal aufgebaut – links im Jahr 2020, rechts drei Dekaden später. Beide werden simultan bespielt. Das erinnert an den sogenannten Split-Screen, wie wir ihn aus dem Kino oder von ambitionierten Fernsehproduktionen kennen. Zwischen beiden Zeitebenen auf der Bühne – und nicht durch den Schnitt im Studio – zu wechseln, ist eine Herausforderung fürs Ensemble. Es funktioniert beeindruckend leicht: Bernardo Arias Porras, Mara Bestelli, Paco Gorriz, Bárbara Masso, Marcelo Subiotto und Diego Vainer springen tatsächlich mühelos zwischen den Jahren und ihren Figuren hin und her. Unterstützt von einer punktgenauen Lichtgebung entsteht so ein organischer Erzählfluss, dem man gebannt folgt. Die Untertitel (deutsch/englisch) sind zudem derart geschickt in die Szenen integriert, dass selbst wer nicht Spanisch spricht, keinerlei Verständnisprobleme hat.

„Los Años / Die Jahre“ ist eine überzeugende Ensembleleistung

„Los Años / Die Jahre“ ist freilich nicht nur eine Spurensuche in Manuels persönlicher Geschichte. Der Text, der die paar Gags zu Corona und zu Lebensweisen der Gegenwart gar nicht nötig hat, ist vielmehr ein Nachdenken über die Zeit – und die Frage, was eine Biografie letztlich ausmacht. Denn nicht nur Manuel und die Menschen in seinem Umfeld sind um 30 Jahre gealtert, auch seine Ideen, Träume, Visionen und Sehnsüchte wurden von der Zeit heftig benagt. Übrig geblieben ist in der Regel ausschließlich: Ernüchterung. Es genügt eben nicht, als alter Mann das T-Shirt von damals überzuziehen, um die Ambitionen von einst frisch aufleben zu lassen.

Rauschender Applaus für „Los Años / Die Jahre“

Das könnte nun alles schrecklich melancholisch und deprimierend sein. Doch die Grupo Marea entfaltet diesen Werdegang mit einer großen Leichtigkeit, mit Sympathien für die Charaktere und mit einer ordentlichen Portion Humor. „Dann erfanden die Ägypter die Jahre“, heißt es einmal, „und seither ist nichts, wie es war“. Möglich, aber letztlich – und das zeigt die Inszenierung mit beiläufiger Poesie – ist es an uns, wie wir die Zeit nutzen.

Dieser Theaterabend, bemerkt die Erzählerin am Ende, sei nichts weiter als eine „Rezitation zu Klavierbegleitung“. Mag sein. Vor allem aber ist es das Leben selbst, das wir da gesehen haben. Rauschender Applaus.

Lesen Sie hier unsere Kritik zu „Effingers“, die Spielzeiteröffnung an den Münchner Kammerspielen.

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