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Putin-Kritikerinnen Pussy Riot kommen nach München: Auftritt in den Kammerspielen

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Von: Michael Schleicher

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Pussy Riot - Protest-Auftritt in Erlöserkathedrale in Moskau
Pussy Riot bei ihrem Protest 2012 in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau. © Mitya Aleshkovsky/dpa

Pussy Riot kommen nach München. Das russische Künstlerinnenkollektiv tritt an den Münchner Kammerspielen auf. Während Russland Krieg gegen die Ukraine führt, sei die Einladung der Putin-Kritikerinnen ein Statement, sagt das Theater.

Mehr als zehn Jahre liegen diese 41 Sekunden zurück – und doch wirken sie sich bis heute aus im Leben von Jekaterina Samuzewitsch, Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina. Ihre Namen kannten nach jenem 21. Februar 2012 auch viele Menschen außerhalb Russlands – bei ihren Aktionen verbergen sie ihre Identität eigentlich hinter Wollmasken und nennen sich Pussy Riot. Vor zehn Jahren, mit jenen 41 Sekunden, wurden Pussy Riot weltweit schlagartig zum Symbol für den innerrussischen Kampf gegen den Kreml.

Pussy Riot sind am 17. Mai 2022 in den Münchner Kammerspielen

Am 21. Februar 2012 sind die Frauen zusammen mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern illegal in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau aufgetreten. Keine Minute dauerte damals die Protestaktion, die sich gegen die Verflechtungen von Kirche und Staat in Russland richtete – in dem als „Punk-Gebet“ bezeichneten Stück sangen sie unter anderem „Maria, Mutter Gottes, verjage Putin“ und „Der Patriarch glaubt an Putin, obwohl er an Gott glauben sollte“.

Porträt der Intendantin Barbara Mundel im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele.
Intendantin Barbara Mundel hat Pussy Riot in die Münchner Kammerspiele eingeladen. © Marcus Schlaf/Münchner Merkur

Es war weder die erste noch die letzte Aktion von Pussy Riot – jetzt kommt das Kollektiv nach München: Am 17. Mai 2022 ist ein Auftritt mit anschließender Podiumsdiskussion in den Kammerspielen geplant. Die Veranstaltung im Schauspielhaus beginnt um 19.30 Uhr, Karten gibt es unter Telefon 089/233 966 00. „Die Einladung ist keine direkte Reaktion auf den Krieg in der Ukraine“, sagt Intendantin Barbara Mundel im Gespräch mit unserer Zeitung. „Aber sie kann natürlich als Statement wahrgenommen werden.“ Geplant ist der Auftritt der Russinnen schon länger; Corona zwang die Verantwortlichen mehrfach zur Verschiebung. Durch den russischen Angriff auf die Ukraine bekommt der Abend zusätzliche Brisanz – und Relevanz. „Natürlich treibt uns die Frage um, wie wir als Theater den zivilgesellschaftlichen Ungehorsam in Russland unterstützen können“, erklärt Mundel.

Kammerspiele wollen „zivilgesellschaftlichen Ungehorsam in Russland“ unterstützen

Pussy Riot ist ein dezentral organisiertes Kollektiv. Das bedeutet Sicherheit für die Aktivistinnen – heißt aber etwa, dass die Kammerspiele bislang nicht wissen, wer tatsächlich am 17. Mai im Schauspielhaus auf der Bühne stehen wird. „Es muss mit einer möglichen Gefährdungslage zu tun haben, dass sie uns noch nicht verraten, wer kommt“, sagt auch Sebastian Reier, Musik-Dramaturg des Hauses. „Wir respektieren das. Denn für uns ist es wichtig, dass der Abend stattfindet.“

Maria Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa von Pussy Riot.
Maria Aljochina (li.) und Nadeschda Tolokonnikowa von Pussy Riot. © Sigi Jantz

Dass es guten Grund zur Vorsicht gibt, zeigt der Fall von Maria Aljochina. Die 33-Jährige, die bereits 2018 mit dem eindrucksvollen Abend „Pussy Riot Theatre“ in der Münchner Muffathalle zu Gast war, sei erst Ende März aus der Haft entlassen worden, berichtet Reier. Beim Kurznachrichtendienst Twitter veröffentlichte sie am vergangenen Freitag, 8. April 2022, ein Foto, das nach ihren Angaben ihre zerschnittene elektronische Armfessel zeigt. „Fuck den Knast, kein Krieg“, schrieb Aljochina – und stellte zwei Herzen in den Farben der Ukraine dazu.

Das Verfahren gegen Pussy Riot nach der Aktion 2012 in der Christ-Erlöser-Kathedrale wurde im Westen übrigens als „Schauprozess“ eingestuft. Vor Gericht erklärten die drei Frauen damals, ihr Protest sei der „verzweifelte Versuch“ gewesen, das „politische System zu ändern“. Spätestens mit Putins Angriff auf die Ukraine dürfte nun wirklich allen klar sein, wie wichtig innerrussischer Protest gegen das Regime im Kreml ist.

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