Rock-Legende im Interview

Mark Knopfler: „Man wird ein Dinosaurier“

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Zurückhaltender Könner: Mark Knopfler hat ein vielfältiges Album aufgenommen.

Rock-Legende Mark Knopfler über sein neues Album, den Brexit, die Einsamkeit und warum er nach all den Jahren immer noch seinen alten Porsche 944 fährt.

London - Der Mensch Mark Knopfler kommt daher wie seine Musik: entspannt, klug und bei aller Könnerschaft sehr bescheiden. Der 69-Jährige empfängt gut gelaunt in seinem Studio im Londoner Stadtteil Chiswick, um über das Album „Down the Road wherever“ zu sprechen, das heute erscheint. Vorne im Hof parken drei Autos, alles deutsche Fabrikate, darunter ein schlammgrauer alter Porsche Turbo. Knopfler sitzt im kleineren von zwei Studios, im anderen spielt ein ganzes Orchester einen Filmsoundtrack des Meisters ein. Der Hausherr ist ein perfekter Gastgeber, kredenzt zu Beginn grünen Tee und lässt sich dann viel mehr Zeit, als eigentlich vorgesehen war.

Ihr neues Album heißt übersetzt „Die Straße runter – wohin auch immer“. Das wäre ein passender Titel für die Brexit-Verhandlungen.

Mark Knopfler (lacht): Stimmt. Es sind seltsame Zeiten, in denen wir leben, nicht wahr?

Berührt Sie die selbst gewählte Isolation des Königreichs? Ihr Vater Erwin war Immigrant aus Ungarn...

„Angela Merkel wird ein Vakuum hinterlassen“

Das tut es. Und die Menschen in Deutschland muss es auch nachdenklich machen. Angela Merkel, die sich jetzt zurückzieht, wird ein Vakuum hinterlassen. Auch da können extremere Kräfte hineinstoßen und das Land verändern. Die Situation ist wirklich ernst.

Offenbar fühlen sich viele Menschen von einer pluralistischen, globalisierten Welt bedroht. Ihr Song „My Bacon Roll“ handelt davon, oder?

Da spricht ein „Brexit-Man“, ja. Er ist vorzeitig in den Ruhestand gegangen, weil er in seinem Job nicht mehr zurechtgekommen ist. All das neumodische Zeug: Er erzählt von den lächerlichen Teambuilding-Maßnahmen des neuen Klugscheißers in der Firmenleitung, dem Bowling, dem Rafting. Auch dass man nirgendwo mehr bar zahlt – all das nervt ihn. Jetzt trinkt er erst mal ein Bier und will eine Schinkensemmel. Er hinkt meilenweit der Zeit hinterher – und das fasst es für mich ganz gut zusammen. Er will an etwas Veraltetem festhalten.

So wie er fühlen wir uns wohl alle ab und zu.

Klar. Ich fahre zum Beispiel immer noch meinen alten 1988er Porsche 944.

Der draußen auf dem Hof? Der ist wirklich schön.

Den habe ich, seit er neu war. Das ist mein Auto. Aber wenn sie weiter an den Abgas-Normen schrauben und ihn mir verbieten, was dann? Das macht mich ein bisschen wie den Brexit-Mann. Wir müssen alle mit der neuen Zeit zurechtkommen. Sonst werden wir zu Dinosauriern.

Ihr Album ist stilistisch sehr vielfältig – da hört man Reggae, Funk und gleich zwei Jazz-Balladen. Wie kommt’s?

Ich weiß es, ehrlich gesagt, auch nicht. Ich denke, man wird so alt, dass bestimmte Teile von einem fast stehen bleiben. Die Jazz-Balladen „Slow Learner“ und „When You leave“ kommen auch fast zum Stillstand. Man wird einfach uralt, eben doch ein Dinosaurier. (Schmunzelt.) Andererseits haben wir die Funk-Nummer gleich beim ersten Versuch hinbekommen. Mit einer Band wie der meinen kann ich einfach alles machen, was mir in den Sinn kommt.

Im Studio: Knopfler und Redakteur Johannes Löhr.

Trotzdem könnten die meisten Ihrer Lieder auch vor 50 Jahren geschrieben worden sein. Hören Sie zeitgenössische Popmusik überhaupt?

Oh ja! Ich war immer daran interessiert, obwohl ich mich sicher mehr im Folk- und Blues-Terrain tummle als beim Bubblegum-Pop. Obwohl: Bubblegum gab’s auch schon in den Fünfzigern und sogar davor. In meiner Jugend war das der Skiffle. Oder Cliff Richard, wie er sein Elvis-Ding machte. Diese Platten werden mir immer nah sein. Ehrlich gesagt, habe ich als Musiker angefangen, indem ich das erste Cliff-Album zusammen mit einem Freund spielte. Ich habe übrigens eine Session mit Cliff gemacht, vor drei oder vier Wochen. Nett, dass sich auf diese Weise ein Kreis schließt.

Wer kann das schon von sich behaupten?

Bei einer Show, bei der ich vor ein paar Jahren zu Ehren von Chet Atkins spielte, waren auch die Everly Brothers. Das war so aufregend für mich: Die Everlys spielten „Why worry“ – einen Song, den ich geschrieben habe! Und ich spielte in ihrer Band. Für diese Momente nimmt man alles in Kauf. Genauso wie mit Bob Dylan zu spielen – das verbindet einen mit der eigenen Kindheit.

„Wir brauchen alle ab und zu Aufmunterung“

Auf „Just a Boy away from Home“ – einem Blues – spielen Sie am Ende auf der Slide-Gitarre die Fußball-Hymne „You’ll never walk alone“. Wie kamen Sie darauf?

Das ist eine alte Geschichte. Mein Daddy lag im Krankenhaus in Newcastle, er hatte seinen ersten Herzanfall erlitten. Die Klinik befindet sich direkt neben dem Stadion von Newcastle United – das ist mein Team. (Hebt die Faust.) Mitten in der Nacht war er wach im Bett und bemitleidete sich ein bisschen selbst. Da hörte er plötzlich einen Bub auf der Straße singen: „You’ll never walk alone.“ Das bedeutet, der war ein Liverpool-Fan und hatte sich verirrt. Aber er ließ sich nicht entmutigen. Das hat meinen Vater aufgebaut. Ich habe die Idee übernommen und auf mich übertragen. Wenn man erwachsen wird, merkt man, dass das Leben nicht dasselbe ist wie als Kind. Wir brauchen alle ab und zu Aufmunterung.

Viele der Charaktere in Ihren Songs wirken einsam, wie in eine unwirtliche Welt geworfen.

Das stimmt.

Sind Sie einsam?

Das Liederschreiben ist eine einsame Tätigkeit. Genauso, wie wenn man Romane verfasst. Man gewöhnt sich dran. Wenn ich mit der Band spiele, wird’s allerdings weniger eigenbrötlerisch.

Sie haben gerade gesagt, Sie seien ein Dinosaurier. Gleichzeitig machen Sie sich im Song „Back on the Dancefloor“ lustig über Bands, die sich nach Jahren wieder zusammentun, um auf Tour zu gehen – oder Teile der Band, weil der Rest schon gestorben ist.

(Lacht auf.) Und am Schlagzeug sitzt ein Skelett. Stimmt, der Song handelt davon.

Gehe ich also recht in der Annahme, dass eine Wiedervereinigung der Dire Straits Sie nicht reizt?

Ich habe als Musiker niemals irgendwas für Geld gemacht. Klar, würde man dafür fürchterlich viel bekommen. Aber das interessiert mich nicht im Geringsten. Ich bin heute auf einem komplett anderen Trip.

Die Straße runter – wohin auch immer.

Ganz genau.

Mark Knopfler spielt am 7. Juli in der Münchner Olympiahalle; Karten unter Telefon 089/ 54 81 81 81.

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