Ein Festival im Zeitraffer

"Rockavaria": Sieger des Bandcontests stehen fest

München - Münchner für München: Lem Motlow aus der Landeshauptstadt und Tuxedo aus Österreich haben einen Platz auf der Bühne des "Rockavaria" ergattert.

„Kiss, Muse, Metallica, Tuxedo, Lem Motlow“ wird auf dem „Rockavaria“-Plakat zu lesen sein. Selbstverständlich mit anderen klangvollen Namen – Incubus, Blackberry Smoke oder Mad Caddies etwa. Aber vermutlich wird es keiner Band so viel bedeuten wie den Münchner Seventies-Rockern von Lem Motlow, die sich neben der österreichischen Hardcoreband Tuxedo beim Finale des „Rockavaria Bandcontests“ einen Platz beim neuen Münchner Festival „Rockavaria“ (29. bis 31. Mai) sicherten.

Zehn Bands gab’s zehnminutenweise am Freitag im Krone-Bau zu erleben: Scorefor aus Bad Tölz, The Birdwatchers aus Limerick/Fürstenfeldbruck, Michael & The Wolfhounds aus Miesbach, Restless aus Mühldorf, Stereostoned aus Regensburg, Tuxedo aus Mattinghofen sowie Vermillion, Lem Motlow, Masan und Envinya aus München (wir berichteten). Man muss der Jury, in der unter anderem Arno Frank Eser, Gründer des Münchner Rockmuseums, sowie der Gitarrist und Produzent Carl Carlton saßen, Respekt zollen: Selbst in Zehn-Minuten-Dosen verlangen zehn Bands am Stück beachtliche Aufnahmefähigkeit. Auch Geübte, die mit dem wohlbekannten Sättigungseffekt umzugehen wussten, der sich normalerweise erst an einem dritten Festivalttag breitmacht, hatten bei diesem Zeitraffer-Festival mit einem Gegner zu kämpfen: dem Sound.

Unter teils miserablen Bedingungen mühten sich die Gruppen durch den Abend. Die geringe Taktung ließ den Verantwortlichen am Mischpult aber auch nicht viel Zeit, sich auf die unterschiedlichen Stile einzulassen. So kam es, dass eine orgelgestützte Rockband wie Masan gegen ein dickbassiges Metalcore-Fundament anspielen musste oder ein klangbestimmendes Irish-Folk-Akkordeon (Michael & The Wolfhounds) beinahe ganz von Gitarre und Bass geschluckt wurde. Man ahnt es: Zuvor stand eine Hardcore-Band auf der Bühne. Daher waren die einfachen Rock-Spielarten im Vorteil: Die „bayerischen Ramones“, Restless aus Mühldorf, prügelten sich laut, eindrucksvoll und schnell durch ihr Programm und lösten das Sound-Problem durch schiere Kraft. Auch die Tölzer Skatepunker Scorefor waren mit ihren Dreiakkord-Sinfonien dank großartig getakteter Bass-Schlagzeug-Arbeit druckvoll zu erleben. Sie trafen als erste Band auf eine ziemlich volle Halle – und ernteten prompt „Zugabe“-Rufe.

Das schafften sonst nur die späteren Gewinner, Lem Motlow. Deren ausgefuchster, von Gruppen wie den Allman Brothers, Black Crowes oder The Free beeinflusster Hardrock kam ebenfalls klar und deutlich beim Publikum an. Was die Jury letztlich überzeugte, ist ungewiss: ihr professionelles Auftreten, der mitreißende Bluesrock-Groove, die Arbeit der sehr versierten Gitarristen oder die unaufgesetzt coole Präsenz des Sängers Sebastian Schweyer. Klar ist, dass man von dieser Band auch ohne Wettbewerb gehört hätte.

Ebenso wie von den anderen Gewinnern, denen der Überraschungseffekt des Abends gelang. Mit beispiellosem Aufwand dekorierte die österreichische Alpencore-Band Tuxedo für zehn Minuten die Bühne in „Musikantenstadl“-Optik, trat in Bundhosen und Trachtenwesten auf und bat die Zuschauer zu schmalzigem Zieharmonika-Intro zum Tanz vor die Bühne. Nur, um sie dann mit dichtem Hardcore zurückzuprügeln – begleitet von einem männlichen Gogo-Tänzer in Shorts. Dass die mit Abstand härteste, lauteste und skurrilste Band das Rennen machen sollte, erschien zunächst unwahrscheinlich, drängte sich aber vermutlich wegen der erkennbaren Spielfreude und des Unterhaltungswerts auf.

Ein feiner Zug vom Veranstalter, alle Musiker mit Eintrittskarten für „Rockavaria“ auszustatten, und eine große Geste der unterlegenen Musiker, die Gewinner zu feiern. Ein guter Abend also für die Münchner Rock-Kultur – und ein schlechter für alle, die bezweifeln, dass handgemachte Rockmusik eine Zukunft hat.

Christoph Ulrich

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