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Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards: „Das Leben ist zu interessant zum Sterben!“

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Von: Katja Kraft

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Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards
Seinen Sinn für Humor hat Rolling-Stones-Gitarrist Keith Richards von seinem Opa Gus geerbt. Gute Laune, die ansteckt. © Kevin Mazur

Die Rolling Stones spielen im Rahmen ihrer Europatournee im Münchner Olympiastadion. Gitarrist Keith Richards erzählt im Interview von seiner Liebe zu den Fans, ein Leben im Exzess und Woodstock 2.0.

Um Punkt 21.15 Uhr klingelt das Telefon. „Is this Katja?“, fragt eine bekannte Männerstimme. „Is this Keith Richards?“, antwortet man – und kann es selbst nicht so recht fassen. Wenn eine lebende Legende wie der inzwischen 78-jährige Gitarrist der Rolling Stones bei einem auf dem Festnetz daheim anruft – wegen der Zeitverschiebung in die USA, wo Richards lebt, erst am späten Abend –, dann war es das mit der professionellen journalistischen Distanz. Keith Richards an der Strippe? Klar ist man da nervös. Aber nur für exakt drei Sekunden. Denn dann lacht der ewige Rockstar das erste Mal in diesem Telefonat sein herrlich dreckiges Lachen. Er wird es noch viele, viele Male tun. So einnehmend und charmant, dass jede Aufregung verfliegt. Am 5. Juni spielen die Rolling Stones im Rahmen ihrer Europatour im Münchner Olympiastadion. Und wenn man ihn reden hört, voller Lebenskraft und guter Laune, hat man so das Gefühl: Das wird ein großer Spaß.

In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, dass Sie einst im Chor gelernt haben, wie man eine Band zusammenhält. Also: Wie hält man eine Band zusammen? Über solch einen Zeitraum – 60 Jahre!

Keith Richards: Ja, das ist echt eine verdammt lange Zeit. Wie macht man das? Ich glaube, das Wichtigste ist, dass die Leute in der Band zusammen bleiben wollen. Das hilft schon mal! Wir hatten unsere Ups und Downs, ist ja klar. Aber am Ende haben wir immer gemerkt, dass wir gemeinsam kreativer sind, dass da Sachen entstehen, die uns solo nicht gelungen wären. Und natürlich hat man sich über diese – mein Gott! – sechs Jahrzehnte?! einfach aneinander gewöhnt. Das Besondere daran, fester Teil einer eingespielten Gruppe zu sein, ist, die anderen so gut zu kennen, dass man bis zu einem gewissen Punkt vorhersehen kann, was gleich passiert. Auch das hält dich als Band zusammen.

Wie Mann und Frau?

Keith Richards: Na ja, bis auf diese nicht ganz unwesentliche Sache, die Mann und Frau teilen, die wir nicht geteilt haben... Aber ja, auf eine Art ist es wie eine Ehe. Und hier wie da gilt: Love it or leave it! (Lieb es – oder lass es sein, Anm. d. Red.)

Diese Einstellung scheinen Sie von Ihrem Opa Gus zu haben. Der war sehr wichtig für Sie. Er starb mit 83 – bald sind Sie selbst so alt. Merken Sie, dass Sie ihm heute ähneln?

Keith Richards: Oh du meine Güte, ja, manchmal sage ich Dinge genau wie er. Und denke dann: „Jetzt klingst du wie Gus!“ Je älter ich werde, desto mehr Ähnlichkeiten bemerke ich. Das ist verrückt. Aber schön verrückt!

Was haben Sie von ihm gelernt, was Sie heute gern Ihre eigenen Enkel lehren würden?

Keith Richards: Zu lachen! Gus hatte einen großartigen Sinn für Humor. Wobei man sagen muss, dass er sich jetzt nie mit mir hingesetzt und mir bewusst Lektionen fürs Leben erteilt hat. Wir haben einfach viel Zeit miteinander verbracht, Dinge gemeinsam unternommen. Und so habe ich mir manches abgeschaut. Diese Art von Großvater versuche ich auch zu sein. Mehr ein Freund als ein Lehrmeister. Ich hoffe, dass mir das gelingt! Aber hey, ich habe genug Enkel, um zu üben.

Wie viele?

Keith Richards: Sechs!

Und was lernen Sie umgekehrt von denen?

Keith Richards: Sie sind alle unterschiedlich alt, so lerne ich viele unterschiedliche Dinge von ihnen. Der Älteste ist 21, die Jüngste elf Monate. Die war heute bei uns. Ein kleiner Engel!

Singen Sie viel für sie?

Keith Richards: Sie singt für mich! Sie ist sehr charmant und hat eine tolle Stimme.

Mick Jagger (li.) und Keith Richards kommen mit den Rolling Stones ins Münchner Olympiastadion
Wollen am 5. Juni 2022 München rocken: Mick Jagger (li.) und Keith Richards kommen mit den Rolling Stones ins Münchner Olympiastadion. © Kevin Mazur

Wenn wir übers Singen sprechen: Wie viel Spaß hat das in den Anfangsjahren der Rolling Stones gemacht, auf der Bühne zu performen? Mit all den Frauen, die zu Ihnen hinaufgestürmt sind? War das nicht nur noch nervig –und angsteinflößend?

Keith Richards: Wenn man sich die Konzertvideos von damals anschaut, kann einem das wirklich Angst einflößen. Aber in dem Moment war es einfach nur unglaublich berauschend. Und unerwartet! Du erwartest als junger Kerl ja nicht, von hunderten Frauen überfallen zu werden. Es war so bizarr! Ein paar Mal wurde ich gewürgt – okay, das war ein bisschen unheimlich. Aber ansonsten fand’ ich es vor allem sehr, sehr lustig.

Inwiefern hat sich Ihr Publikum in all den Jahren verändert?

Keith Richards: Das ist erstaunlich: Ich habe das Gefühl, es hat sich gar nicht verändert. Mal abgesehen von den Anfangsjahren mit den durchgedrehten Teenie-Girls war unser Publikum danach sehr beständig – und bunt gemischt. Unsere Fans wirken auf mich wie alte Freunde. Du vermisst sie, wenn du sie lange nicht gesehen hast. Deshalb freue ich mich so auf die Europatour.

 Charlie Watts (1941-2021), Mick Taylor (verließ 1974 die Rolling Stones), Keith Richards und Mick Jagger 1973 auf einer Pressekonferenz.
Back in the Days: (v.li.) Charlie Watts (1941-2021), Mick Taylor (verließ 1974 die Rolling Stones), Keith Richards und Mick Jagger 1973 auf einer Pressekonferenz. © Getty Images

Und deshalb machen Sie weiter – obwohl Charlie Watts gestorben ist?

Keith Richards: Alle, die gestorben sind, sind in Gedanken bei uns.

Warum leben Sie eigentlich noch? Nach all den Exzessen...

Keith Richards: Ich weiß! Das frage ich mich auch. Das Leben ist halt zu interessant zum Sterben. Alles, was ich tun wollte, musste gemacht werden – da konnte ich doch nicht schlappmachen. Und hey, es war auch einfach wahnsinnig viel Kokain im Spiel.

Da hat man gleich Woodstock vor Augen... Brauchen wir ein neues Woodstock? Ein großes Musikfestival für den Frieden?

Keith Richards: Das ist keine schlechte Idee. Tatsächlich ist es eine sehr gute Idee! Ich frage mich, ob sich das organisieren ließe. Stellen Sie das auf die Beine – und ich bin sofort dabei. Denn jeder muss daran erinnert werden, dass wir einander brauchen.

Macht Musik die Welt zu einem besseren Ort?

Keith Richards: Sie kann sie nicht schlechter machen.

Sie hat auch Ihr Leben verändert. Als Kind träumten Sie davon, sich wie Billy Batson durch ein Zauberwort – „Shazam!“ – in Captain Marvel zu verwandeln. Ist Ihre Gitarre Ihr Zauberwort, mit dem Sie sich in einen Superhelden verwandelt haben?

Keith Richards: Das ist ein schöner Vergleich. Ja, ich glaube, ich habe ein einziges Mal im Leben richtig „Shazam!“ gesagt – und es hat funktioniert. Alles, was ich mir gewünscht habe, ist mir passiert. Ich hatte das Glück, mit allen großen Künstlern Musik zu machen, die ich als Kind bewundert habe. Unbeschreiblich! Also: Glück gehabt. Unfassbares Glück.

War es Glück – oder harte Arbeit?

Keith Richards: Auch harte Arbeit. Aber harte Arbeit ist okay, wenn du sie gerne machst. Witzigerweise merke ich immer erst danach, wie anstrengend ein Tag war. Dann stehen wir im Studio und sagen: „Das war harte Arbeit.“ Doch im Moment des Entstehens fühlt es sich nie so an.

Was haben Sie durch die Arbeit, also durch die Musik gelernt?

Keith Richards: Das Wichtigste: Sie lehrt dich Geduld. Denn es braucht Geduld, um das Wesen von Musik kennenzulernen. Geduld hatte ich als Kind nicht. Die habe ich durch die Musik entwickelt. Zweitens lehrt es dich, dir Dinge bewusst zu machen. Wenn du Musik aufmerksam hörst, dich ihr wirklich hingibst, erweitert sich dein Blick. Musik ist eine kostbare Medizin für die Seele. Wenn es Ihnen mal richtig schlecht geht: Rufen Sie mich an, dann singe ich für Sie – das hilft immer!

Sollte also jeder dazu ermuntert werden, Musik zu machen?

Keith Richards: Unbedingt! Es spielt keine Rolle, wie deine Stimme klingt, ob du die Töne richtig triffst, ob du im Takt bist. Du kannst immer singen oder trommeln oder klimpern. Es tut dir gut! Versprochen.

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