SALZBURGER FESTSPIELE: Martin Kušej inszenierte Schillers „Maria Stuart“ in Hallein

Popos, Politik und Frauen-Power: „Maria Stuart“ bei den Salzburger Festspielen

Szene aus Martin Kušejs „Maria Stuart“-Inszenierung mit Birgit Minichmayr in der Titelrolle.
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Die Staatsmacht im Rücken: Maria Stuart (Birgit Minichmayr) und Burleigh (Norman Hacker) in Martin Kušejs Schiller-Inszenierung.

Es war die letzte Schauspielpremiere dieses Salzburger Sommers: Auf der Perner-Insel in Hallein inszenierte Burgtheater-Direktor Martin Kušej Schillers „Maria Stuart“ mit Birgit Minichmayr, Bibiana Beglau und einem starken Ensemble. Unsere Premierenkritik:

  • Martin Kušej inszenierte Friedrich Schillers Tragödie „Maria Stuart“ für die Salzburger Festspiele.
  • Birgit Minichmayr beeindruckt in der Titelrolle.
  • Am Wiener Burgtheater kommt diese Ko-Produktion am 5. September heraus.

Als sie endlich einander begegnen, ist die Bühne zum ersten Mal an diesem Abend auf der Perner-Insel in Hallein leer. Verschwunden die 30 Männer, jene meist nackten Statisten, die ein so wichtiges Element in dieser „Maria Stuart“ der Salzburger Festspiele sind. Erloschen die Scheinwerfer, die Annette Murschetz oben an den drei Bühnenseiten montiert hat: So konsequent diese Lichtquellen aneinander anschließen, so ausweglos ist der Raum, so unbarmherzig wird er ausgeleuchtet.

Doch als es zur Unterredung kommt zwischen Maria Stuart, der nach England geflohenen schottischen Königin, und ihrer Cousine Elisabeth, die sie aus Angst einkerkern ließ, glimmt über der Szene nur eine Glühbirne. Und ihr Pendeln ist mehr als das Sinnbild für das Hin- und Herwogen des Streits der Monarchinnen. Es erinnert an den Anfang, als der abgeschlagene Schädel der Stuart über den Köpfen der Menschen schwingt, das bittere Ende vorwegnehmend.

Martin Kušej war acht Jahre lang Intendant des Münchner Residenztheaters

Martin Kušej, acht Jahre lang Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels und nun Direktor des Wiener Burgtheaters, hat diese letzte Schauspielpremiere des Salzburger Sommers eingerichtet. Seine Inszenierung von Friedrich Schillers 1800 uraufgeführter Tragödie hatte am Samstag Premiere und wurde nach zwei Stunden, 40 Minuten (keine Pause) heftig beklatscht. Es ist ein – etwas zu – langer, doch intensiver und klug gebauter Abend, der nicht zuletzt von der Klasse des Ensembles lebt, darunter sechs Ehemalige des Residenztheaters.

Marias Gegenspielerin: Königin Elisabeth (Bibiana Beglau).

Im gleißenden Licht, die Szenen durch Auf- und Abblenden hart trennend, wie er es gerne mag, seziert Kušej die Mechanismen der Macht. Mögen zufällig zwei Frauen an der Spitze sein, der Staat ist männlich: Mit den 30 Statisten findet der Regisseur ein starkes, wandelbares Bild. Diese Kerle, fast ständig anwesend, kommen in zig Formationen zusammen und erzählen vieles: Sie stehen für den Staatsapparat, ihre Nacktheit kündet von dessen Potenz. Sie sind Männerbund und Labyrinth, in dem sich das Individuum verirren, untergehen, aber auch verstecken kann: Als Elisabeth das Todesurteil für Maria unterzeichnet hat, aber nicht vermag, es zur Vollstreckung weiterzureichen, versteckt sich Bibiana Beglau hinter dieser staatlichen Ordnung, ruft von dort dem ebenso überforderten Davison zu: „Tut, was Eures Amtes ist.“

Starke Ensemble-Leistung in „Maria Stuart“

Ob Tim Werths in dieser Rolle, Oliver Nägele als besonnener Shrewsbury, Rainer Galke als strenger, aber fairer Kerkermeister der Stuart, Norman Hacker, der dem Scharfmacher Burleigh die Penetranz eines Staubsaugervertreters gibt, Itay Tiran und Franz Pätzold als Maria-Fanboys Leicester und Mortimer (Ersterer wird seinen Verrat im Alkohol ersaufen, Letzterer seine Freiheit durch Suizid retten): Die schauspielerischen Qualitäten beeindrucken. Pulsierendes Zentrum freilich sind Beglau und Birgit Minichmayr. Während die Beglau von Elisabeths Qualen vor allem körperlich erzählt, gestaltet Minichmayr die Maria aus Schillers Text heraus, den sie sich mit großem Verständnis zu eigen macht.

Kušej schließlich entlarvt den Staatsapparat als ein sich selbst erhaltendes System. Zeigt er zu Beginn die Statisten mit Sauerstoffmasken, so dröhnt in der hereinbrechenden Dunkelheit des Endes das Pumpen eines Beatmungsgeräts. Die Macht-Strukturen leben weiter.

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