Auftritt bei Salzburger Festspielen

Trotz #MeToo-Vorwürfen gegen Startenor: Salzburg feiert Placido Domingo

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Die Einsamkeit des #MeToo-Angeschuldigten: Placido Domingo im Großen Festspielhaus.

Es war der erste Auftritt nach dem Aufflammen der #MeToo-Vorwürfe gegen ihn. Plácido Domingo sang bei den Salzburger Festspielen in einer konzertanten Verdi-Aufführung - und wurde vom Publikum demonstrativ mit Standing Ovations gefeiert. Doch der Charme seiner Stimme ist dahin.

Salzburg - Manchmal braucht es nicht mal einen Ton. Eher, wie in diesem Falle, einige Misstöne, die in keiner Partitur verzeichnet sind. Salzburg steht jedenfalls zu Plácido Domingo, wenn auch anfangs zögerlich. Vor der konzertanten Aufführung von Giuseppe Verdis „Luisa Miller“ betraten sämtliche Solisten die Bühne des Großen Festspielhauses. Ein ungewöhnlicher Vorgang und eine krampfige kollegiale Demonstration. Ein paar Gala-Gäste, Damen vorwiegend, erhoben sich daraufhin, blieben zunächst allein. Doch irgendwann fand dann fast das gesamte Auditorium: Dem Manne, von #MeToo-Vorwürfen gebeutelt, muss geholfen werden. Gern mit Standing Ovations.

Eine Ver- und Beurteilung des Stars verbietet sich (noch). Offenbar sollte das Adrenalin raus bei dieser Aufführung, die zum Verdi-Kracher wurde. Dramatik, das dachten sich weite Teile der musikalischen Fraktion, die braucht Dezibel. Bei Piotr Beczala, aus Bayreuth angereist von seinen Lohengrins und (da er zuvor in Barcelona ebenfalls für „Luisa Miller“ gebucht war) quasi zurückgekehrt zum Rodolfo, geht so etwas gut aus. Ein Stilist mit vollmundigen, souverän angesteuerten Tönen. Beczala war allerdings so auf Emphase gepolt, dass er nur gelegentlich ins Zärteln zurückschaltete, am schönsten im zweiten Teil der großen Arie. Der Rest tönte verdächtig nach Radames-Bewerbung.

Bei Twitter stößt das Video vom großen Applaus für Placido Domingo auf große Resonanz:   

Etwas schwieriger verhält sich die Sache bei Nino Machaidze. Vor elf Jahren in Salzburg als Netrebko-Einspringerin ins Rampenlicht geschossen, hat die Stimme eine problematische Entwicklung genommen. Alle Töne sind da (bis auf die angetäuschten Triller), allerdings frostig und mit hohen, unangenehmen Säurewerten. Es geht auch anders, verhaltener, gerundeter im Klang, doch das entdeckte die Georgierin für sich und für die Hörer punktuell erst in Akt zwei. Im Bass-Duell glückte Roberto Tagliavini als Graf Walter ein Punktsieg. John Relyea (Wurm) wird sich irgendwann an seinen eigenen Tönen verschlucken.

In der Partitur verirrt

Verdis „Luisa Miller“, basierend auf Schillers „Kabale und Liebe“, funktioniert konzertant nur bedingt. Statt ein Seelendrama aufzurollen über eine Titelheldin, die sich nach Zweisamkeit sehnt mit Rodolfo und dabei von dessen Vater samt eifersüchtigem Angestellten Wurm ausgeknockt wird mit Gifttod-Folge, driftete alles in die ständig beklatschte Nummernrevue. Auch weil Dirigent James Conlon mehr an der robusten Abwicklung interessiert war: Das Salzburger Mozarteumorchester hat man schon feinfühliger erlebt. Die Belegschaft schlingerte sich durch die Ouvertüre, später wurde es prägnanter, geschlossener. Doch angesichts der vielen Festspieltermine liegt eine Diagnose nahe: Die sind einfach fertig.

Für Salzburg bleiben solch konzertante Spektakel eine hübsche, kassenträchtige Angelegenheit. Ein – im Zweifelsfall störender – Regisseur samt Deko wird nicht gebraucht. Die Aficionados kommen ohnehin nur wegen der Sänger. Doch dann müssten alle Positionen wirklich so angemessen besetzt werden, wie es zu Festival-Beginn bei Cileas „Adriana Lecouvreur“ um Anna Netrebko passierte. Womit wir bei Domingo wären.

Ursprünglich, so wird geraunt, habe er die Titelrolle im Salzburger „Simon Boccanegra“ für sich reklamiert. Als die Entscheidungsträger das ablehnten, gab’s den Luisa-Vater Miller als Entschädigung. Domingo, offiziell Jahrgang 1941, muss man eines lassen: Die Stimme, nun zum Bariton tiefergestuft, hat noch Präsenz und Tragfähigkeit. Doch wo es kleinteiliger wird, wo mehr gefragt ist als temporäre Dramatik, da wird es schwierig. Kurzatmig ist der Star geworden, an Phrasen-Wölbungen ist kaum mehr zu denken. Vieles klingt laut und stumpf. Die Cabaletta wird leidlich und gefährdet absolviert. Im ersten Finale verirrt er sich ein wenig in der Partitur, später unterlaufen Fehler. Was folglich eines nahelegt: Abtreten ja – aber nicht unbedingt wegen des #MeToo-Aufregers.

Weitere Aufführung am 31. August; Telefon 0043/662/8045-500.

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