Er verkörpert einen Prinzen

Samuel Koch: Gastspiel am Volkstheater

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Samuel Koch als Prinz von Homburg hoch zu Ross: Die Regie verbindet mit Geist und Gefühl Kochs Querschnittslähmung mit Kleists Drama. Die Gesellschaft (links oben) ist in Konventionen erstarrt.

München - Samuel Koch spielt gut vier Jahre nach seinem tragischen Unfall bei "Wetten, dass..?" die Titelfigur in Kleists "Prinz von Homburg" am Volkstheater. Die tz-Kritik:

Es ist ein besonderer Theaterabend beim Festival Radikal jung im Volkstheater. Kleists Titelfigur im Prinz von Homburg wird in diesen gut 100 Minuten von Samuel Koch gespielt (siehe unten), dem nach einem Sturz bei Wetten, dass..? querschnittsgelähmten jungen Mann, der trotz seines Leids Millionen Menschen viel Kraft und Mut spendet und nicht aufgibt – im Gegenteil.

Juliane Kanns Inszenierung funktioniert, weil die Regisseurin eine Haltung gefunden hat – zum Stück, zu Samuel Koch und zu dessen Handicap. Die Analogie zur Unbeweglichkeit ihres Hauptdarstellers findet Kann in den starren Regeln am Hof des brandenburgischen Kurfürsten: Auf der leeren Bühne steht ein Podest, dessen Holzmaserung sich bis in die Kostüme fortsetzt. Gipspaste lässt die Gesichter, Köpfe und Arme der Darsteller starr wirken. Wie in Zeitlupe führen sie die starren Posen des höfischen Lebens vor. Festgefahren, eingerostet in ihrem Regelkorsett ist diese Gesellschaft schon optisch, einzig Homburg hebt sich davon ab: schwarze Schuhe, gülden geschminkt das Gesicht.

Die Regisseurin und ihr Hauptdarsteller zeigen den Prinzen als beinahe modernen Menschen, der das Prinzip des unreflektierten Gehorchens fast überwunden hat, der wie zerrissen ist zwischen Pflichtgefühl und dem Drängen des eigenen Herzens. Mit dem schwarz gekleideten Tim Wiebus ist Samuel Koch ein „Schatten“ zur Seite gestellt, der nicht nur diesen Zwiespalt Bühnen-Realität werden lässt, sondern auch dort interagiert, wo es jenem nicht möglich ist.

Die Regisseurin inszeniert den Prinzen zunächst als Marionette im höfisch-militärischen Geflecht – eine schlüssige Interpretation, die auch erlaubt, dass Koch im Halbdunkel von Mitspielern in neue Positionen gesetzt wird. Am Ende findet die Figur zu sich selbst und gewinnt Autonomie: Samuel Koch sitzt dann im Elektro-Rollstuhl und ist nicht mehr auf Hilfe angewiesen. Diese Befreiung schließt jene Offiziere ein, die beim Kurfürsten um Gnade für Homburg bitten, der entgegen des Befehls zu früh in die Schlacht geritten ist: Mathias Znidarec und Nicolas Fethi Türksever reiben sich die Gipsmaske vom Gesicht und ziehen jene Uniformteile aus, die mit Holzmaserung bedruckt sind – und sie bis dato optisch fest mit dem Boden verbunden haben.

All das mag naheliegend sein – ein, zwei kräftige „Buh“-Rufe gab’s beim Gastspiel. Doch entwickelt die Inszenierung, in der alle Regieanweisungen mitgesprochen werden, einen traumwandlerischen Sog. Zu diesem ruhigen Erzähltheater passt die große Leinwand im Bühnen-Hintergrund: Im projizierten Video bewegt sich die Kamera schnurgerade durch einen leeren Schlossgarten. Im Schneckentempo, bis sie vor einer Mauer stehen bleiben muss: aussichtslos.

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Samuel Koch: Zur Person

Samuel Koch (27) erlangte am 4. Dezember 2010 tragische Berühmtheit, als er bei Wetten, dass..? bei seiner Wette schwer stürzte und seitdem querschnittsgelähmt ist. Seit Juni 2014 ist der junge Mann festes Ensemblemitglied des Staatstheaters Darmstadt. Von August bis September 2014 war er auch in der ARD-Telenovela Sturm der Liebe als Tim Adler zu sehen. Koch, der im südbadischen Efringen-Kirchen aufgewachsen ist, hat 2012 auch eine preisgekrönte ­Autobiografie verfasst (Zwei Leben).

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