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Schock in der Bayerischen Staatsoper: Zum Tod von Dirigent Stefan Soltesz

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Von: Markus Thiel

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Dirigent Stefan Soltesz nach Zusammenbruch gestorben
Stefan Soltesz hätte in München „Die schweigsame Frau“ von Richard Strauss dirigieren sollen. Zwei Minuten vor Ende des ersten Akts ereignete sich die Tragödie. © David-Wolfgang Ebener/dpa

Mitten in der Münchner Festspiel-Aufführung der „Schweigsamen Frau“ ereignet sich die Tragödie: Dirigent Stefan Soltesz bricht zusammen und stirbt wenig später im Alter von 73 Jahren.

München – Zwei Minuten hätte der erste Akt der „Schweigsamen Frau“ am vergangenen Freitag vielleicht noch gedauert, da bemerken die Musikerinnen und Musiker eine Unsicherheit beim Dirigenten. Nur Augenblicke später der Schock: Stefan Soltesz sackt nach rechts, fällt ungebremst vom Podest und bleibt zwischen den Bratschenpulten und der Wand des Orchestergrabens liegen. „Definitiv kein Schwächeanfall“ sei dies gewesen, wie es ein Mitglied des Bayerischen Staatsorchesters am Morgen danach formuliert. Allen sei klar gewesen: Es war Schlimmeres.

Nachdem der Theaterarzt Erste Hilfe geleistet hat und das Publikum in die Foyers der Bayerischen Staatsoper in München geschickt wurde, habe man versucht, Soltesz über eine halbe Stunde wiederzubeleben, wie es Beteiligte übereinstimmend berichten. Mit dem Krankenwagen wurde der 73-Jährige dann in die Klinik gebracht, wo er nur wenig später verstarb.

Zum Tod von Stefan Soltesz: Er galt als kundiger Stilist und herausragender Handwerker

Die Nachricht von Soltesz’ Tod verbreitet sich am Freitagabend rasant und lässt die Opernwelt den Atem anhalten. „Wir verlieren einen begnadeten Dirigenten“, twittert Serge Dorny, Intendant der Bayerischen Staatsoper. „Ich verliere einen guten Freund. Meine Gedanken sind bei seiner Frau Michaela.“ Eigentlich hätte Soltesz’ Dirigat ein Höhepunkt der Richard-Strauss-Reihe bei den Münchner Opernfestspielen sein sollen. „Die schweigsame Frau“, nicht unbedingt ein Repertoirestück, dazu eine knifflige Partitur – die perfekte Opern-Literatur für Soltesz, der in der Szene als Alleskönner galt, als Musikant, als kundiger Stilist und herausragender Handwerker.

Soltesz wurde 1949 in Ungarn geboren und übersiedelte mit der Familie nach Wien, wo er Mitglied der Sängerknaben wurde und später auch studierte. Und dies bei Hans Swarowsky, einem der legendärsten Dirigenten-Lehrer des 20. Jahrhunderts. Bei einem, der seinen Schülern klar machte, dass nicht das Ego und irgendein Interpretationsgewese, sondern einzig Analyse und Handwerk für das Gelingen eines Abends entscheidend sind.

Stefan Soltesz war in großen Häusern als Dirigent beschäftigt

Soltesz schlug daraufhin die klassische Kapellmeister-Laufbahn ein, stand in Wien und Graz im Graben, assistierte auch Karl Böhm und Herbert von Karajan. Höhepunkt seiner Karriere war die Zeit am Aalto-Theater in Essen. Von 1997 bis 2013 war er dort nicht nur Chefdirigent, sondern – eher ungewöhnlich für einen Vertreter seiner Zunft – auch Intendant. Das Haus wurde dank Soltesz zum hervorragend funktionierenden, breit aufgestellten Repertoire-Betrieb, der auch Gesangs- und Regie-Stars lockte. Und gerade weil dieser Pultmann bei so vielen Komponisten und in mehreren Stilen zu Hause war, holten die großen Häuser ihn für Gastdirigate.

Soltesz’ Umgangston, direkt, unverblümt bis zuweilen ruppig, mag ganz alte Schule gewesen sein. Wer das akzeptierte, wer ihn zu nehmen wusste, der erlebte aber sowohl als Ausübender als auch als Zuhörer unvergleichliche Opernabende. Nur eine Probe wie jetzt bei der „Schweigsamen Frau“ in München musste und konnte für Soltesz daher ausreichen.

Der Tod von Soltesz setzt eine unglückselige Münchner Reihe fort

Sein Tod setzt eine unglückselige Reihe fort. Am 21. Juni 1911 brach der Dirigent Felix Mottl in der Münchner Hofoper während einer Aufführung von Wagners „Tristan und Isolde“ zusammen. Am 20. Juli 1968 schied Joseph Keilberth im Nationaltheater bei demselben Stück aus dem Leben. Am 30. Mai 1989 starb Giuseppe Patané dort kurz nach dem Beginn von Rossinis „Barbier von Sevilla“. Und dasselbe Schicksal wie Soltesz widerfuhr am 20. April 2001 auch Giuseppe Sinopoli an der Deutschen Oper Berlin, als er während Verdis „Aida“ zusammensackte und wenig später im Krankenhaus starb.

„Für alle Beteiligten ein großer Schock“, schreibt am Tag nach Soltesz’ Tod ein Sänger auf Facebook. „Aber ich denke, er hätte es sich vielleicht sogar so gewünscht, wenn auch viel später. Ruhe in Frieden.“

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