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Schumann-Lieder mit Christan Gerhaher: Gipfelsturm in 299 Etappen

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Von: Markus Thiel

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Christian Gerhaher und Gerold Huber
Seit Jahrzehnten künstlerisch vereint sind Christian Gerhaher (re.) und Gerold Huber. © Wilfried Hösl

Seit 2017 haben Christian Gerhaher und Gerold Huber an der Aufnahme aller Schumann-Lieder gearbeitet. Herausgekommen ist dabei eine epochale Einspielung auf elf CDs.

Seltsam sei das. Aber nur bei Robert Schumann gehe es ihm so, dass er „jedes Lied großartig“ finde. Es ist eine karrierelange Beschäftigung, die Christian Gerhaher zum „Schumannianer“ gemacht hat, wie er es ausdrückt. Die „Faust-Szenen“ hält er für die beste Vertonung des Stoffes, und bei den über 300 Liedern gebe es vielleicht eines, das ihm nicht so gefalle. „Ein guter Schnitt“, wie der Bariton kürzlich bei einer Schumann-Woche auf Schloss Elmau sagte. Insofern war diese Einspielung aller Lieder gar nicht mal überraschend. Wobei man „alle“ genauer definieren muss: Es sind 299, ein paar wenige fehlen.

Seit Anfang 2017 arbeitete Gerhaher mit seinem symbiotischen Dauer-Klavierpartner Gerold Huber an diesem Projekt, unterstützt von handverlesenen Sängerinnen und Sängern. Was mit der elf CDs umfassenden Box nun vorliegt, ist nichts weniger als eine epochale Lied-Aufnahme, und das meint nicht allein das Œuvre Schumanns. Zusammengefasst wurden die Stücke in 45 Zyklen. Manche sind bekannt, andere runden sich, dank Gerhahers und Hubers Überlegungen, zur inhaltlich und kompositorisch begründeten Reihe.

Schumann liegt Gerhaher am besten

Naturgemäß ist es unmöglich und auch wenig sinnvoll, all dies hier genau zu würdigen. Es ist eine lange Abenteuerreise, auf die sich jeder selbst einlassen darf – dies mit großem Gewinn und Genuss. Aber es gibt Grundlinien, Gemeinsamkeiten: Aus jedem von Gerhahers gesungenen Liedern springt einem entgegen, wie sehr ihm dieser Komponist liegt. Weil Schumann nicht wie Schubert oder Mahler auf eine oft unmittelbare, emotional sofort zu fassende Aussage zielt. Schumanns Doppel- und Dreifachbödigkeit, die sich mit nur scheinbarer romantischer Gefälligkeit tarnt, verbietet dem Interpreten die reine Identifikation. Gerhaher, der dies als Seelen-Striptease bezeichnen würde, ist so etwas ohnehin ein Graus.

All dies sind also keine Mini-Opern oder -Dramen, keine nur situativen Zustandsbeschreibungen oder Reflexionen. Schumann fordert anderes: die Draufsicht, das Zurücktreten (ohne kühle Distanzierung), das Abwägen, überhaupt die Beobachtungsgabe des singenden Ichs, das sich dem Geschehen eher entzieht, als sich hineinzuwerfen. Man höre dazu nur ein vordergründig munteres Stück wie „Der Knabe mit dem Wunderhorn“ – bei Gerhaher hallt das Volkstum lediglich wider, ist „nur“ Ausgangspunkt seines Gesangs. „Talismane“ kommt völlig ohne religiöses Pathos aus. Und manchmal entsteht Interpretation bei ihm nicht allein aus Textdeutung, sondern auch aus der Rhythmisierung von Silben und Wörtern. Zum Beispiel im Lied „Räthsel“, das hier nicht neckisches Quiz ist, sondern Humor auf einer zweiten Ebene.

Die Hauptlast dieser Edition trägt Gerold Huber

Auffallend ist, dass Gerhaher verschiedene Zugriffe wählt, sich für die unterschiedlichen Zyklen gleichsam maskiert. Im Liederkreis op. 39 auf Eichendorff-Gedichte bewegt er sich weg vom Deklamatorischen, singt anders, mehr auf Linie, mit einem (gerade weil er das Wort nicht dem Klang opfert) perfekten Legato. Den Hit der „Dichterliebe“ haben Gerhaher und Huber für diese Box ein zweites Mal eingespielt. Man registriert eine Verfeinerung, die längere Erfahrung mit diesen Stücken, aber auch (vielleicht bedingt durch das häufige Singen im Konzert) ein Kippeln in die Überinterpretation.

Gerold Huber trägt die Hauptlast dieser Edition, er saß bei allen 299 Liedern am Klavier. Und es ist bestechend, wie subtil, uneitel und wissend er sich auf die jeweiligen Situationen einstellt: auf die Stücke, aber auch auf die anderen beteiligten Sängerinnen und Sänger. Auf die weiterhin jugendfrische Sopranistin Sibylla Rubens etwa, auf Wiebke Lehmkuhl mit ihrem Charakter-Mezzo, auf die fein nuancierende Sopranistin Christina Landshamer oder auf Martin Mitterrutzner mit seinem schlackenlosen, biegsamen Tenor. Und manchmal treten sie auch gemeinsam auf wie im „Spanischen Liederspiel“ oder in den „Spanischen Liebesliedern“, was besonderes Hörvergnügen ist – gerade in der Unterschiedlichkeit der Stimmzuschnitte. Fast wie nebenbei glücken hier Referenzaufnahmen dieser Zyklen. Auch übrigens bei „Frauenliebe und Leben“. Es gibt kaum eine Solistin, die diese Lieder so singt wie Sopranistin Julia Kleiter: ohne vordergründige Schwärmerei, nobel, textbewusst, kristallklar in der Tongebung und doch so tief eintauchend.

Christian Gerhaher und seine Mitstreiter sind nicht die Ersten, die sich an Schumanns Wunderwerk gewagt haben. Natürlich hat dies Dietrich Fischer-Dieskau schon getan, dabei aber wesentlich weniger Lieder berücksichtigt. Und Pianist Graham Johnson versammelte einst für sein enzyklopädisches Projekt eine ganze Reihe von Sängerinnen und Sängern um sich. Vergleiche mögen daher hinken. Doch in dieser Komplexität und künstlerischen Kollegialität, das Urteil sei gewagt, hat noch keiner die Lieder gedeutet. Ein Schumannianer wie Gerhaher hat also seinen persönlichen Gipfel bezwungen. Was ja zu einer beunruhigenden Überlegung führt: Was soll jetzt noch kommen?

Robert Schumann:
Alle Lieder (11 CDs). Christian Gerhaher u.a., Gerold Huber (Sony Classical).

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