Schauspieler vor Sommerpause

Sebastian Blomberg: Kunst hat mit Kunst zu tun

+
Sebastian Blomberg.

München - Sebastian Blomberg erhärtet in seiner Person die viel entscheidendere Tatsache, dass Kunst mit nichts anderem zu tun hat als mit Kunst. Das tz-Gespräch.

Das hat ja geflutscht wie nichts: Abitur in Salem, Reinhardt-Seminar in Wien, Eltern, die absolut nichts hatten gegen eine Schauspielerkarriere – und nach dem Abschluss Engagements in Wien, Basel, Zürich, Hamburg, Berlin. Auch der Film griff schnell zu. Und das alles entgegen der landläufig sentimentalen Ansicht, es müsse sich einer durch die Nacht zum Licht arbeiten, furchtbare Widerstände überwinden, um ein Künstler zu werden.

Sebastian Blomberg, dem alles zuzufallen schien, ist der Gegenbeweis und erhärtet in seiner Person die viel entscheidendere Tatsache, dass Kunst mit nichts anderem zu tun hat als mit Kunst. Woher die kommt, welche Wege sie geht – wer weiß es?

„Ich habe natürlich auch meine Umwege gemacht“, sagt Blomberg (42), seit September 2011 unser Glanzstück am Residenztheater, wo er das Publikum begeistert mit seiner Vielseitigkeit, mit seiner feinen Genauigkeit, seinem sicheren Handwerk und dem kleinen Schuss Rätselhaftigkeit, die seine Rollen so fesselnd macht.

Gerade hat München gelacht über seinen eitlen Erbschleicher Ferdinando in Goldonis Trilogie der Sommerfrische. Eine Zusammenarbeit mit Herbert Fritsch, mit dem er in München auch schon Gogols Revisor an die Grenzen der Rolle trieb. Es muss einer seiner selbst und seiner Mittel schon sehr sicher sein, um so schamlos zu übertreiben ohne jede Angst vorm Absturz. Das Wunderbare: Es ist ein kontrolliertes sich bis zum Exzess Ausliefern („Ich hab lange gebraucht, so weit zu gehen“). Im Grunde tut Blomberg das immer: Bei Martin Kušéj zusammen mit Birgit Minichmayr im heiß-kühlen Interview von Theo van Gogh und sehr berührend, zusammen mit Bibiana Beg­lau, in Heiner Müllers Zement, der letzten Inszenierung von Dimiter Gotscheff, der kurz danach starb.

Überhaupt Gotscheff, von seinen Schauspielern liebevoll Mitja genannt. Er nannte den jungen Blomberg „Kleiner“, nahm ihn in seine Künstlerfamilie auf, worüber der so glücklich wie stolz war. Und er bestätigt unsere Überzeugung, dass Kunst eben mit Kunst zu tun hat: „Ich hatte mit Mitja keinerlei Ähnlichkeit in der Biografie, und doch gab es vom ersten Moment an auf der Bühne eine Übereinstimmung im Empfinden, in dem, was wir beide für wichtig hielten.“

Romuald Pekny, der große Schauspieler, sagte einmal: „Schauspieler sind arme Hunde. Man muss gewollt werden. Und wenn einer ein Leben lang auf den Lear gewartet hat‚ der Regisseur aber jemand anderen in der Rolle sieht, dann ist die ein für allemal weg.“

Hat Pekny recht? Zumindest als Mitglied eines festen Hauses. Da kann man doch nicht auf einer Rolle bestehen und auch keine ablehnen. Blomberg: „Doch. Ablehnen kann jeder. Sicher – man muss zum Tanz aufgefordert werden. Ich fühle mich nicht als armer Hund, aber ich will reden über das, was der Regisseur vorhat, wissen, wo’s hingehen soll. Gibt es einen Grund, dieses Stück so zu machen? Das sind die wichtigsten Fragen, die vorher geklärt werden müssen, sonst werde ich müde. Und ich traue mich, danach zu entscheiden.“

Sind Sie schon mal aus einem Stück ausgestiegen?

Sebastian Blomberg: Nein, nie. Darum rede ich ja gern vorher. Bei einem festen Ensemble ist die Verantwortung natürlich größer, als wenn man nur Gast am Haus ist. Es ist ein Testballon, dass ich, nachdem ich lange frei war, mich wieder an ein Haus gebunden habe. Ich glaube, da ändert sich gerade was. Ich merke bei vielen Kollegen eine Sehnsucht, wieder eine künstlerische Heimat zu haben.

Wie abhängig sind Sie eigentlich von Ihren Partnern?

Sebastian Blomberg: Sehr. Wenn der Partner zuhört, etwas einfordert von dir – wie Birgit Minichmayr oder Bibiana Beglau. Dann versteht man manchmal erst, was in einem steckt.

Wie beurteilen Sie die Theatersituation ganz allgemein?

Sebastian Blomberg: Da hat sich viel geändert. Manchmal fehlt den Theatern zurzeit die Schlagkraft wegen des fehlenden Diskurses. Theater muss heute in einem gesellschaftlichen Kontext stehen, sonst ist es abgeschottet. Da erwarte ich mir viel von Matthias Lilienthal als Nachfolger von Johan Simons an den Kammerspielen. Das ist eine gute Entscheidung. Theater ist doch einer der letzten öffentlichen Diskussionsräume. Dazu muss man alle einladen: Philosophen, Zukunftsforscher. Theater muss in einen weiten Begriff gefasst werden, und das wird Lilienthal tun.

Bleiben da nicht unsere großen Stücke auf der Strecke? Möchten Sie nicht mal die Wunschrollen von Shakespeare bis Kleist, von Tschechow bis Bernhard spielen?

Sebastian Blomberg: Doch, irgendwann mal Shake­speares Richard III.

Und mit welchem Regisseur?

Sebastian Blomberg: Tja, da stünde Mitja ganz oben auf der Liste.

In nächster Zeit steht ein Film an …

Sebastian Blomberg: Eine rabenschwarze Komödie um Versicherungsbetrug, und das braucht Zeit und Raum. Ich muss das Drehbuch schreiben, die Finanzierung sicherstellen …

Beate Kayser

Auch interessant

Meistgelesen

James Blunt in der Oly-Halle: Publikum flippt völlig aus
James Blunt in der Oly-Halle: Publikum flippt völlig aus
Wanderkonzert: LaBrassBanda mit Fans auf der Hütte
Wanderkonzert: LaBrassBanda mit Fans auf der Hütte
Erstaunlich, nicht erwachsen: München feiert Elektropop-Sängerin Lorde 
Erstaunlich, nicht erwachsen: München feiert Elektropop-Sängerin Lorde 

Kommentare