Nachruf auf den großen Dramatiker

Tankred Dorst: Der selbstbewusst Bescheidene

Trauer um den eng mit München verbundenen Dramatiker Tankred Dorst, der im Alter von 91 Jahren gestorben ist

„Die Abschaffung des Todes“: So lautet der Titel eines Stücks von Tankred Dorst. Ein Stück, 1977 in Frankfurt uraufgeführt, das das berühmte Brüderpaar des 19. Jahrhunderts, die Schriftsteller Edmond und Jules de Goncourt, als Hauptpersonen hat. Wie ein realer Schatten begleitet Jules, der früh Verstorbene, seinen Bruder Edmond durch die politischen und intellektuellen Wirren des deutsch-französischen Krieges und der Pariser Kommune um 1870/71. Das Thema: Wie ließe sich wirkungsvoller der Tod ad absurdum führen als durch die die eigene Existenz überdauernde Literatur? Der Tod als Triumph des Lebens – das ist der Lorbeer des Dichters. Mit seinem Werk hat sich der Dramatiker Tankred Dorst in die Unsterblichkeit geschrieben. Gestern hat sein immerjunges Herz aufgehört zu schlagen – im Alter von 91 Jahren.

Es ist seltsam, vielleicht auch bezeichnend für den gegenwärtigen Zustand deutschsprachiger Bühnen und die geistige Bequemlichkeit ihres Personals, dass „Goncourt oder Die Abschaffung des Todes“, so der vollständige Titel des eingangs zitierten Stücks, in der Versenkung verschwunden zu sein scheint. Dabei handelt es sich gerade zum gegenwärtigen Zeitpunkt um ein Werk von irisierender, hochpoetischer und politischer Aktualität. Wie eigentlich alle Dorst-Texte. In Zukunft erst wird sich erweisen, inwiefern Tankred Dorsts umfangreiches Œuvre zeitüberdauernde Relevanz besitzt.

In Thüringen am 19. Dezember 1925 geboren, in Berlin, wohin es ihn erst vor wenigen Jahren aus Alters- und familiären Gründen verschlagen hat, gestorben, war und bleibt er dennoch der Autor, der aus München kommt. Hier hat er studiert, hier hat er gelebt, geliebt, gearbeitet. Egal wo er gerade tätig war, ob in Stuttgart, Hamburg oder Berlin, ob am Theater oder beim Film, ob mit Peter Zadek, Peter Palitzsch oder Dieter Dorn: Tankred Dorst war immer ein Münchner Autor, nie ein bayerischer. Einer, der sich nie vorgedrängt hat, der eigene Premieren mied, der aber dennoch immer präsent war.

Wie ein roter Faden zieht sich durch sein gesamtes Werk das Trauma des Zweiten Weltkriegs. 1944 wurde der knapp 19-Jährige zur Wehrmacht eingezogen und an die Westfront geschickt. Der Fabrikantensohn aus Sonneberg geriet in amerikanische und britische Gefangenschaft, aus der er 1947 in den Westen entlassen wurde. Vier Jahre später ging er zum Studium nach München, knüpfte Kontakt zum Marionettentheater „Das kleine Spiel“, schrieb für die Schwabinger Bühne seine ersten Stücke, ehe er ab 1960 an den Stadt- und Staatstheatern aufgeführt wurde. Stets hatten seine Theatertexte direkte Bezüge zur Gegenwart, auch zur eigenen familiären Herkunft, und doch waren sie verbunden mit Geschichte, Macht, Mythos und Märchen.

„Ein Wildling von äußerster Milde“ – so bezeichnete ihn einmal Theaterkritiker und Intendant Günther Rühle. Schöner, treffender lässt sich das Dorst-Bild nicht malen. Ein Mann von selbstbewusster Bescheidenheit, auf der Suche nach dem inneren Kern seiner Stück-Figuren, für die er sich interessierte, die er liebte und darum nie denunzierte. Jede sollte für sich Recht haben. Was die einen Kritiker als haltungslose Neutralität des Autors auslegten, sahen die anderen in dieser frei von Parteilichkeit gezeichneten Rollengestaltung als Aufforderung zur eigenen Urteilsbildung. „Als Zuschauer ärgere ich mich immer wieder, wenn mir gesagt wird, wie ich die Leute, die ich sehe, zu finden habe“, erklärte Dorst einmal. „Das Argumentiertheater bewegt nichts in den Köpfen, es verkleinert die Wirklichkeit auf ein paar Klischees und die menschlichen Wahrheiten auf ein paar einfache Konstellationen. Das bringt das Drama um seine Lebendigkeit.“

Die aber hatte Tankred Dorst in seinen Stücken, die er zusammen mit Ehefrau und Co-Autorin Ursula Ehler schrieb, immer im Blick. Sie sind bestimmt von einem Realismus, der aus den Träumen kommt. Darin liegen Poesie und Härte dicht beieinander, sie lassen sich in jedem einzelnen Werk ausmachen. Der Bogen ist weit gespannt – von der „Großen Schmährede an der Stadtmauer“ aus dem Jahr 1960 über „Toller“, „Eiszeit“, „Auf dem Chimborazo“, „Karlos“, „Der verbotene Garten“, „Heinrich oder Die Schmerzen der Phantasie“, „Herr Paul“ bis zu „Prosperos Insel“ von 2008. Insgesamt sind es 39 Stücke, die das Gesamtwerk zählt, nicht mitgerechnet die Bearbeitungen für die Bühne wie etwa Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun“, nicht mitgezählt die Drehbücher, die Prosatexte und die praktischen Regiearbeiten für Theater und Film.

Ganz oben aber, an der Spitze des riesengroßen Kreativ-Konvoluts steht seit 1981 unangefochten Dorsts Endzeitdrama und Mythenpoem „Merlin oder Das wüste Land“. Auf der Grundlage der Artus-Sage handelt es vom Scheitern aller Utopien. Zeitlos, aktuell, Welttheater.

Solange er schrieb, stellte Tankred Dorst mit seinen Stücken sich und uns die Frage: „Wie können wir leben? Welche Macht treibt uns zu unseren Taten und zu unseren Verbrechen, zu unserem Wahnsinn – welche dunkle Fantasiebewegung treibt uns schließlich in Krieg und in das Ende von allem? Nichts ist sicher, und die Wahrheit, um die wir uns lebend und schreibend bemühen, bleibt unauffindbar.“

Sie liegt allein im Tod. Auf irgendeine Weise ist er in Dorsts Stücken immer dabei. „Erinnere Dich doch“, mahnt Edmond Goncourt seinen nicht mehr real existierenden Bruder Jules in „Die Abschaffung des Todes“: „Das sind unsere Bücher. Wir haben sie gemeinsam geschrieben. In diesen Büchern leben wir gemeinsam weiter.“

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