Konzertkritik

Tocotronic in München: Leinenloser Punk-Rock

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Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow (Archivfoto)

München - Zum Jubiläumskonzert haben Tocotronic in der Tonhalle keine ausgedehnten Breitwand-Epen gespielt, sondern kurze, knackige Hits aus 20 Jahren: die Konzertkritik.

Mein Gott, „Meine Freundin und ihr Freund“. 1995 kam der Song raus. „Da hab’ ich Abitur gemacht“, sagt eine Zuschauerin fassungslos und singt begeistert mit, während Tocotronic den Punk von der Leine lassen: „Im Leben geht’s oft her wie in einem Film von Rohmer. Und um das alles zu begreifen, wird man was man furchtbar hasst – nämlich Cineast. Zum Kenner dieser fürchterlichen Streifen.“

20 Jahre gibt es die Band Tocotronic nun schon, 20 Jahre Slogans und schlaue Texte. Auch neunmalkluge Texte und intellektuelle Spiegelfechtereien. Aber eben auch verdammt viel gute Rockmusik. 20 Jahre. Man muss sich immer wieder den angegrauten Schopf von Sänger Dirk von Lowtzow anschauen, um das zu glauben. Denn die Band rockt, als ob nichts wär’. Gut gehalten hat sich das Quartett – „wie Orchideen im Keller“, witzelt von Lowtzow zu Beginn, nachdem ein junger Mann mit Krawatte und Masskrug sie anmoderiert hat. Es dauert nicht lange, und die ausverkaufte Tonhalle dampft wie ein Gewächshaus im Botanischen Garten.

Zum Jubiläumskonzert spielen Tocotronic keine ausgedehnten Breitwand-Epen, sondern kurze, knackige Hits aus 20 Jahren. Neue Songs wie „Auf dem Pfad der Dämmerung“ und „Ich will für dich nüchtern bleiben“ erweisen sich dabei live als Instant-Klassiker und sehen neben Tocotronic-Gassenhauern wie „Drüben auf dem Hügel“, „Freiburg“ und „Jackpot“ nicht blass aus.

Auf der Bühne sind die Rollen verteilt wie eh und je: Trommler Arne Zank und Basser Jan Müller verrichten genügsam schmunzelnd ihre Fron als Rhythmus-Maschine, während der zweite Gitarrist Rick McPhail sich als stiller, aber ultracooler Sidekick des immer ein wenig affektierten Dirk von Lowtzow erweist. Die beiden grinsen sich an, stellen sich voreinander auf und präsentieren sich ihre Gitarren wie Kinder im Sandkasten ihre Schäufelchen – nur dass dieses Spielzeug jault und quietscht und sägt. Nebenbei erweist sich der Sänger als München-Kenner, als er erzählt, der Song „Vulgäre Verse“ sei im Hotel „Deutsche Eiche“ geschrieben worden, für einen Fassbinder-Film. Stimmt natürlich nicht, trotzdem eine nette Vorstellung.

Mehr Show ist nicht. Muss auch nicht sein. Am Ende reckt Dirk von Lowtzow die Faust und verabschiedet sich bei „Roxy Munich“. Arne Zank, der schüchterne Schlagzeuger murmelt hinterher: „Ihr seid die Geilsten.“ Das Kompliment werden nicht wenige in der Tonhalle zurückgeben wollen.

Johannes Löhr

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