tz-„Sommerlach“-Gespräch

Constanze Lindner: Kein Neid in Münchens Kabarett – im Gegensatz zum Schauspiel

+
Constanze Lindner.

Sommerloch? Pah! In der tz gibt’s jeden Tag die volle Gaudi, auch in den Ferien, wenn die Kulturszene kürzer tritt. In unserer großen Serie präsentieren wir Ihnen die spannendsten Kleinkunstgrößen der Stadt. Das sind die tz-„Sommerlach“-Gespräche – heute mit Constanze Lindner.

Da stürmt sie ins Café Pini, strahlt übers ganze Gesicht und begrüßt uns, als seien wir uralte Spezln. Bei Constanze Lindner (44) gibt’s kein Drumrum, ihre Herzlichkeit überträgt sich sofort. Das Energiebündel, 2016 „Senkrechtstarter“ beim Bayerischen Kabarettpreis, ist eigentlich schon fast zu bekannt für unsere Serie. Aber: „Ich freu mich wahnsinnig, dass ihr an mich gedacht habt.“ Und das glaubt man der Münchnerin sofort. 

Frau Lindner, wo kommen Sie grad her? 

Constanze Lindner: Vom Synchronsprechen. Ich synchronisiere derzeit die schwangere Provinzpolizistin Sam für eine schwedische Krimiserie. Bei Straßenbau-Arbeiten kommt plötzlich eine Leiche hervor… 

Klingt irgendwie nach „Fargo“. 

Lindner: Stimmt – das ist mein absoluter Lieblingsfilm, zum Niederknien. 

Kennen Sie auch die Serie?

Lindner: Nein, noch nicht – aber ich bin serienaffin. Ich kaufe mir die Staffeln ganz oldschool auf DVD, und dann ziehen wir uns die Staffeln teils bis vier Uhr morgens rein. 

Wer ist „wir“? 

Lindner: Der Joe und ich. 

Wie lange gibt es den Joe schon in Ihrem Leben? 

Lindner: Laaaang. Er hat nichts mit meiner Branche zu tun, aber ist mein Fels in der Brandung. Er hält sich total aus meiner Arbeit raus – und ist gleichzeitig irrsinnig ehrlich und mein größter Kritiker. 

Viele Künstler brauchen ja einen Künstler als Partner, der ihr Leben verstehen kann.

Lindner: Aber das kann auch ordentlich in die Hose gehen. Ich kenne viele derartige Beziehungen, die auseinandergegangen sind. Nicht zuletzt auch aus Neid, wenn einer der beiden durchstartet. Man kann’s also nicht pauschalisieren. 

Ihre Eltern haben sich scheiden lassen, als Sie noch ein Kind waren. Hat das dazu beigetragen, dass Sie so ein Bühnentier sind?

Lindner: Ich bin ein extremer Herz- und Bauchmensch. Auf der Bühne gebe ich viel Emotion und Leidenschaft. Vielleicht habe ich das gelernt: 100 Prozent authentisch sein, ohne doppelten Boden, ohne Fassade. Klar hat man als Kind Schuldgefühle, wenn die Eltern sich trennen. Das ist immer so. Ich wollte es wohl erst recht beweisen, dass man mit Humor durchs Leben geht. Das war ja nicht selbstverständlich, ich hätte auch depressiv werden können. 

War der Kontakt zu beiden Elternteilen immer da? 

Lindner: Nein, meinen Papa habe ich eine Zeit lang nicht gesehen. Die Kindheit war teils schwierig, manchmal auch echt beschissen. Aber: Zukunft und Vergangenheit sind mir fremd, ich lebe immer im Hier und Jetzt. Und mittlerweile feiern wir wieder zusammen, zum Beispiel am 27. Weihnachten – vorher geht’s nicht, weil jeder seine eigene Familie hat.

Und was sagen Ihre Eltern eigentlich zu Ihrem Beruf? 

Lindner: Mein Vater war Regisseur für Shows, meine Mutter Redakteurin. Was sie mir immer sagen: Bleib, wie du bist, lass dir die Menschlichkeit nicht nehmen. Ich kann schon sagen, dass sie sich echt für mich freuen. 

Ist die Münchner Kabarettszene eine große Familie? 

Lindner: Das ist vielleicht ein ­bisschen hoch gegriffen, aber der Umgang miteinander ist wirklich ­super. Es gibt keinen Neid, man hilft sich gegenseitig, man gönnt sich ­alles. Es herrscht eine Freundschaftlichkeit, die es im Schauspiel wohl nicht gibt. Auf jeden Fall höre ich da ganz andere Geschichten. 

Was meinen Sie: Warum ist das so? 

Lindner: Vielleicht, weil wir ja alle aus der „Kleinkunst“ kommen, weil wir alle klein anfangen. Es gibt keine Schule, jeder probiert sich aus, jeder scheitert und entwickelt seinen Weg. Das schweißt zusammen. 

Sie haben uns mal gesagt, Sie möchten den Beruf noch zehn Jahre machen. Eher länger?

Lindner: Mein Leben lang. Ich habe meine Berufung gefunden. Wobei die Entwicklung schon interessant ist: Am Anfang denkst du nicht nach, du machst einfach dein Ding und experimentierst. Wenn du dann weißt: Das wird mein Beruf, dann ist das schon etwas anderes. Man muss den Mut lernen, auch mal Nein zu sagen. Sich Raum geben, um zu sehen, wie man sich weiterentwickelt, wohin die Reise gehen kann. 

Ihre Reise hat ja dennoch viele Pfade.

Lindner: Derzeit stehen Kabarett-Solo und Vereinsheim-Moderation im Zentrum, aber auch Synchronisation. Ich genieße die Vielfalt und bin ganz einfach ein Treibauf. 

Und wenn es auf einmal gar nicht mehr laufen würde? 

Lindner: Dann weiß ich: Wenn Türen zugehen, öffnen sich wieder neue. Ich habe kein Problem damit, etwas ganz Anderes zu machen. Hab ich ohnehin schon: Plakate geklebt, hinter der Bar gearbeitet… Als Faustregel gilt für mich: Entscheide dich immer für den Weg, der dir momentan am wichtigsten ist. Und da geht derzeit nichts über die Bühne. 

Hier gelangen Sie zur Homepage der Künstlerin.

Lust auf mehr Constanze ­Lindner? Dann sei das ­Bayerische Fernsehen empfohlen – da präsentiert sie an diesem Donnerstagabend um 22 Uhr das „Vereinsheim Schwabing“. Zu Gast sind unter anderen Willy Astor sowie ­Seiler und Speer.

Unsere wichtigsten Geschichten posten wir auch auf der Facebookseite tz München

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Erst hart, dann virtuos: Schwergewichte im Garage Deluxe
Erst hart, dann virtuos: Schwergewichte im Garage Deluxe

Kommentare