"Manchmal muss man mutig sein"

tz-Interview: Schütte über ARD-Film "Altersglühen"

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Regisseur Jan ­Georg Schütte.

München - Ein Film ohne Drehbuch? Klingt ­komisch, funktioniert aber! Die tz sprach mit Jan Georg Schütte über "Altersglühen – Speed Dating für Senioren".

Auf der Suche nach Liebe – erste Reihe von li.: Mario Adorf, ­Senta Berger, ­Brigitte Janner, Gisela ­Keiner und Jochen Stern, mittlere Reihe: Angela Winkler, Victor Choulman, Matthias Habich, Hilde­gard Schmahl und Ilse Strambowski, hintere Reihe von li.: Michael Gwisdek, Christine Schorn, Jörg Gud­zuhn und Regisseur Jan ­Georg Schütte.Fotos: WDR
Sergej Stern (Victor Choulman) und Leni Faupel (Gisela Keiner).

Ein Film ohne Drehbuch? Klingt ­komisch, funktioniert aber ganz wunderbar, wenn man eine gute Idee, mutige Schauspieler und einen Regisseur hat, der für seine Überzeugung brennt. Jan Georg Schütte ist so einer. Der Schauspieler und Filmemacher liebt die Improvisation, hasst hölzerne Dialoge und kämpft für mehr Lebendigkeit im Fernsehen. Sein ARD-Film Altersglühen – Speed Dating für Senioren vereint so großartige Schauspieler wie Senta Berger, Matthias ­Habich, Mario Adorf und Michael Gwisdek in einer Hamburger Villa. Sie alle haben ein Rollenprofil bekommen, wie es aussieht, weiß keiner vom anderen. Und so treffen sich sieben Männer und sechs Frauen jenseits der 70 für ein jeweils siebenminütiges Gespräch. Ohne Netz, ohne doppelten Boden, dafür mit ganz viel Herz. Im tz-Gespräch spricht Schütte über den vielleicht überraschendsten Film des Jahres.

Herr Schütte, Sie sind Regisseur, aber auch selbst Schauspieler. Können Sie gut improvisieren?

Jan Georg Schütte: Ja, mir fällt es leichter, zu improvisieren, als mit einem gelernten Text auf der Bühne zu stehen. Es macht mir einfach mehr Spaß. Klar, kenne auch ich die Angst, die einen kurz vorm Improvisieren übermannen kann, aber sie gibt einem die Energie, die man in diesem Moment braucht.

Sprechen Sie von der Angst, zu viel von sich persönlich preiszugeben?

Schütte: Nein, damit habe ich überhaupt kein Problem. Schauspieler müssen aus sich selbst schöpfen, aus ihrem eigenen Leid, ihrer eigenen Freude. Nur wenn man seine Gefühle anzapfen und sie umsetzen kann, entsteht Kunst.

War es schwierig, Schauspieler zu finden, die sich auf Ihr improvisiertes „Speed Dating für Senioren“ einlassen?

Schütte: Ich hätte es mir wesentlich schwieriger vorgestellt – bei den Schauspielrecken, die wir dabei haben. Aber alle haben sich recht schnell für die Idee begeistern lassen, vielleicht, weil sie so etwas noch nicht gemacht haben und die Situation überschaubar war. Man sitzt sich gegenüber, plaudert, und dann kommt der nächste. Da ist die Gefahr, in eine peinliche Dramaturgie zu geraten, recht klein.

Trotzdem war es ein Wagnis. Es gab nur Rollenprofile und kein Drehbuch, auf das sich die Schauspieler stützen konnten.

Schütte: Ja, und davor hatten die meisten auch ganz schön Schiss, wie sie mir gestanden haben. Gleichzeitig war das auch das Reizvolle.

Es sind besondere Begegnungen entstanden: Lustige, aber auch berührende wie die zwischen ­Mario Adorf und Hildegard Schmahl ...

Schütte: Ja, das ist auch eine meiner Lieblingsszenen. Mein persönlicher Höhepunkt sozusagen. Adorf ist einer, der ganz klein agiert, der kein theatralisches Fass aufmacht. Und Hildegard Schmahl geht direkt an ihre Gefühle ran. Da haben sich wirklich zwei gefunden und geöffnet – ein wunderbarer Moment.

Am Ende des Drehs hatten Sie 20 Stunden Material – ahnten Sie da schon, dass Ihr Experiment gelungen ist?

Schütte: Mir war klar, dass wir viele tolle Begegnungen eingefangen haben. Nicht klar war mir allerdings, ob man daraus einen Film machen kann. Schließlich sehen wir 13 Helden, 13 Hindernisse, 13 Ziele. Daraus musste ein Film werden, der eine Dynamik hat und nicht auf der Stelle tritt. Am Ende haben wir in einem Jahr 70 verschiedene Fassungen geschnitten, bis die dabei war, die uns überzeugt hat.

Was wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Schütte: Der Abend nach dem Dreh. Es war einer der glücklichsten in meiner Karriere. Alle waren sehr aufgekratzt und euphorisch, haben geplappert und gelacht. Es war ein bisschen wie auf einer Klassenfahrt.

Warum wird nicht mehr in deutschen Fernsehfilmen improvisiert? 

Schütte: Weil man den Mut haben muss, sich überraschen zu lassen. Die meisten Sender lieben die Kontrolle und wollen ganz genau wissen, was am Ende rauskommt. Das funktioniert beim Improvisieren nicht. Dafür entstehen ­lebendige Dialoge, von denen wir im Fernsehen zu wenige haben. Ich bin wirklich sehr dankbar, dass sich WDR und NDR in diesem von Angst besetzten deutschen Fernsehen auf dieses Experiment eingelassen haben.

Astrid Kistner

So lief die Produktion …

Für Schauspieler bedeutet die ­Improvisation ein Abenteuer, für die Bildgestaltung und den Ton „ist sie etwas Fürchterliches“, erklärt Regisseur Jan Georg Schütte. Deshalb wählte er für seinen Film eine überschaubare ­Kulisse. ­Jeder der sechs Tische in dem Hamburger Herrenhaus, in dem sich die Speed-Dating-Senioren trafen, war mit drei Kameras bestückt. Entstanden sind 20 Stunden Live-Material. Aus dem hat Schütte nicht nur einen funkelnden, ­liebenswerten Film geschnitten, sondern auch noch sechs kleine Serienfolgen, die WDR und NDR ab Mittwoch im Spätprogramm zeigen.

„Altersglühen“, Dienstag, 20.15 Uhr im Ersten

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