Beine gelähmt

Amira verlernte wegen der Angst das Laufen

Amira kämpft sich tapfer Tag für Tag ein Stückchen mehr zurück ins Leben.

Der Krieg hat Amira aus Syrien vertrieben. Viel hatte das Mädchen bis dahin schon durchlebt - so viel, dass die Angst Amiras Beine lähmte.

Manche Kinder fallen einfach um, wenn sie etwas nicht mehr aushalten können. Manche sprechen nicht mehr, um sich abzuschotten vor noch mehr schrecklichen Erlebnissen. Amira verlernte das Laufen. Die Siebenjährige ist ein schüchternes Mädchen, zurückhaltend, zerbrechlich. Ein Kind, das gerade mal zwei Jahre alt war, als der Krieg in Syrien ausbrach. Schlimm genug: Amira musste in Syrien mitansehen, wie ihr Vater bei einem Unfall ums Leben kam. Dann, ein halbes Jahr später, starb ihr Onkel, der die Rolle des Ersatz-Vaters und Beschützers der Familie übernommen hatte, bei einem Bombenangriff. Kurze Zeit später wurde vor ihren Augen ein anderer Onkel erschossen.

Die Frauen entschieden sich zur Flucht. Zunächst innerhalb von Syrien. Doch die Kämpfe zogen mit. Und die Familien über Al Koseir schließlich in den Libanon. Als auch dort in Arsal der Krieg ankam, rettete die Mutter Amira und ihren Sohn (11) in die Bekaa-Ebene.

Dort, wo die meisten Syrer Sicherheit suchen. 800.000 Kinder leben in dem kleinen Land in 1900 zumeist wilden Zeltsiedlungen. Offizielle Flüchtlingslager wie zum Beispiel in Jordanien gibt es im Libanon nicht. Die Regierung lehnt die Bitten des UNHCR kategorisch ab. Denn nicht noch einmal will man, wie nach der Gründung des Staates Israels, Bereiche schaffen, in denen auch noch über 60 Jahre später Flüchtlinge wie in einem eigenen Staat leben.

Amira kämpft sich tapfer Tag für Tag ein Stückchen mehr zurück ins Leben.

Amiras Mutter hoffte, im Bekaa-Tal, dem landwirtschaftlichen Zentrum des Libanon, Arbeit zu finden, um ihre Kinder über die Runden zu bringen. Da ahnte sie noch nicht, wie sehr ihr Kind traumatisiert ist. Amira magerte ab und irgendwann konnte sie nicht mehr aufstehen. Ihre Beine wollten nicht mehr laufen. „So viele Kinder kennen nur noch Angst und Tod, sie haben keinerlei Vertrauen mehr, wollen nichts an sich heranlassen“, erklärt Dr. Paula Harika, die als Psychologin in einem von Unicef geförderten Projekt traumatisierte Kinder betreut. Die Mitarbeiter des Kinderschutzzentrums gehen regelmäßig in die Unterkünfte der Flüchtlinge und kümmern sich um besonders schwere Fälle. „40 von 100 syrischen Kindern sind betroffen vom Trauma des Krieges. Das sind viel mehr, als man es aus anderen Krisengebieten kennt“, so Dr. Harika.

Nach ihrem Zusammenbruch sitzt Amira im Rollstuhl. Behutsam lernt sie, zu malen, was sie erlebt hat und es zu verarbeiten. Erst später beginnt sie auch über den Tod und die Gewalt, die sie gesehen hat, zu sprechen. Drei Monate dauert es, bis sie mit einer Gehhilfe langsam wieder laufen kann. Jeden Tag kümmern sich die Mitarbeiter des Projekts Beyond um die Siebenjährige. Manchmal reicht es, das Kind einfach in den Arm zu nehmen und zu beschützen. Und so findet es ganz langsam zurück ins Leben. Die Gehhilfe braucht Amira ein halbes Jahr später gar nicht mehr, sie fängt sogar an zu tanzen und bei Rollenspielen mitzumachen. „Macaren und indische Tänze mag ich besonders gerne“, sagt sie ganz leise.

Ihre Mutter sieht sie nur jeden zweiten Tag. Sie arbeitet als Rosenpflückerin in einem weiter entfernten Dorf. Amira lebt mit ihrem Bruder bei einer Tante in deren Zelt. Ein Nachbar kennt das Schicksal des Mädchens und bringt es regelmäßig zu seiner Mama. Die ist stolz auf ihr tapferes Mädchen. Ab und zu kann sie ihr sogar zuschauen, wenn sie auf der Theaterbühne des Kinderschutzzentrums steht. Amira lächelt da sogar manchmal. Sie ist für einen Moment einfach ein unbekümmertes Kind.

Dorit Caspary

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Mit Ihrer Spende – und sei sie auch noch so klein – unterstützen Sie die tz-Weihnachtsaktion Bei uns daheim ist Krieg – Kinder auf der Flucht. Wir helfen vor Ort. Der Erlös geht an die Kinder im Libanon, die durch den Krieg des IS in Syrien alles verloren haben – ihr Zuhause und ihre Zukunft – und trotzdem hoffen, bald wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Gemeinsam mit Unicef und Ihnen, liebe Leser, wollen wir diese Kinder vor allem mit ganz konkreten Bildungs- und psychologischen Betreuungsprojekten unterstützen und ihnen so ein kleines Stück Normalität und Kindheit in ihrer zerstörten Welt geben. Aber vor allem: die Hoffnung auf ein friedliches Leben daheim in Syrien.

Zum Schluss noch ein Versprechen, das die tz und Unicef seit über 25 Jahren halten: Jeder Cent, den Sie spenden, kommt bei den Kindern an. Alle Verwaltungskosten werden aus anderen Töpfen gedeckt, so übernimmt beispielsweise der Münchner Telekommunikationsdienstleister multiConnect GmbH alle Gebühren für Ihre Telefonspende.

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