Ausstellung in der Galerie Bernheimer

„Verbrannte Frauen“ zeigt indische Opfer

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"Jede Stunde wird in Indien einen Frau verbrannt" - Eine Ausstellung zeigt nun Schicksale.

München - Während derzeit Vergewaltigungen in Indien die Medien beherrschen, richtet eine Ausstellung den Blick auf eine andere Art der Brutalität: Stündlich wird dort eine Frau angezündet.

Die zehnjährige Neha und ihre Großmutter lachen scheinbar unbeschwert in die Kamera. Das Kind ist in einen weißen Schleier gehüllt. Ein weiteres Foto aber zeigt das, was sich unter diesem Schleier verbirgt: Eine großflächige, schmetterlingsförmige Narbe bedeckt den Rücken des Mädchens; er ist komplett verbrannt.

„Sie soll verletzt worden sein, als Nachbarn das Haus anzündeten“, sagt Constance Neuhann-Lorenz von der Hilfsorganisation „WomenforWomen“, einer Unterorganisation der Internationalen Gesellschaft für plastische Chirurgie (Ipras), am Dienstag in München. „Diese Version ist aber mehr als fragwürdig. Die Verletzung sieht so aus, als sei sie bewusst in eine benzingetränkte Decke gehüllt und angezündet worden.“

Die Ausstellung „Verbrannte Frauen“, die von diesem Mittwoch an in der Galerie Bernheimer zu sehen ist und am Dienstagabend von Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) eröffnet werden sollte, richtet den Blick auf das, was in Indien traurige, unfassbare Realität ist. „Jede Stunde wird eine Frau in Indien verbrannt“, sagt Neuhann-Lorenz. Der Grund ist meistens Geld.

Wenn ein Mann keine Mitgift von den Schwiegereltern bekommt, werden Frauen regelmäßig angezündet, um sie zu „entsorgen“, wie die Ärztin sagt. Dabei sind Mitgiften seit 1961 eigentlich gesetzlich verboten. " Dowry Burn ", also Mitgifts-Verbrennung nennt man das in Indien“, sagt sie. „Es gibt ein Fachwort dafür. Das ist ein Wirtschaftszweig.“ Nach dem Tod der Frau nämlich könne der Mann erneut heiraten und sich womöglich eine größere Mitgift sichern.

Indische Frauen leben gefährlich

Mädchen gelten für die Familie als Belastung, weil bei einer Heirat eine Mitgift fällig wird. „Man lebt als Frau gefährlich in Indien, bis man es geschafft hat, einen Sohn auf die Welt zu bringen“, sagt Neuhann-Lorenz, die den Überlebenden der grausamen Attacken helfen will. Gemeinsam mit Marita Eisenmann-Klein , der Leiterin der Abteilung für Plastische Chirurgie am Münchner Isar Medizin Zentrum, hat sie „WomenforWomen“ gegründet.

„All diese Frauen wollen ihre Schönheit wiederhaben. Wir können ihnen wenigstens ein gewisses menschliches Antlitz zurückgeben.“ Seit 2008 operiert sie die Opfer gemeinsam mit anderen plastischen Chirurgen. Mehr als 400 Patientinnen wurden bislang behandelt - in Indien, Bangladesch und Kenia. Insgesamt waren das mehr als 800 Operationen. „Diese Patientinnen sind nie behandelt worden“, sagt Neuhann-Lorenz. „Was das Mädchen Neha an Schmerzen ertragen musste, das kann sich niemand vorstellen.“

26 Fotografien zeigt die Ausstellung

Beim dem letzten Einsatz von „WomenforWomen“ war der Fotograf Christopher Thomas dabei, der vor allem mit seinen Städteporträts aus Venedig bekannt geworden ist. Im September 2012 begleitete er die Organisation nach Indien, wo nach der tödlichen Vergewaltigung einer Studentin Frauenrechte jetzt erstmals massiv in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt sind. Mitgebracht hat er 80 Fotografien, von denen 26 in München gezeigt werden.

Eins der Porträts zeigt Sunita, 35 Jahre alt. Die Frau hat die Hände vor ihrer nackten Brust gekreuzt. „Nachdem ihre Eltern starben verlangte ihre Tante, dass sie als Prostituierte arbeiten soll“, sagt Neuhann-Lorenz. „Als sie sich weigerte, zündete die Tante sie an. Sie war damals 15 Jahre alt.“ Heute arbeite Sunita als Kosmetikerin. „Sie ist eine sehr stolze Frau und sehr unabhängig.“

Ein anderes Porträt zeigt die 78 Jahre alte Shanti, die sich nach Angaben von „WomenforWomen“ zwar weigerte, sich nach so vielen Jahren, in denen sie mit den Narben lebte, noch behandeln zu lassen, die sich aber unbedingt zeigen wollte. Als junge Frau wurde sie von ihrer Schwiegermutter angezündet, sagt die Chirurgin Neuhann-Lorenz, die sich von der Ausstellung vor allem Spenden für einen weiteren Einsatz in Bangladesch im März dieses Jahres hofft. Und sie fügt hinzu: „Wir zeigen hier nur die Verletzungen, die man Nicht-Medizinern überhaupt zumuten kann.“

dpa

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