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Wagner-Totalschaden: „Götterdämmerung“ bei den Bayreuther Festspielen

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Von: Markus Thiel

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Iréne Theorin
Am Ende der 15 Stunden steht eine nichtssagende Szene mit Brünnhilde (Iréne Theorin). © Enrico Nawrath

Rettungslos hat sich Regisseur Valentin Schwarz in seinem Konzept für den Bayreuther „Ring des Nibelungen“ verheddert. Wo Wagner anfängt, ist er mit der Gedankenarbeit schon fertig. Ein gnadenloser Buh-Sturm ist die Folge.

Eine letzte Abzweigung hätte es gegeben. Ein kleines Glück zu dritt, Vater, Mutter, Kind, in dieser Zweiraumwohnung, die wir aus der „Walküre“ kennen. Doch der Kerl muss raus, zum Job, vielleicht auf Jagddienstreise in deutsche Wälder. Das Kind klammert, Mama wirkt überfordert. Dabei ruht auf dem Nachwuchs alle Hoffnung und aller Zukunft – das hat Valentin Schwarz schon ganz zu Anfang, im „Rheingold“, kundgetan.

Sein „Ring des Nibelungen“, nach der Premiere der „Götterdämmerung“ gnadenlos ausgebuht, ist eine sehr traurige Sache. Weil der Regisseur bei seiner Bayreuther Festspiel-Tat zeigen will, wie eine Schicki-Familie, weit verzweigt, mit manchmal absurd überkreuzten Verwandtschaftsverhältnissen, dem Abgrund entgegentaumelt. Und dies, weil jede Generation zwar Kinder hervorbringt, die aber bald so traumatisiert sind, dass alles wieder nur in Hass und Tod mündet.

Auch Siegfried und Brünnhilde haben einen von Schwarz hinzuerfundenen Nachwuchs. Das andere böse Kind aus dem „Rheingold“ ist inzwischen groß geworden. Ein Haudegen, noch immer im gelben Shirt, cool, abgeklärt, vom Typ her mehr Vorsitzender des örtlichen Tennisclubs statt Siegfried-Mörder Hagen. Mit den Gibichungen Gunther und Gutrune, hier aufgekratzte Wiedergänger der TV-Geissens, lebt er unter einem Dach. Es macht ihm, da gilt ihm unser aller Mitgefühl, wenig Spaß.

Nur noch eine Frage treibt die Festspiel-Gäste um

Dieses und noch viel mehr ließe sich aus der Premiere der „Götterdämmerung“ erzählen. Etwa, wie tatsächlich Gunther bei Brünnhilde auftaucht, die Lippen synchron zu Siegfrieds Stimme aus dem Off bewegt, der Frau eine falsche Identität vorgaukelt, um ihr den Ring abzuluchsen. Doch was oder wer ist nun bei Valentin Schwarz dieses ultimative Machtsymbol? Was ist letztlich verantwortlich für den Untergang, den Wagner nach vier Opern mit aufgischtenden Klängen plus finalem Erlösungsmotiv herbeikomponiert?

Es interessiert keinen mehr. Die einzige Frage, die das Gros der Festspielgäste umtreibt, bleibt: All die neuen Figuren und Nebenstränge – geht das auf? Wird sich alles zum großen Aha-Effekt runden, gern mit Erkenntnisgewinn? Doch zu diesem Zeitpunkt findet Schwarz mit seinem Team Andrea Cuzzi (Bühne) und Andy Besuch (Kostüme) nicht mehr heraus aus seinem Geflecht aus Ideen und Extras. Längst kreist er hilflos um sich und seine Schicki-Sippe, die nur zwei Signale aussendet. Reichtum macht schlecht. Und Kinder können uns retten. Das stimmt, deshalb hat Wagner den „Ring“ geschrieben. Das Problem von Schwarz ist aber: Wagner hat dies zum Ausgangspunkt genommen, Schwarz ist mit der Gedankenarbeit da schon fertig.

Ein inhaltlich dünner, handwerklich dürftiger „Ring“

Es ist also, trotz des riesigen Ausstattungsaufwands, ein schockierend dünner „Ring“ geworden, daran ändert die „Götterdämmerung“ nichts. Es ist auch eine handwerklich dürftige Arbeit. Wieder werden Figuren abgestellt oder agieren ins Leere. Wieder kommt nichts übers Flachrelief hinaus. Manchmal gibt es eindrückliche Bilder wie Hagens Mannen-Armee, hier eine Phalanx von Guglmännern im Gegenlicht. Doch dann marschiert alles nach vorn, Masken werden – eine Todsünde – im Rhythmus der Musik geschwenkt. Und alles sieht plötzlich aus wie im Grusical der Grundschul-Abschlussklasse. Eigentlich wollte Schwarz klassische Insignien wie Schwert und Ring vermeiden, dann greift er doch verschämt wieder darauf zurück. Und obgleich er für fast jede Figur eine neue Volte findet und im TV-Serien-Arsenal räubert: Alles bleibt nur Bebilderung, die nie auf Aspekte jenseits dieses Horizonts verweist.

Nicht vergessen werden darf, dass Schwarz die dritte Wahl von Festspielleiterin Katharina Wagner ist. Zunächst hätten vier Frauen den „Ring“ stemmen sollen, dann bekam Tatjana Gürbaca den Zuschlag. Nach ihrer Absage musste ein Nothelfer her, vom 33-jährigen Österreicher erwarteten sich alle einen frischen Zugriff. Doch dafür hätte es auch eine funktionierende Bayreuther Dramaturgie-Abteilung gebraucht, die den überforderten Schwarz vor Ungereimtem schützt.

Die musikalische Fraktion ist da schon weiter. Cornelius Meister, während der Proben für Pietari Inkinen eingesprungen, ist mit dem Festspielorchester vom „Rheingold“ bis zur „Götterdämmerung“ Riesenschritte vorangekommen. Plastisch bis drastisch ist das, was nun aus dem Graben dringt, manchmal sogar vieldimensional. Gerundet hat es sich noch nicht zu innerer Logik, dazu ist Meister zu sehr mit Episodischem beschäftigt. Einiges wie die Waltrauten-Szene wird so verbremst, mit Detailbewusstsein so ausgestellt, dass die Grenze zur Dirigenten-Eitelkeit überschritten ist. Beim zweiten, dritten Durchlauf dürfte sich vieles geben, der Premierenzyklus ist ein vorläufiges Endergebnis.

Spektakuläre Umbesetzung der Siegfried-Partie

Und noch eine spektakuläre Umbesetzung: Weil Stephen Gould erkrankte und auch sein Cover Andreas Schager malad war, wurde Clay Hilley aus dem Apulien-Urlaub einen Tag vor der Premiere eingeflogen. Als Siegfried, vokal hell, durchdringend und mit erstaunlicher Mühelosigkeit, findet er sich gut zurecht. Gern hört man hin, bei Iréne Theorin weniger. Ihre Brünnhilde ist laut, ungenau und textarm. Konditionell kommt sie über die fünf Stunden, nicht nur für Bayreuth ist das zu wenig. Albert Dohmen als knorriger Hagen schlägt sich am besten, Michael Kupfer-Radecky (Gunther), Elisabeth Teige (Gutrune), Christa Mayer (Waltraute) und Olafur Sigurdarson (Alberich) liefern viele Singspielangebote, die von der Regie kaum aufgenommen werden.

Am Ende der „Götterdämmerung“ kehrt dieser „Ring“ zurück zum ersten Bild, der „Rheingold“-Pool ist nun leer und schmutzig. Der Ideen-Input der Regie ist versiegt, alles liegt am Boden, Hagen eilt ein letztes Mal händeringend herbei. 15 Stunden laufen wie schulterzuckend aus in einem nichtssagenden Tableau. Vier Jahre hätte Schwarz nun Zeit, um in der Werkstatt Bayreuth zu schrauben. Als ob man einen Totalschaden reparieren könnte.

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