Filmemacher Werner Herzog erzählt in „Das Dämmern der Welt“ vom Soldaten Hiroo Onoda

Die Eroberung der Zeit: Werner Herzogs neuer Roman

Werner Herzog
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Werner Herzog lernte Hiroo Onoda 1997 kennen – nun machte er aus dessen Geschichte einen Roman.

Werner Herzog ist Filmemacher, Schauspieler, Autor. In seinem neuen Roman „Das Dämmern der Welt“ erzählt er die wahre Geschichte eines Soldaten, für den der Zweite Weltkrieg erst 1974 endete.

Es gibt in „Fitzcarraldo“, diesem in vielerlei Hinsicht Grenzen sprengenden Film, den Werner Herzog mit Klaus Kinski in der Titelrolle 1982 in die Kinos brachte, einen Monolog der Hauptfigur, der sich Satz für Satz in den Wahnwitz schraubt. Fitzcarraldo blafft da: „So wahr ich vor Ihnen stehe, werde ich eines Tages große Oper in den Urwald bringen! Ich bin ... in der Überzahl! Ich bin die Milliarden! Ich bin das Schauspiel im Wald!“ Und so weiter und so fort.

Werner Herzog wurde 1942 in München geboren

Ein Moment für die Filmgeschichte, der nun zudem den Bogen schlägt zu Werner Herzogs neuem Roman „Das Dämmern der Welt“. Der 1942 in München geborene Filmemacher, (Opern-)Regisseur, Schauspieler und Autor, dessen Schaffen wie ein mythischer Felsblock aus längst vergangenen Tagen in der Kulturlandschaft steht, erzählt von Hiroo Onoda. Seine Geschichte ist so unglaublich wie wahr – und sprengt ebenfalls Grenzen.

„Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin“, lautet eine Zeile in einem Gedicht, das der US-Autor Carl August Sandburg 1936 veröffentlichte. Die Flower-Power- und Studentenbewegung schrieb sich Ende der Sechzigerjahre den Spruch auf ihre Plakate. Was ist aber, wenn längst Friede herrscht – doch einer glaubt, er sei noch im Krieg? Dieser Mann ist Onoda.

Als US-Truppen im Februar 1945 die philippinische Insel Lubang eroberten, konnte der Japaner mit drei Kameraden in den Dschungel fliehen; die Soldaten setzten von hier aus den Kampf in Guerilla-Manier fort. Von der Kapitulation Japans bekamen sie nichts mit. Spätere Versuche, Onoda nach Hause zu holen, tat er – seine Mitstreiter waren bei Auseinandersetzungen mit der philippinischen Armee getötet worden – als US-Propaganda ab. Der Zweite Weltkrieg endete für den Japaner erst 29 Jahre später: Sein einstiger Vorgesetzter, der längst als Buchhändler arbeitete, flog 1974 nochmals nach Lubang und befahl Onoda, sich zu ergeben. Ein Stoff für jemanden, den Extreme künstlerisch reizen. Ein echter Herzog-Stoff also.

Werner Herzog drehte fünf Filme mit Klaus Kinski

Der 79-Jährige zeigt Menschen, die Außenseiter waren oder wurden. Das gilt nicht nur für seine fünf Filme, die er mit Kinski realisierte. Arbeiten zu Kaspar Hauser („Jeder für sich und Gott gegen alle“), zum bayerischen Propheten Mühlhiasl („Herz aus Glas“) oder zum jüdischen Kraftprotz und Hellseher Erik Jan Hanussen („Invincible“) sind nur drei weitere zufällig gewählte Beispiele aus dem Herzog-Kosmos über Charaktere, die auf merkwürdige Weise dem Alltag und den Zeitläuften enthoben zu sein scheinen.

Werner Herzog lernte Hiroo Onoda 1997 kennen

So auch Onoda. Im Jahr 1997 lernten die beiden Männer einander kennen. Worüber sie sprachen, wissen wir nicht. Aber der Autor nimmt uns nun mit in den Dschungel, zu Onodas Durchhalten. In kurzen, tagebuchartigen Kapiteln erzählt er vom einsamen Krieg des Soldaten – und findet dafür eine sehr klare, zugleich traumwandlerische Sprache. Wie in seinen Filmen beobachtet Herzog genau, um aus allem, was die Figuren umgibt, Geschichten zu destillieren. Das macht „Das Dämmern der Welt“ zu einem spannend vorwärtstreibenden, zugleich entrückt auf der Stelle tretenden Roman (der mitunter leider etwas nachlässig lektoriert wurde).

Hinter der schier unglaublichen Geschichte des Hiroo Onoda entfaltet Herzog eine andere, tiefere Erzählebene. Denn seine eigentlichen Hauptthemen sind die Zeit, ihr Verrinnen und – die Welt der Träume: Letztere haben ihre „eigene Zeit, sie spult sich rasend vorwärts oder rückwärts, sie stockt, steht still, hält den Atem an, macht jähe Sprünge, als habe man ein ahnungsloses Wild erschreckt“. Wer sich darauf einlässt, wird genau das bei der Lektüre spüren. Und das ist großartig.

Informationen zum Buch:

Werner Herzog: „Das Dämmern der Welt“. Hanser Verlag, München, 127 Seiten; 19 Euro.

Beim regionalen Buchhändler ums Eck gibt es das Buch hier.

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