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Zum 80. Geburtstag von Plácido Domingo: Der Marathon-Verführer

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Von: Markus Thiel

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Plácido Domingo
Das Karriere-Ende von Plácido Domingo ist nicht abzusehen - nach rund 4000 Vorstellungen. © Marco Borrelli

Eine Karriere, vor der man in die Knie sinken muss, die aber auch Alters- und Schönheitsflecken bekommen hat: Zum 80. Geburtstag von Plácido Domingo.

Diese Zauberkraft wirkt noch: Wenn er sich den Applaus abholt, können die Leute nicht mehr sitzen. Und manchmal gibt es die Standing Ovations auch, bevor Plácido Domingo nur einen Ton gesungen hat. Im Salzburger Festspielsommer von 2019 ist das passiert, bei einer konzertanten Aufführung von Verdis „Luisa Miller“. Der Jubel galt weniger dem Gesang, sondern war als demonstrative Gefolgschaft gemeint: Domingo als mehrfach überführter #MeToo-Sünder, das wollen viele bis heute nicht wahrhaben.

Mehr als ein Schönheitsfleck ist das im beruflichen Spätherbst des einstigen Tenorissimo und heutigen Baritonissimo. Allein eine Untersuchung der Oper Los Angeles (deren Chef Domingo einst war) ergab „unangemessenes Verhalten“ in zehn Fällen. Die Affären beschmutzen eine einzigartige Karriere, deren Ende noch nicht abzusehen ist: „Ich habe geweint, als ich nach fünf Monaten fern der Bühnen wieder gesungen habe“, zitierte ihn neulich die spanische Zeitung „La Razón“.

Der Karrierebeginn lässt sich dagegen einigermaßen definieren, das war 1959 in einer „Rigoletto“-Nebenrolle an der Oper von Mexico City. Beim Geburtsjahr wird es schwieriger. Es gibt namhafte Autoren, die 1934 ins Spiel bringen und dies auch begründen. Um des lieben Friedens und der offiziellen Lesart Willen sei allerdings 1941 angenommen – demnach feiert der Unvergleichliche, der in Madrid zur Welt kam, an diesem Donnerstag seinen 80. Geburtstag.

Ein Leben zwischen Nimmersatt und Neugier

Wie oft Domingo auf der Bühne stand, in wie vielen Rollen, das sprengt fast einen Mikrochip. Manchmal tat er es auch zweimal täglich. Morgens Aufnahmesitzung in London, abends Auftritt in Wien, auch das gehörte zum Alltagsgeschäft. Man kann das dem Marathon-Mann ankreiden. Und doch hakte er nicht Divo-Partien ab, sondern erweiterte sein Repertoire bis in Randzonen. Außerdem gibt es Werke, „Cyrano de Bergerac“ von Franco Alfano oder „The first Emperor“ von Tan Dun zum Beispiel, die nur dank Domingos Prominenz wahrgenommen wurden. Ein Leben zwischen Nimmersatt und Neugier, auch das hat ihm kein Kollege nachgemacht. Begonnen hatte alles mit der väterlichen Zarzuela-Truppe in Mexiko. Nach ersten Opernversuchen wechselte Domingo 1961 nach Tel Aviv, wo er fast im Monatstakt neue Rollen probierte. 1967 folgten Debüts in Hamburg, Berlin und Wien, ein Jahr später in New York. Für den Rest inklusive seines lukrativsten Projekts als ein Drittel der „Drei Tenöre“ reicht diese Seite nicht.

Schnell wurde aus dem Tenor-Twen ein frühreifer Triumphator, der bereits 1975 mit seinem Hamburger Otello-Debüt auf dem Hochplateau des Heldenfachs angekommen war. Zu verdanken hat Domingo dies alles stabilen Stimmbändern. Dass er nie ein Stratosphären-Tenor war und sich die Regionen ums hohe C erkämpfen musste, weiß der Star selbst. Auch das machte ja seinen Gesang, diese Klang gewordene Virilität, diese Töne aus flüssiger Bronze, so unwiderstehlich. Der vokale Slalom war nicht seine Domäne, dafür der breite, cremige Klangstrom, der unter Staudruck die spektakulärsten Momente gebar.

Effektvolle Einheitsdramatik

Wer nun der beste, größte Jahrhunderttenor war, das bleibt der ewige Streit unter den Extremisten aus den Fankurven. Domingo hatte nicht die stilistische Eloquenz eines Nicolai Gedda, die metallische Überwältigungskraft eines Jussi Björling oder den unverfälschten Ausdruck eines Luciano Pavarotti. Aber er ist der größte Allrounder – was auch Probleme birgt.

Der Domingo-Sound ist zwar ab der ersten Millisekunde erkennbar, doch wurden die Interpretationen vorhersehbarer. Ob Hoffmann, Don José oder Siegmund, neuerdings im Baritonfach Germont oder Nabucco – der Divo hat für alles ein jahrzehntelang erprobtes Rezept. Eine durchaus effektvolle Einheitsdramatik, die etwas Stereotypes hat. Man muss es ja nicht gleich so ausdrücken wie Stimmenkenner Jürgen Kesting, der im Standardwerk „Die großen Sänger“ dies wertete als „vom Gefühl überwältigte Nicht-Charaktere“.

Welche seiner weit über 100 Plattenaufnahmen die beste ist, welche die Konkurrenz mühelos aussticht, das lässt sich kaum sagen. Vielleicht ist es eine frühe, aus dem Jahre 1970. Für Verdis „Don Carlo“ stand Domingo damals vor den Mikrofonen, zusammen mit Montserrat Caballé und Ruggero Raimondi, am Pult: Carlo Maria Giulini. Technisch bestechend gesungen ist das, mit dem ungebrochenen, wahrhaftigen Charme des jugendlichen Verführers. Eine der besten Verdi-Einspielungen überhaupt.

An der Bayerischen Staatsoper debütierte Domingo 1972 als Rodolfo in „La bohème“. Im Vorfeld der Münchner Auftritte als Cavaradossi, Werther, Otello oder Siegmund balgten sich die Aficionados bald um die Karten. Auch als Dirigent stand er hier wie andernorts am Pult. Die Mechanismen von Domingos Selbsteinschätzung haben beim zweiten Karrierestandbein nicht ganz funktioniert. Als er 2018 in Bayreuth nach einer „Walküre“ mit bedenklichen orchestralen Straucheleinheiten vor den Vorhang trat, gab es Buhs.

Karriere-Krönung mit zwei Bariton-Partien

Fast ebenso wichtig wie seine Rolle als Sängerlegende ist die des Ermöglichers. Domingo ist einer der größten Nachwuchsförderer. Wer bei seinem Gesangswettbewerb „Operalia“ vorn liegt, muss sich fast nicht mehr um eine Karriere sorgen. Auch an „seinen“ Opernhäusern in Los Angeles und Washington, deren Leitungsposition er aufgeben musste, wurde der Nachwuchs gern eingesetzt.

Seit 1962 ist Domingo in zweiter Ehe mit der Sopranistin Marta Ornelas verheiratet. Mittlerweile ist er Vater dreier Söhne und mehrfacher Großvater. Dass er 2009 mit dem Berliner Debüt als Simone Boccanegra ins Fach seiner Anfängerjahre, in das des Baritons zurückkehrte, wird gern belächelt. Doch mit dieser Partie und dem Francesco in „I due Foscari“ krönte er seine Karriere. Glaubhaft und intensiv gezeichnete Altersrollen sind das, gegen die andere Verdi-Versuche als Posa oder Luna abfallen. Dabei wollte Herbert von Karajan den Star schon viel früher für eine Baritonpartie holen. Angeblich bot er ihm Don Giovanni ab. Domingo sagte Nein. Vielleicht wäre die Interpretation zu lebensnah geworden.

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