Schauspiel-Legende stirbt mit 97 Jahren

Zum Tod von Margot Hielscher: Eine Dame und Diva

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Singen war für Margot Hielscher vom Beginn ihrer Karriere an wichtig; hier bei einem Jazzkonzert. 

Trauer um die Münchner Schauspielerin, Sängerin und Talkshowmoderatorin Margot Hielscher.

München - „Tantchen ist eine dreihundertprozentige Diva gewesen“, erzählt Margot Hielschers Neffe Peter Graf Schall-Riaucour unserer Zeitung. Nun muss er den Tod seiner Tante verarbeiten und seine Mutter, ihre Schwester, unterstützen, den Verlust zu tragen. „Ja, das ist schwierig“, sagt er, „beide sind nur zwei Jahre auseinander“. Aber so natürlich seine Mutter, Anita Gräfin Schall-Riaucour, geborene Hielscher, mit dem Alter umging – „wir beiden alten Hielschers“ –, so  sehr verabscheute die Künstlerin Alter und Tod. „Deswegen hat sie sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen“, berichtet der Neffe, „und auch uns hat sie nur nach Voranmeldung empfangen. Sie wollte nicht ungeschminkt gesehen werden.“

Die reife Hielscher beim Filmfest 2007.

Margot Hielscher, die als außergewöhnlich attraktive und erotische Frau galt – körbeweise kamen Blumen in ihre Garderobe –, hat etwa 50 Filme gedreht und war in rund 200 Fernsehproduktionen zu sehen. Sie einfach nur als Schauspielerin zu bezeichnen, würde zu kurz greifen. Sie war Sängerin, trat etwa 1957 beim Grand Prix für Deutschland an, sowie die wohl erste Talkmasterin Deutschlands. Am Sonntag ist die Grande Dame der deutschen Unterhaltung mit 97 Jahren in ihrem Haus in München-Bogenhausen gestorben. Sie sei friedlich eingeschlafen, sagt Graf Schall-Riaucour. „Sie war nicht krank. In letzter Zeit wurde sie zu Hause umsorgt, lag nur noch im Bett. Wir haben viel miteinander telefoniert.“ Am 29. September wäre „Tantchen“ 98 geworden.

Einem  Glücksfall verdankte  es Hielscher,  eine vielseitige Karriere in der Unterhaltungsindustrie hingelegt zu haben. Sie wurde über Jahrzehnte hinweg verehrt. Marrakesch, Venedig, Rom, Paris und London waren nur einige Stationen ihrer Karriere – doch ihrer Wahlheimat München blieb sie mehr als 70 Jahre treu. In einem Gespräch mit der „tz“ zum Neunzigsten hatte sie erzählt, dass ihr die bayerische Landeshauptstadt zunächst gar nicht zugesagt habe. „Doch ich bekam viele Hauptrollen, eine schöner als die andere.“ Und da war das Künstlerherz gewonnen.

Die junge Hielscher 1940 in „Das Herz der Königin“.

Die gebürtige Berlinerin verdiente von 1939 an als Kostümbildnerin beim Film ihr Geld; ein Jahr später wurde sie entdeckt und gleich für ihre erste Schauspielrolle verpflichtet: als Hofdame an der Seite von Zarah Leander in „Das Herz der Königin“. Es folgten zahlreiche Auftritte, bevorzugt in Liebeskomödien, in denen Hielscher ihre hervorragende Gesangsstimme nutzen konnte. So drehte sie gemeinsam mit Curd Jürgens den Klassiker „Frauen sind keine Engel“. Während des Zweiten Weltkriegs zählte sie zu den beliebtesten Filmstars. Von den Nazis wurde sie kritisch beäugt. „Weil ich nicht den Typ der deutschen Frau verkörpert hatte“, sagte sie später dazu. Und das lag weniger  an ihren dunklen Haaren als an ihrer angeblich zu amerikanischen Attitüde. Heinz Rühmann war ebenso von ihr fasziniert wie zahlreiche Soldaten, vor denen sie mehrfach als Sängerin zur Truppenbetreuung auftrat.

Die natürliche Hielscher 1957 als Telefonistin.

Ihre große Liebe war der Film-  und Schlagerkomponist Friedrich Meyer. 1959 heirateten die beiden, die Ehe hielt bis zu Meyers Tod im Jahr 1993. „Beide starben an einem 20. August“, wie von Schall-Riaucour nachdenklich erzählt. Nach Kriegsende wandte sich Hielscher immer mehr der Musik zu, feierte fulminante Auftritte, als sie für US-amerikanische Soldaten sang, und absolvierte mehrere Tourneen. Es existieren heute mehr als 400 Tonaufnahmen von ihr. Als eine der Ersten stand Hielscher 1957 beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson, dem heutigen Eurovision Song Contest, für Deutschland auf der Bühne. In dem Lied „Telefon, Telefon“ schmachtete sie in einen Telefonhörer, belegte Platz 4 und durfte ein Jahr darauf erneut für Deutschland antreten. Mit „Für zwei Groschen Musik“ wurde sie Siebte. In ihrer eigenen Sendung „Zu Gast bei Margot Hielscher“, die von Mitte der Fünfzigerjahre an im Bayerischen Fernsehen lief, stellte die Künstlerin ein weiteres Talent unter Beweis: das lockere Plaudern mit Prominenten, darunter Maurice Chevalier, Leonard Bernstein und Romy Schneider.

In dem Film „Salto mortale“ spielte Margot Hielscher 1953 mit Karl-Heinz Böhm.

Deswegen bekennt Peter von Schall-Riaucour heute: „Ich bin wahnsinnig stolz auf meine Tante Margot Hielscher. Sie war eine Frau mit Niveau, eine Dame. So wurde sie ja  auch oft besetzt, wogegen sie bisweilen ankämpfte. Sie hatte einfach Stil. Schon als Bub durfte ich sie oft begleiten und in ihren Fotos stöbern. Da ist  mir  schon  die  Kinnlade heruntergefallen, wen sie alles kannte: von Karajan bis Rühmann, von Gary Cooper bis Franz Josef Strauß.“

Von Simone Dattenberger, Aleksandra Bakmaz und Michael Kieffer

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