“Blut gemeinsam aufgewischt“

Horror-Fall aus München: Mutter ließ Baby zum Sterben liegen - Urteil ist gefallen

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Der wichtigste Zeuge im Prozess ist der 47-jährige Marc W. Bei ihm hat Rana M. die Nacht vor der Geburt verbracht. Seine Maske legt er während der Befragung nicht ab.

Das Landgericht verurteilte Rana M. (27) wegen versuchten Totschlags und schwerer Misshandlung von Schutzbefohlenen, weil sie ihr neugeborenes Baby in einem Gebüsch zum Sterben ausgesetzt hatte.

  •  Eine 27-jährige Frau brachte 2018 im Münchner Stadtteil Neuperlach in einem Gebüsch ein Kind zur Welt und ließ den Säugling hilflos zurück, nachdem sie die Nabelschnur durchgebissen hatte.
  • Das Baby war stark unterkühlt und dem Tode nah. Passantin fanden den Jungen zufällig.
  • Nun musste sie sich vor dem Amtsgericht verantworten

Update vom 7. Juni 2019: Die Schultern hängen schlaff, ihr Blick geht ins Leere. Auch als am Freitag das Urteil gegen Rana M. (27) gesprochen wird, wirkt die Angeklagte teilnahmslos, ja fast gelangweilt. Siebeneinhalb Jahre lang muss die zweifache Mutter ins Gefängnis. Das Landgericht verurteilte sie wegen versuchten Totschlags und schwerer Misshandlung von Schutzbefohlenen, weil sie ihr neugeborenes Baby in einem Gebüsch zum Sterben ausgesetzt hatte. Im August letzten Jahres war die Frau aus Gießen nach München gefahren: Bereits hochschwanger hatte sie Geschlechtsverkehr mit einem Mann, den sie im Online-Chat kennengelernt hatte. 

Von der bevorstehenden Niederkunft will der Mann nichts gemerkt haben. Doch nach der Liebesnacht setzten sofort die Wehen ein: Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hatte Rana M. die Wohnung in der Therese-Giehse-Allee verlassen, ging in den Garten des Anwesens in Neuperlach und gebar dort das Kind. „Sie zog es selbst heraus, weil das Baby in Steißlage lag“, erklärte Richter Norbert Riedmann am Freitag. Rana M. habe es danach in einem Gebüsch abgelegt und die Nabelschnur mit dem Mund selbst durchgebissen. „Durch die Geburt erlitt das neugeborene Kind drei Knochenbrüche“, sagte Riedmann. „Die Körpertemperatur betrug nur noch 24,9 Grad. Dadurch bestand akute Lebensgefahr.“ Die Brüche seien „folgenlos ausgeheilt“, das Baby sei wohlauf und lebe in einer Pflegefamilie. 

Eine Mutter aus Wales machte unterdessen einen schrecklichen Fehler, den sie nun ihr Leben lang bereuen wird: Sie nahm ihr vier Wochen altes Baby mit in einen Club. Für das Kind endete die Nacht tödlich.

„Wir sind der Meinung, dass der Auffindeort nicht der Geburtsort ist“

Aber es gleicht einem Wunder, dass diese Geschichte gut ausging. Denn über den versuchten Totschlag kamen am Freitag bei der Urteilsverkündung neue Details ans Licht, die Tat umso grausamer erscheinen lassen. „Wir sind der Meinung, dass der Auffindeort nicht der Geburtsort ist“, sagte Riedmann. Eventuell könnte das Kind auch bereits im Bad des Mannes geboren worden sein – das viele Blut spreche dafür. Rana M. hatte es mit ihrem Liebhaber noch selbst aufgewischt. Zwei Zäune habe sie später überstiegen und das Kind in einem Erdloch hinter einem Sichtschutz versteckt. Dennoch fand eine Spaziergängerin das Kind und rief den Notarzt, der das Baby retten konnte. 

Zum Prozessbeginn hatte Rana M. die Tat gestanden und nannte die Hecke als Geburtsort. „Das schließen wir aber aus“, sagte der Richter. Dort seien keine Spuren gefunden worden. Das Mordmerkmal der niederen Beweggründe schloss das Gericht aus. Klar wurde trotzdem, dass Rana M. das Baby töten wollte. Monate zuvor hatte sie bereits im Internet nach Möglichkeiten gesucht. Ihr Leben sei „problematisch“ gewesen, sagte der Richter: „Aber die Schuld hat sie immer bei anderen gesucht.“

Zeuge vor dem Landgericht München: Trotz Intimität nichts von Schwangerschaft bemerkt

Update vom 28. Mai, 9.50 Uhr: Am zweiten Prozesstag sagte am Montag der wichtigste Zeuge aus: Marc W. (47). Er hatte Rana M., die in Gießen lebte, im August 2018 zu sich nach Hause eingeladen. Mit dem Bus fuhr sie nach München, beide besuchten einen Biergarten, unterhielten sich und fuhren dann zu ihm nach Hause. Dort hatten sie Sex – doch, dass Rana M. hochschwanger gewesen war und am nächsten Morgen sogar ein Kind zur Welt brachte, will er nicht bemerkt haben.

„Ich wusste davon nichts“, beteuert der Journalist. Sein Gesicht bedeckte er gestern mit einer Maske – aus Scham. Selbst im Prozess nahm er sie nicht ab. Doch zumindest konnte das Gericht ihn überhaupt dazu bewegen, auszusagen. „Ich wachte morgens gegen fünf oder sechs Uhr auf, weil Rana aufgebracht war“, erzählt Marc W.

Angeblich hatte sie sein Schlafzimmer verlassen – wohin sie gegangen war, das wisse er nicht. Wenig später war sein Bad und das Wohnzimmer voller Blut. Der Zeuge: „Ich war erschrocken, wusste nicht, was mit ihr los war. Sie sagte nur, sie muss nach Frankfurt ins Krankenhaus.“

Frau wollte von München nach Frankfurt: „Das Blut haben wir noch schnell gemeinsam aufgewischt“

Er sei erschrocken und habe ihr angeboten, sie in ein Münchner Krankenhaus zu fahren. „Doch sie lehnte ab und wollte zu einem Arzt ihres Vertrauens“, sagt Marc W. „Das Blut haben wir noch schnell gemeinsam aufgewischt. Sie wollte nicht, dass es auf den Fugen gerinnt.“

Seltsam: Fragen stellte Marc W. nicht. Zum Beispiel, woher das Blut stammte und ob Rana M. womöglich verletzt sei. Sondern fuhr die Frau, die er zum ersten Mal getroffen hatte, gegen 7.30 Uhr nur zum Bahnhof.

Als der Journalist dann wieder in die Theresa-Giehse-Allee ankommt, ist seine Wohnung umringt von Einsatzkräften – denn eine Fußgängerin hatte das schwer verletzte Neugeborene in der Zwischenzeit gefunden und den Notruf gewählt. „Ich habe mich gewundert und noch einmal nachgedacht“, sagt Marc W. Dann habe er sich bei der Polizei gemeldet.

Dieser Ausflug wird ihm in unangenehmer Erinnerung bleiben. Ein Tourist wurde auf dem Frühlingsfest in München von einem Unbekannten schwer verletzt.

München: Mutter lässt ihr Baby zum Sterben liegen - Liebhaber schildert seine Beobachtungen

Ob er keinen Verdacht geschöpft habe, will Richter Norbert Riedmann wissen. „Nein. Nur am Bahnhof war mir aufgefallen, dass ihr Bauch etwas flacher war.“ Eine reichlich späte Erkenntnis. Seitens des Gerichts wurde am Montag allerdings nicht geprüft, ob es glaubhaft ist, dass ein Mann mit einer hochschwangeren Frau Sex hat und das gar nicht merkt.

Auch Rana M. macht dazu keine Angaben. Sie verfolgte den Prozess erneut völlig teilnahmslos. Ihr Baby ist mittlerweile in der Obhut des Jugendamtes und wohlauf, der Angeklagten droht jahrelange Haft.

Drama in München: Mutter lässt Baby zurück und vergnügt sich mit ihrem Liebhaber

Update vom 22. Mai, 7.30 Uhr: Noch ist kein Urteil gefallen im Prozess um die grausam versuchte Baby-Tötung in München. Die Retterin des Babys sagte am Dienstag vor Gericht: „Ich habe das Kind aus dem Erdloch gehoben, mit der rechten Hand seinen Kopf gehalten und mit der linken den kleinen Körper“, sagt sie.

„Das Kind war eiskalt.“ Erst später erfuhr die Frau, wie schwer das Baby verletzt war: Oberschenkel und Schlüsselbein waren gebrochen, nur noch 25 Grad betrug die Körpertemperatur. „Selbst die Polizisten waren sprachlos. Sie sagten mir, eine Stunde später wäre das Kind gestorben.“

Rana M. soll nach der Geburt noch gemeinsam mit ihrem Liebhaber die Blutspuren beseitigt haben. Um das Baby habe sie sich nicht weiter gekümmert. Am nächsten Tag fuhr sie Berichten zufolge zurück nach Hanau und besuchte dort ein Grillfest, als sei nichts gewesen.

Update von 13.00 Uhr: Die Angeklagte verfolgte den Prozess anscheinenden sehr teilnahmslos. Hatte sie noch gezittert und geweint, als die 27-Jährige den Saal im Blitzlichtgewitter der Kameras betrat, wird sie im Laufe der Verhandlung bemerkenswert ruhig, wirkt fast entspannt.

Zu den heftigen Vorwürfen will sie - zumindest zunächst - schweigen. Zu ihren persönlichen Verhältnissen (zweimal verheiratet, ein weiteres Kind, großer Fußball-Fan) äußert sie sich dagegen ausführlich. Allerdings gestaltet sich das schwierig, weil die Angeklagte gehörlos ist und alles, was im Gerichtssaal gesagt wird, von einer Gebärdendolmetscherin übersetzt werden muss.

Update von 11.51 Uhr: Im Prozess um ein ausgesetztes Baby will die Mutter zu den Vorwürfen gegen sie erstmal schweigen. Das gab ihr Anwalt am Dienstag beim Prozessauftakt vor dem Landgericht München I bekannt. Die Staatsanwaltschaft wirft der 27 Jahre alten Frau aus Gießen versuchten Mord vor.

Sie soll ihr Baby im August 2018 in einem Vorgarten im Münchner Stadtteil Neuperlach zur Welt gebracht, die Nabelschnur durchgebissen und den kleinen Jungen dort in einer Hecke liegen gelassen haben. Laut Anklage hatte die Frau in der Nacht unmittelbar vor der Geburt einen One-Night-Stand mit einer Internetbekanntschaft. Der Mann will allerdings nichts von der bevorstehenden Niederkunft und der Geburt im Vorgarten gemerkt haben.

Lesen Sie auch: Bei einem tödlichen Unfall auf der A6 hat ein Lkw-Fahrer am Dienstagmittag sein Leben verloren. Gaffer sorgten zusätzlich für ein Verkehrschaos.

Zeugin vor dem Landgericht München: „Mir ist fast das Herz stehengeblieben“

Eine Passantin fand das Baby erst rund eine Stunde später beim Gassigehen mit ihrem Hund. „Mir ist fast das Herz stehengeblieben“, sagte sie als Zeugin vor Gericht. „Er lag dort auf der bloßen Erde, ohne Decke. Mir läuft's jetzt noch eiskalt den Rücken runter.“ Der Säugling hatte nur noch eine Körpertemperatur von knapp 26 Grad, Knochenbrüche und innere Blutungen.

Die Staatsanwaltschaft wirft der Mutter vor, dass sie das Kind hilflos zurückließ. Die Frau machte am Dienstag zwar umfassende Angaben zu ihren persönlichen Verhältnissen - klammerte die Vorwürfe gegen sie aber konsequent aus. Ihre Vernehmung gestaltete sich etwas schwieriger und langwieriger, weil die 27-Jährige gehörlos ist und eine Gebärdendolmetscherin alles übersetzen musste.

Originalmeldung vom 21. Mai 2019:

München - Der Fall machte 2018 Schlagzeilen: Ein kleiner, neugeborener Junge allein in einem Gebüsch im Münchner Stadtteil Neuperlach - seine Mutter zunächst unauffindbar. An diesem Dienstag (9.30 Uhr) beginnt vor dem Landgericht München I der Prozess gegen die Frau, die ihr Kind ausgesetzt haben soll. Die Mutter aus Gießen, die die Nacht unmittelbar vor der Geburt mit einem One-Night-Stand verbracht haben soll, ist wegen versuchten Mordes angeklagt. Sie soll ihr Baby in einem Gebüsch zur Welt gebracht, die Nabelschnur durchgebissen und den kleinen Jungen dort liegen gelassen haben.

Passanten fanden in München zufällig das unterkühlte Baby

Das Baby wäre womöglich gestorben, hätte eine Passantin das stark unterkühlte Neugeborene nicht zufällig gefunden, es hatte nur noch eine Körpertemperatur von knapp 26 Grad. Den Vorwürfen der Anklage zufolge waren Oberarm, Oberschenkel, und Unterarm gebrochen, außerdem hatte der Säugling innere Blutungen. Die Staatsanwalt wirft der heute 27-jährigen Mutter vor, dass sie das Kind hilflos zurückließ. Demnach ließ sie sich von dem Mann, mit dem sie die Nacht vor der Geburt verbrachte, zum Bahnhof bringen und fuhr zurück nach Hessen, ohne jemandem von dem Baby zu erzählen. Abends soll sie dann ein Grillfest besucht haben.

dpa

Zwei junge Frauen werden in London in einem Bus von mehreren Männern attackiert. Blutüberströmt werden die Verletzten ins Krankenhaus gebracht.

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