tz rechnet alle Kosten vor

München oder Umland: Lohnt sich das Pendeln wirklich?

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Im Jahr 2015 pendelten rund 355.000 Menschen zur Arbeit nach München - 21 Prozent mehr als noch 2000. Aber lohnt sich das finanziell? Der große tz-Report.

Pendlerhauptstadt München – laut dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung fahren in keiner anderen Region Deutschlands so viele Menschen in die Arbeit und wieder heim: Im Jahr 2015 waren es rund 355.000 Menschen, die außerhalb der Stadtgrenze wohnten. Ein Plus von 21 Prozent gegenüber dem Jahr 2000! Viele nehmen auch weite Anreisen auf sich. Aber lohnt sich das zumindest finanziell? Der große tz-Report:

Verkäuferin Eva (46) sitzt täglich zweieinhalb Stunden im Zug. Vom Inntal nach München pendelt sie, etwa eineinviertel Stunden braucht der Meridian für die Strecke morgens und abends. Auch ihr Gegenüber im Abteil, Elektrotechniker Hans, fährt nach München rein und wieder raus. Ist die tägliche Belastung nicht zu groß? „Nein“, erklären die beiden. „Denn die Lebensqualität ist bei uns tausendmal besser.“

Eva hat eine große Zwei-Zimmerwohnung für 690 Euro und leistet sich zwei Autos, Hans freut sich immer auf den Tischtennisverein daheim und den Stammtisch. „Es ist viel sozialer bei uns“, sagt er. „Wir kennen uns, wir helfen uns, wir mögen uns.“

Draußen lebt sich’s günstiger

Professor Stephan Kippes, der Leiter des Maklerverbands IVD.

Doch lohnt sich der Aufwand eigentlich finanziell? Die tz hat für Sie gerechnet und Orte und Städte gesucht, die nicht in den S-Bahn-Bereich fallen, aber von München aus gut erreichbar sind. Mühldorf, Rosenheim, Schrobenhausen. Zu einer Monatsmiete für eine 70-Quadratmeter-Wohnung kommen ein MVV-Ticket zum Weiterreisen hinzu, plus ein Auto, das in München privat selten benötigt wird. Klar ist: Draußen lebt sich’s günstiger (bis auf den Tegernsee). Aber soll man überhaupt die Stadt verlassen – nur des Geldes wegen?

Professor Stephan Kippes, Leiter des Maklerverbands IVD, rät, sich den Umzug gut zu überlegen. „Mit dem Meridian und mit der Bahn gibt es zwar gute und schnelle Verbindungen.“ Doch er weiß, dass diese nicht immer halten, was sie versprechen. Bauarbeiten, Gleissperrungen, Pendler kennen das. Vor dem Entschluss, nach draußen zu gehen, sollte man die Strecke mehrmals abfahren. Und sich den Streckenagenten herunterladen, um zu sehen, wie oft es Verspätungen gibt. Kippes: „Es ist auch wichtig, ob der Arbeitgeber bei Verspätungen mitspielt. Man ist eben abhängiger.“ Und man solle in sich gehen und sich fragen: „Bin ich dazu wirklich bereit?“ Denn was man sich an Geld spart und an Lebensqualität durch mehr Natur und Wohnraum erlangt, „ist der Lebenszeit geschuldet, die man auf der Strecke verliert“. Dazu kämen Aspekte wie geringere kulturelle Angebote.

„Der Zuzug aus München und dem Umland ist spürbar“

Marianne Zollner, erste Bürgermeisterin von Mühldorf.

Dass es dennoch immer mehr ins weitere Umland ziehen, spürt man auch im Inntal. „Bei uns gibt es Siedlungen, wo nur schwere Firmenwagen davorstehen“, sagt Hans. Die Leute zahlten jeden Preis „und sitzen trotzdem wie die Henna aufeinander“.

Auch die Erste Bürgermeisterin von Mühldorf, Marianne Zollner, merkt die Entwicklung: „Der Zuzug aus München und dem Umland ist spürbar. Momentan haben wir 500 Personen pro Jahr, die sich bei uns in Mühldorf niederlassen. Die meisten bauen oder kaufen ein Eigenheim.“ Dazu kämen Senioren, die in Mühldorf mit ihrer Rente gut leben können. „Und für die jungen Leute ist es wichtig, in einer Stadt zu leben, in der sie ein Zentrum mit Kita, Vereinen, Kultur- sowie Freizeitangeboten haben. Das bieten wir. Uns freut der Zuzug, die Stadt wird jünger und dynamischer.“

Preisbeispiele für 14 Orte

Grundlage der Rechnung

Monatsmiete: 70-Quadratmeter-Wohnung (Quelle: IVD-Institut Herbst 2016), Mietspiegel der jeweiligen Kommunen 2016

Monatliche Bahn-Kosten bei einer Jahreskarte und entsprechendem Rabatt bei Deutscher Bahn/Meridian/Bayerischer Oberlandbahn

MVV-Kosten, bis zwei Ringe, monatliche Zahlung

Pkw-Kosten, z. B. Ford Fiesta Celebration mit 239 Euro pro Monat (Fixkosten, Werkstatt, Betrieb, dazu kommt Benzin bei 0,33 Cent pro Kilometer).

Quelle: ADAC; Ohne Entfernungspauschale

München 

  • Miete: 1043,00 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 1336,50 Euro

Augsburg

  • Miete: 650,30 Euro
  • Bahn: 195,25 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 1139,05 Euro

Rosenheim

  • Miete: 689,50 Euro
  • Meridian: 162,70 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 1145,70 Euro

Landsberg am Lech

  • Miete: 595,00 Euro
  • Bahn: 195,25 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 1083,75 Euro

Ingolstadt

  • Miete: 822,50 Euro
  • Bahn: 208,20 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 1324,20 Euro

Weilheim in Obb.

  • Miete: 700,00 Euro
  • Bahn: 179,20 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 1172,70 Euro

Mühldorf am Inn

  • Miete: 472,50 Euro
  • Bahn: 208,20 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 974,20 Euro

Bad Tölz

  • Miete: 644,00 Euro
  • BOB: 154,20 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 1091,70 Euro

Landshut

  • Miete: 463,40 Euro
  • Bahn: 206,70 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 963,60 Euro

Tegernsee

  • Miete: 1076,60 Euro
  • BOB: 155,50 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 1525,60 Euro

Prien am Chiemsee

  • Miete: 835,80 Euro
  • Meridian: 175,10 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 1304,40 Euro

Schrobenhausen

  • Miete: 598,50 Euro
  • Bahn: 211,80 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 1103,80 Euro

Burghausen

  • Miete: 463,40 Euro
  • Bahn: 217,50 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 974,40 Euro

Miesbach

  • Miete: 865,90 Euro
  • BOB: 149,50 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 1308,90 Euro

Traunstein

  • Miete: 608,30 Euro
  • Meridian: 181,40 Euro
  • MVV: 54,50 Euro
  • Auto: 239,00 Euro
  • Summe: 1083,20 Euro

Meine S-Bahn fällt aus - wir helfen Ihnen sofort

Übrigens, falls Ihre S-Bahn mal nicht kommt, haben wir einen nützlichen Service für Sie: Wir haben

für jede S-Bahn-Linie eine Facebook-Gruppe gegründet

, in der sich Fahrgäste selbst organisieren können: Bilden Sie Fahrgemeinschaften, wenn Ihre S-Bahn ausfällt. Organisieren Sie ein Taxi und teilen Sie sich mit mehreren die Kosten. Oder bitten Sie andere Betroffene schlicht um Hilfe - oder bieten Sie einen Platz in Ihrem Auto an. Zusammen mit anderen Pendlern sind Sie im S-Bahn-Chaos weniger allein.

Nutzen Sie die Gruppe Ihrer S-Bahn-Linie auch, um sich und andere darüber zu informieren, bis wann ungefähr mit Zug-Ausfällen und -Verspätungen zu rechnen ist.

Diese Facebook-Gruppen haben wir für Sie gegründet:

Hilfe, wenn die S1 wieder ausfällt

Hilfe, wenn die S2 wieder ausfällt

Hilfe, wenn die S3 wieder ausfällt

Hilfe, wenn die S4 wieder ausfällt

Hilfe, wenn die S6 wieder ausfällt

Hilfe, wenn die S7 wieder ausfällt

Hilfe, wenn die S8 wieder ausfällt

Hilfe, wenn die S20 nicht kommt

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AW/MC

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