Wir erklären das neue Konzept

Brennpunkt Partymeile: Sperrbezirk für Schläger

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Auch das Pacha nimmt an dem neuen Konzept teil

München - Sperrbezirk für Schläger: Stadt, Polizei und Club-Betreiber kämpfen jetzt erstmals gemeinsam für eine sichere Partyzone in der Innenstadt. 20 Clubs setzen ein Zeichen. 

Der Schwerpunkt liegt auf der Feierbanane zwischen Sendlinger Tor und Maximilianspaltz. Insgesamt setzen 20 Discos aus der ganzen Innenstadt ein Zeichen gegen die Gewalt!

Video: Die neue Präventionskampagne der Münchner Clubs

Das Präventionskonzept heißt Cool bleiben – friedlich feiern in München. „Am Maximiliansplatz sind mittlerweile bis zu 5000 Partygänger unterwegs, in der Sonnenstraße weitere 8000“, sagte Polizeivizepräsident Robert Kopp am Donnerstag bei der Vorstellung. „Ab jetzt übernimmt jeder ein Stück Verantwortung für die Sicherheit – deutschlandweit einmalig.“ Die tz erklärt das Brennpunkt-Konzept:

Betretungsverbot: KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle greift jetzt auf Antrag der Polizei richtig hart durch: „Wer wegen schwerwiegender Delikte wie gefährlicher Körperverletzung, Raub oder sexuelle Nötigung auffällt, kann zeitnah – in ein bis zwei Monaten – und ohne strafrechtliche Verurteilung ein Betretungsverbot für den gesamten öffentlichen Raum bekommen.“ Das heißt: Der Störenfried darf nicht auf den Gehweg, die Straße und erst recht nicht in einen der Clubs! Das gab’s bisher nur auf der Wiesn, dem Frühlingsfest und in der Allianz Arena.

In der Praxis heißt das: Die Chaoten dürfen ein Jahr lang von 22 Uhr bis 7 Uhr die gesamte Feiermeile Innenstadt nicht betreten. „Uns ist damit auch sehr geholfen“, sagt David Süß vom Verband Münchner Kulturveranstalter. „Bislang konnten wir vor dem Club konnten nichts tun.“

Gegen vier Personen hat das KVR seit Ende August schon ein solches Verbot ausgesprochen. „Weitere sind in Vorbereitung“, kündigte Blume-Beyerle an. „Wer Straftaten begeht, kann künftig nicht mehr einfach eine Tür weiter gehen!“ Wer gegen das Betretungsverbot verstößt, muss ein Zwangsgeld von 500 Euro zahlen.

Gemeinsame Hausverbote: Die Clubs wollen künftig bei schweren Delikten Hausverbote aussprechen, die auf allen Privatgründen der Clubs gilt.

Stadt schickt Streetworker: Erstmals werden Streetworker erkennbar in Jacken und mit Taschen der Aufschrift Respekt vor Ort sein. „Alle Passanten und Partygänger können uns ansprechen und Hinweise geben“, sagt Streetworker Frederik Kronthaler. Außerdem helfen er und seine Kollegen alkoholisierten jungen Menschen.

Erfahrungsaustausch: Die Club-Betreiber, Securities, Streetworker und Polizei sind künftig besser vernetzt. Vierteljährlich werden Zwischenergebnisse besprochen.

Bei einem Erfolg könnte das Konzept auf die Kultfabrik ausgeweitet werden!

tz-Stichwort Feierbanane:

Auf den 1,2 Kilometern zwischen Maximiliansplatz und Sendlinger Tor haben sich in zehn Jahren über ein Dutzend Bars und Discos angesiedelt. Bis zu 13 000 Partygänger sind auf der Münchner Feierbanane hier an einem Abend unterwegs! Ärger bleibt da nicht aus.

So hat sich die Zahl der Straftaten entwickelt:

Von 529 Straftaten im Jahr 2009 auf 843 Straftaten 2011: In der Sonnenstraße hat die Kriminalität deutlich zugenommen (s. unten). Auch am Maximiliansplatz (sechs Clubs) ist sie gestiegen. Am Sendlinger Tor allerdings hat die Gefahr deutlich abgenommen. Der einfache Grund: Hier stehen jetzt Überwachungskameras. Die Zahlen von 2009 bis 2011 für alle Brennpunkte lesen Sie unten auf der Karte.

Nina Bautz

Die Klagen der Anwohner

„Was uns Mietern hier zugemutet wird, ist einfach unmenschlich.“ Peter H. ist 80 Jahre alt, er wohnt seit 34 Jahren an der Ecke Sonnen-/Schwanthalerstraße. „Die ganz Gegend verkommt zunehmend zur Partymeile“, sagt der frühere Diplomingenieur. „Der nächtliche Lärm wird immer unerträglicher.“ Er und andere Betroffene haben jetzt den Rechtsanwalt Detlev Ballhorn eingeschaltet. „Seit dem Wegfall der Sperrzeit ist hier ein Nachtlokal nach dem anderen entstanden“, ärgert sich Ballhorn. „Auf die betroffenen Bewohner wird dabei keinerlei Rücksicht genommen.“ Das ist bitter für all jene, die nicht einfach wegziehen können. „Gruppen Betrunkener krakeelen stundenlang, oft gibt es auch Schlägereien“, so Peter H. „Die Leute sind oft immens aggressiv.“ Als er mit seiner Frau an einem Abend nach Hause kam, habe ein Betrunkener gerade in einen Hauseingang uriniert. Anstatt sich zu entschuldigen, so Peter H., „hat er uns bedroht“.

Auch Hausmeister Franz P. ist verärgert. Er muss jeden Morgen den Müll wegräumen, den Nachtschwärmer hinterlassen. „Meistens sind Pappbecher der Schnellrestaurants und Flaschen, ich habe aber auch schon Kondome und Strumpfhosen wegräumen müssen.“ Schlimmer noch: „Die urinieren serienweise vor die Tür, der Rahmen ist schon ganz zerfressen. Auch Erbrochenes muss ich oft wegwischen. Dagegen bin ich machtlos.“

Anwohner Peter H. (81) zeigt auf die Stelle, an der Partygänger gerne urinieren und ihren Müll hinterlassen.

„Bei mir wurden schon zweimal die Schaufenster eingeschlagen, klagt Chana Kaminski, Inhaberin des Laden Fashion Natrik. „Hier in der Gegend passiert das laufend.“ Schlimmer noch: In jüngster Zeit dringen immer wieder Leute in Wohnhäuser ein. Er zeigt auf Türen in dem Wohnblock mit deutlichen Zeichen von Einbruchs-Versuchen: „Ich habe Angst, dass die auch bei mir an der Tür stehen.“ Dass jetzt in der Schwanthalerstraße jetzt eine neue Disco ihre Pforten öffnet, wollen die Anwohner nicht mehr hinnehmen. Wenn die Stadt in Sachen Sperrzeit nicht einlenkt, läuft es auf einen Prozess hinaus, betont Rechtsanwalt Ballhorn. „Die Anwohner haben ein Recht auf nächtliche Ruhe.“

Eberhard Unfried

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