Münchens wilde Nightlife-Zeiten

Das Münchner Nachtleben der letzten 60 Jahre passt in ein Buch mit 232 Seiten.

Chronologisch sortiert von 1949 bis heute. Vom Hot Club des Herrn Dr. Wagner an der Leopoldstraße, in dem sogar Benny Goodman ohne Gage auftrat, bis zur Shino Sake Bar, die Michael Kern in den nächsten Wochen unter dem Hotel Vier Jahreszeiten eröffnen will.

So hat es Mirko Hecktor (34) recherchiert, seit er vor gut einem Jahr von Blumenbar-Verleger Lars Birken-Bertsch gefragt wurde, ob er nicht Lust hätte, eine Chronik zu machen über das Münchner Nachtleben der letzten Jahrzehnte. Das Ergebnis ist „Mjunik Disco – München bei Nacht von 1949 bis heute“ und ab sofort im Buchhandel für 32 Euro erhältlich.

Hecktor, unter dem Künstlernamen mrk selbst anerkannter Discjockey der Elektronik-Szene, war begeistert. An seine Nightlife-Sozialisierung kann er sich noch gut erinnern: „Das war 1988, da war ich 14, und bin zum ersten Mal in die Theaterfabrik und Babalu-Bar gegangen, das war schon klasse damals.“

Fragt man ihn, welches Lokal er gerne mal kennengelernt hätte, kommt die Antwort prompt: „Die Klappe, ganz klar. Mit den Leuten um Filmemacher Klaus Lemke oder den Belleville-Verleger Michael Farin hätte ich schon gerne abgehangen. Das muss eine wahnsinnig tolle Stimmung gewesen sein, weil Ende der 70-er Jahre gerade ein Aufbruch stattgefunden hatte.“

Lemke erdachte sich in der Klappe zusammen mit seinen Schauspielern Wolfgang Fiereck, Cleo Kretschmer oder Dolly Dollar seine B-Movies, auch Fassbinder, Herbert Achternbusch oder die Jungs von Kraftwerk feierten in dem Schwabinger Club ab, in dem nun die Zentrale von Scientology residiert. All die Geschichten hat Hecktor recherchiert, traf sich mit Nacht-Legenden wie Richard Rigan („dem Elvis von Schwabing“), Bernd Theobald, den alle nur Theo Crash nannten, weil er in der gleichnamigen Discothek in der Lindwurmstraße auflegte, oder dem Erfinder der Negerhalle und Münchner Hallenkultur Bonger Voges. Denn neben den Porträts der Nachtlokale wird auch ausgewählten Protagonisten unter dem Kapitel „Nachtmenschen“ reichlich Platz eingeräumt. Garniert mit Foto-Dokumenten aus über einem halben Jahrhundert Mjunik Disco von Jimi Hendrix, der sein erstes Europa-Konzert 1966 im Big Apple gab, Fassbinder in Party-Dröhnung, Freddy Mercury bei Bäcker Bodo Müller oder Mick Jagger im P1.

Anspruch auf Vollständigkeit will das Werk nicht erheben, „an manche frühere Lokale wie das Charly M. sind wir einfach nicht mehr ran gekommen“, erklärt Hecktor, dem im aktuellen Nightlife etwas die Limitierung fehlt. „Es gibt in München über 120 Clubs, für jede Zielgruppe eigene Läden“, beobachtet der Szenegänger, „früher wurden die verschiedensten Styles und Auffassungen in einen Laden zusammen gepfercht, was vielleicht schon spannender war.“

Was Hecktor aktuell total gegen den Strich geht, sind die Flatrate-Partys und das Rauchverbot. „Irgendwie komme ich mir vor wie in Nordamerika, Westküste, wo Weggehen nur gespielt wird“, vergleicht der Nightlife-Experte. „Die Leute sagen sich, jetzt gehen wir aus, spielen Gefahr oder total harte Disco-Nacht. So kam ich mir vor, als plötzlich der beißende Rauch weg war, und dann war Weggehen plötzlich voll gesund.“

Im Pacha stellt Mirko Hecktor heute ab 21 Uhr sein Buch öffentlich vor, live und an den Plattentellern ein Querschnitt Münchner Club-Geschichte: von The Crash über Richard Rigan, Michael Reinboth bis zu DJ Upstrart und der Gomma Gang.

Mjunik Disco – Von 1949 bis heute; Mirko Hecktor (Hrsg.), 232 Seiten; 32 Euro; ISBN 978-3-936738-47-6

Quelle: tz

Auch interessant

Kommentare