Das Adlerauge der Nacht: Thomas Kiewning im Interview

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Seit 15 Jahren im Münchner Nachtleben unterwegs: Thomas Kiewning

Viele kennen ihn vom Weggehen, auf der Pirsch nach tollen Motiven, stets lächelnd und animierend – aber wer ist eigentlich dieser Nachtleben-Fotograf Thomas Kiewning?

Wir haben den 40-Jährigen gebürtigen Freilassinger, der 1998 zum Maschinenbaustudium nach München kam, zum Interview getroffen und ihn einmal näher befragt, über welche verschlungenen Pfade er zunächst zum „Partyfotografen“ und schließlich zum Profi an der Kamera wurde.

Wann und unter welchen Umständen hast du deine Leidenschaft fürs Fotografieren entdeckt?
Zum Fotografieren bin ich gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Zufällig, jung und völlig ahnungslos hab ich bei einem bekannten Nightlife-Fotoportal angefangen. Zunächst just for fun und später viele Jahre lang hauptberuflich.

Wie lange bist du schon professioneller Fotograf?
Die Meinungen gehen ja auseinander, was man unter einem "professionellen Fotografen" zu verstehen hat. Ist das derjenige, der sich eine Kamera kauft, eine Facebookseite unter seinem Namen veröffentlicht und dahinter noch "Photographer" schreibt. Oder derjenige, der sich in Blogs und über Social Media ein gutes Eigenmarketing aufbaut? Oder reicht es schon, einfach eine teure Profi-DSLR sein Eigen nennen zu dürfen? Oft ist der Übergang vom Amateurfotografen zum professionellen Fotografen ein fließender Übergang, bei dem man sein erstes Geld mit seinen Fotos verdient bis zu dem Punkt, an dem man davon hauptberuflich leben kann. Bei mir war dieser Wechsel ca. 2004.

Erzähl doch bitte mal kurz, wie die Entwicklung vom Partyportal-Fotografen zu deiner eigenen Firma epic-moments.de vonstatten ging?
Schon während meiner aktiven Zeit als „Partyfotograf“ habe ich auch andere Fotoaufträge wahrgenommen, die nicht in Konkurrenz dazu standen, zum Beispiel Auftragsarbeiten für Firmen angenommen oder auf Hochzeiten von Freunden und Bekannten Fotos geschossen. Es war dann der nächste logische Schritt, mich nach der Beendigung meiner Tätigkeit als „Partyfotograf“ in diesem Bereich selbständig zu machen. Die Anzahl der Aufträge wuchs ständig an, ich musste weitere Fotografen einstellen, und jetzt bin ich gerade dabei, nach jahrelanger Arbeit aus dem Homeoffice heraus, mein erstes eigenes Büro mit kleinem Fotostudio aufzubauen.  

Nach welchen Kriterien wählst du inzwischen deine Aufträge aus? Was muss für dich gegeben sein, damit du auch Spaß an deinem Job hast?
Damit ich auch Spaß an meinem Job habe? Ich mache den Job, weil er mir ungemein viel Spaß macht! Es kommt dabei nicht immer aufs Geld an, aber unter Preis will ich mich auch nicht verkaufen. Momentan läuft es so gut, dass ich leider sogar viele Anfragen ablehnen muss, weil ich schon gebucht bin. Dies gilt vor allen in den Sommermonaten für Hochzeiten, die zu fotografieren ich inzwischen ungemein lieb gewonnen habe.

Wenn du mal das Fotografieren im Nachtleben mit Auftragsfotografie bei Firmenfeiern und Hochzeiten vergleichst – wo fühlst du dich mehr zu Hause und warum?
Ich fühl mich in allen Bereichen, die du gerade aufgelistet hast, extrem wohl! Aber aufgrund meines zunehmenden Alters - bin nun auch schon 40 - schwenke ich langsam, aber sicher weg von den typischen „Partyfotos in Clubs“ und mache immer mehr Firmenveranstaltungen, Tagungen, Messen und auch Privatfotos für Hochzeiten, Familien-, Kinder- und Babyfotos. Inzwischen habe ich aber ein gutes und zuverlässiges Team aus Jungfotografen, denen ich meine fast 15-jährige Erfahrung im Bereich der Eventfotografie weitergebe und die ich in meinen Namen auf Events schicke oder teilweise als Assistenten mit auf Firmenveranstaltungen und Hochzeiten nehme.

Du bietest ja auch Videoproduktion an. Drängen Bewegtbilder eigentlich die Fotografie eher zurück oder befruchtet sich das gegenseitig?
Videos werden Fotos nicht ersetzen! Aber die Nachfrage an Videos ist in den letzten Jahren enorm gestiegen und wird in sozialen Medien wie Facebook zusätzlich zu den Fotos genutzt. Beides ergänzt sich somit optimal.  

Wie sieht dein normaler Arbeitsabend an einem Freitag oder Samstag aus? Wie viele Stunden und Stationen musst du absolvieren, wie viele Drinks konsumieren?
Auf die Frage habe ich gewartet: Wie viele Drinks? Deswegen mag ich auch das Wort „Partyfotograf“ überhaupt nicht. Da hat man so das Bild im Kopf: in der einen Hand die Kamera, in der anderen den Drink. Man ist mehr am Feiern und Flirten und weniger dabei, gute Fotos zu schießen. Trifft leider auch auf viele in der Nightlife-Fotografie-Branche zu – aber war bei mir nie der Fall.

Ich trinke von Haus aus keinen Schluck Alkohol, und für mich war und ist immer die Fotoqualität an oberster Stelle. Aber ich will es nicht verneinen: Es macht schon viel Spaß dort zu arbeiten, wo andere zum Feiern hingehen. Diese ausgelassene Stimmung ist ansteckend. Aber zurück zur ursprünglichen Frage.

Der normale Arbeitsabend fängt als Nightlife-Fotograf meistens gegen 20-21 Uhr an und endet mit Sonnenaufgang, bis man die Fotos zu Hause gesichtet und hochgeladen hat. Als 20- bis 30-Jähriger war das auch nie ein Problem, mit sehr wenigen Stunden Schlaf zwei bis drei Tage durchzuarbeiten. Aber jetzt merke ich schon, wenn ich eine Nacht durchgemacht habe, dass ich dann doch einen Tag zur Erholung brauche.

Bei welcher Musikrichtung würdest du am liebsten deine Kamera für eine Stunde weglegen? Oder bist du so gar kein Tänzer?
Um ehrlich zu sein: Ich bekomme meistens gar nicht mit, was für eine Musik gerade gespielt wird, weil ich mich so auf meinen Job konzentriere. Es klingt komisch, aber die Musik blende ich aus. Ich werde auch oft, wenn ich mehrere Stationen am Abend abfahre, gefragt, welche Musik denn in der Station zuvor gespielt wurde. Ich muss dann gestehen: keine Ahnung. Aber ich kann dir sagen, ob die Leute gut gelaunt und ausgelassen getanzt haben oder nicht. Denn das sind die Situationen, die ich auch ablichte.

Aber hin und wieder findet auch die Musik, die mir gefällt, den Weg in mein Ohr – und ich denke mir dann: cooler Song, lange nicht mehr gehört. Und wippe dann ein bisschen mit, freu mich darüber und mach weiter meinen Job.  

Wie viele Nightlife-Fotos hast du geschätzt schon gemacht? Hast du da eine ungefähre Vorstellung?
Die Frage ist echt nicht einfach zu beantworten. Da muss man erst mal klären, was man unter „Fotos gemacht“ versteht. Erst diesen Freitag habe ich ca. 3.000 Fotos auf drei Events geschossen, verwendet wurden anschließend ca. 320 Fotos. Rechnen wir mal mit fünf Events pro Woche (das ist schon niedrig angesetzt) mit jeweils 150 Fotos pro Event. Das Ganze mal 52 Wochen in 15 Jahren, dann sind das ca. 585.000 veröffentlichte Fotos von mir. Aber ich denke, es sind eher doppelt, wenn nicht sogar dreimal so viele Fotos. Weil in meinen „wilden Jahren“ habe ich teilweise fünf Events an einem Abend besucht.

Wie viele Kameras sind dabei schon draufgegangen?
Durch äußere Einwirkungen wie Runterfallen oder etwas drüber schütten ist bei mir noch nie eine Kamera kaputt gegangen. Einmal hat der Lamellenverschluss versagt und ich habe die Kamera zur Reparatur eingeschickt oder, das können wir jetzt doch auf äußeren Einfluss schieben, durch einen Laser ist der Sensor verbrannt. Das war ärgerlich. Aber ich hab meistens im Rucksack eine Ersatzkamera dabei und kann damit die Aufträge abschließen.

Wie oft kommt es vor, dass Leute, die du im Nachtleben fotografiert hast, bei dir auch wg. eines professionellen privaten Shootings anfragen?
Sehr oft, regelmäßig und immer wieder. Und das sehe ich als großes Kompliment für mich und meine Arbeit. Den Leuten scheinen meine Fotos zu gefallen.

Gab‘s auch schon mal brenzlige Situationen mit Betrunkenen zum Beispiel?
Sehr selten! Ich kann mich jetzt gerade nur an zwei Situationen in 15 Jahren erinnern. Das eine mal war das in der Milchbar, da hat sich ein Gast immer wieder zwischen die Gäste, die ich fotografieren wollte, gestellt und ging mir dann auch an die Wäsche. Aber bevor ich selbst reagieren konnte, sprang der Barmann über die Theke und hat sich den Gast geschnappt, ihn am Kragen gepackt und mit den Worten „Du lässt unseren Fotografen in Ruhe!“ aus dem Club geworfen.

Was hältst du von Paparazzi, die oftmals doch sehr mutwillig ins Privatleben anderer eindringen?
Nichts! Ich mach meine Auftragsfotografie und treffe dabei auch regelmäßig den einen oder anderen Promi. Es gibt Tage, da wollen sie Fotos und es gibt Tage, da wollen sie keine. Man akzeptiert das und kommt so wunderbar miteinander aus. Da fällt mir gerade ein, vor vielen vielen Jahren in der MaxSuite war, als gerade „Gladiator“ im Kino lief, der Ralf Möller dort.

Zwei junge Mädels wollten ein Foto mit ihm, und er hatte kein Problem damit, selbst als dann im Anschluss noch fast alle anderen Clubgäste auch ein Foto mit ihm haben wollten. Da gab es dann ein spontanes 15-minütiges Fotoshooting mit Ralf Möller.

Weiter Informationen über Thomas Kiewning findet ihr auf: www.epic-moments.de.

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