Deutlicher geht's nicht

Olympia gegen Bürger: 0:4

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Der Generaldirektors des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) Michael Vesper (l-r), der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) und der DSV- und designierte DOSB-Präsident, Alfons Hörmann

München - Die bayerische Olympia-Bewerbung für die Winterspiele 2022 ist jetzt Schnee von gestern: Bei den Bürgerentscheiden in den vier Bewerbungsorten gab es überall ein klares Nein von den Wählern.

In München votierten 52,1 Prozent gegen Olympia und in Garmisch-Partenkirchen waren es 51,6 Prozent. Noch deutlicher die Abneigung gegen das Großereignis in den Landkreisen Traunstein mit der Biathlon-Hochburg Ruhpolding und Berchtesgadener Land (Kunsteisbahn Königssee): Dort stimmten 59,7 bzw. 54,1 Prozent dagegen. Somit ist nach der negativen Bewerbung für die Spiele 2018, die am Nein der IOC-Delegierten scheiterte, und dem Ergebnis von gestern das Thema Winter-Olympia in Bayern wohl endgültig gescheitert. Einen dritten Anlauf wird es nicht geben.

David Costanzo, Mathias Müller, Sebastian Arbinger, Uli Heichele

München 0:1

Schluss, aus, vorbei – der Traum von Olympia ist geplatzt. 52,1 Prozent der Bürger sagen Nein zu Olympia und nur 47,9 Prozent stimmten für die Bewerbung zu den Winterspielen 2022. Es ist mucksmäuschenstill im Kreisverwaltungsreferat bei der Wahlparty der Stadt, die Olympia-Befürworter unter den Politikern sind klar in der Überzahl, aber auch die Gegner jubeln nicht. „Es ist eine klare Niederlage erlitten worden, damit ist die Bewerbung gescheitert. Dies gilt nicht nur für 2022, sondern nach meiner persönlichen Einschätzung dauerhaft“, sagt OB Christian Ude (SPD). Nicht einmal jeder dritte Münchner ging an die Urne. Das war es.

Auch die Spitzenvertreter der Sportverbände sind da – und geknickt. „Wir müssen dieses Ergebnis nun sauber analysieren“, sagt DSV-Präsident und designierter DOSB-Chef Alfons Hörmann gewohnt ruhig. „Olympia 2022 hätte München und Deutschland gutgetan.“ Hinter den Kulissen rumort es schon. FDP-Mann Michael Mattar sah gar ein Versagen des OB, weil der keinen Olympia-Entscheid bei der Bundestagswahl gewollt habe. „Dann wäre die Wahlbeteiligung bei 70 Prozent gewesen und nicht bei 30 Prozent. Dann wäre das ganz sicher anders ausgegangen“, ärgert sich Mattar. DOSB-General Michael Vesper zuckt mit den Schultern: „Hinterher ist man immer schlauer. Wir mussten das Ergebnis der beiden Wahlen abwarten. Olympia sollte aber auch nicht in den Wahlkampf gezogen werden.“

Auch die – wenigen – Bauprojekte in der Stadt sind gestoppt. Vor allem die 1300 Wohnungen im geplanten Olympischen Dorf am Olympiapark werde es so schnell nicht gebe, sagt der OB. „Es war immer klar, dass wir das Areal der Bundeswehrverwaltung nur bekommen, wenn es für die Spiele nötig wird.“ Auch bei der zweiten Stammstrecke stünden die Weichen auf Verzug. „Jetzt fehlt der Zeitdruck, der dem Projekt gutgetan hätte. Genau wie der olympische Zeitdruck vor 1972 dem Ausbau der S- und U-Bahn gutgetan hat.“

„Standort Deutschland“, ätzt ein Mann mit OlympJa!-Anstecker. „Uns geht’s wirklich zu gut.“

Olympia 2022: Bilder aus dem Münchner Kreisverwaltungsreferat

Olympia 2022: Bilder aus dem Münchner Kreisverwaltungsreferat

Traunstein 0:2

Sie sagen selbst, Ruhpolding sei das „Wimbledon des Biathlon-Sports“ (Fritz Fischer) – aber sie wollen es der Welt nicht bei Olympia zeigen. Im Landkreis Traunstein stimmten satte 59,7 Prozent der Bevölkerung gegen die bayerische Bewerbung für Olympia 2022. Klare Sache: 33 100 Nein-Stimmen und eine markante Wahlbeteiligung von 40 Prozent.

Grad Traunstein als heftigste Olympia-Opposition: Landrat Hermann Steinmaßl (65, CSU) erklärt sich das durch die Rahmenbedingungen. Es habe „eine negative Grundstimmung“ gegeben. Und: „Wir haben durch Landtags- und Bundestagswahl zu wenig Zeit gehabt, die Bürgerinnen und Bürger argumentativ zu überzeugen.“

Nur Ruhpolding selber sowie die weiter entfernten Gemeinden Engelsberg und Pittenhart stimmten für die Olympiabewerbung, alle anderen 32 Gemeinden des Landkreises waren dagegen. Besonders deutlich ging’s in Inzell aus: Da gab’s 68,7 Prozent Nein-Stimmen. Hintergrund: Das dortige Eisschnelllauf-Oval wäre keine Olympia-Sportstätte gewesen – hier war lediglich ein Medienzentrum geplant.

Vorbei. Die Bewerbung ist beerdigt. Steinmaßl prophezeit: „Olympia 2022 wird nach Europa gehen. Oslo wird gewinnen – dort werden dann die Fässer geöffnet. Die früheste Chance für eine weitere bayerische Bewerbung wäre dann wahrscheinlich für das Jahr 2034 …“

Berchtesgaden 0:3

Auch im fünften Anlauf hat’s nicht geklappt. Der Landkreis Berchtesgadener Land mit seiner Kunsteisbahn am Königssee wird einfach nicht olympisch. 54,1 Prozent (38,3 Prozent Wahlbeteiligung) stimmten dagegen – und Landrat Georg Grabner (61, CSU) versteht’s nicht. „2022 werden irgendwo auf der Welt Olympische Winterspiele stattfinden. Nur sie werden garantiert nicht so umweltverträglich sein, wie es unser Konzept vorgesehen hätte. So viel zum Thema globale Verantwortung.“

An der Bahn, die in den vergangenen Jahren mit 30 Millionen Euro mordernisiert wurde, hätte nichts mehr gemacht werden müssen. Der Aufwand für die ganze Region: beinahe null. Im Gegenteil: Bad Reichenhall hätte neben München und Garmisch-Partenkirchen die dritte so genannte Medal Plaza bekommen. Die Medaillengewinner aus Ruhpolding und Königssee wären hier von tausenden Fans gefeiert worden. „Wir haben mit Fakten gegen die Stimmungsmache der Gegner angekämpft. Da tut man sich leider immer schwer. Die haben unwahre Behauptungen aufgestellt und ständig von Schuldenbergen, Naturzerstörungen und verstopften Straßen gesprochen“, sagt Landrat Grabner.

Bezeichnend für den Kreis Berchtesgadener Land: Einzig der Stimmkreis Schönau am Königssee (dazu zählt die Kunsteisbahn) lieferte mit 57,3 Prozent ein klares Ja. Der Rest votierte mit Werten von sogar 75 Prozent dagegen. „Ich bin sehr enttäuscht“, meinte der Landrat am späten Abend – und fand am Ende nur einen klitzekleinen Trost: Denn der Nachbar-Landkreis Traunstein lehnte die Spiele mit einem noch deutlicheren Resultat ab.

Garmisch 0:4

„Winterspiele sind ein für alle Mal abgehakt. Jetzt sind – wenn überhaupt – die Sommerverbände dran.“ Der Garmischer Bürgermeister Thomas Schmid (52, Christlich Soziales Bündnis) brachte es wenige Minuten, nachdem das Endergebnis von 51,6 Prozent Nein-Stimmen festgestand, auf den Punkt. Dabei war gerade er voller Hoffnung in den Bürgerentscheid gegangen. Denn die Belastungen für die Marktgemeinde waren bei der Bewerbung um die Winterspiele 2018 noch deutlich höher, die Stimmung schlechter – und trotzdem votierten damals mehr als 58 Prozent dafür.

„Die Zurückhaltung bei Großprojekten ist in ganz Deutschland generell sehr groß. Früher waren die Leute stolz darauf – da kam der Patriotismus zum Tragen. Aber jetzt sind vielleicht wirtschaftliche Themen wichtiger“, meint Schmid. Für das jetzige Nein seien nicht allein Garmischer Probleme verantwortlich gewesen. Schmid: „Es wird kein besseres Konzept mehr geben. Wir hätten drei Weltmeisterschaften parallel ausrichten müssen. Das hätte problemlos funktioniert.“ Dennoch hoffe er, dass das Ergebnis jetzt von allen Seiten akzeptiert werde. Bemerkenswert ist die Wahlbeteiligung: 55,8 Prozent gingen zur Urne!

Die geplanten Infrastrukturmaßnahmen für Garmisch-Partenkirchen wie der Ausbau von Wank- und Kramertunnel sowie die Sanierung von Kongresshaus und Skistadion rücken jetzt allerdings in weite Ferne. Und nach der Ski-WM 2011 gibt es für die Wintersport-Hochburg auch sonst keine Vision. Es bleibt bei den jährlichen Weltcup-Veranstaltungen für alpinen Skisport und Skispringen.

 

Oslo ist jetzt Top-Favorit

München ist nach dem Nein der Bürger raus aus dem Rennen um die Olympischen Spiele 2022. Somit verbleiben – so wie es jetzt aussieht – sechs Bewerber. Am Donnerstag endet die Antragsfrist des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Bemerkenswert: Neben der geballten Kraft an Europäern (Oslo, Stockholm, Krakau, Lwiw/Lemberg) wollen nur die Zentralasiaten aus Kasachstan mit Almaty sowie China mit Peking den Zuschlag. Die Lust auf Spiele auf dem amerikanischen Kontinent liegt bei null. Und das, obwohl die Spiele in Salt Lake City (USA/2002) und Vancouver (Kanada/2010) in neun Jahren auch schon wieder eine stattliche Zeit zurückliegen werden. Die Chancen stehen deshalb gut, dass die olympische Wintersportfamilie nach ­Europa zurückkehrt. Neuer Top-Favorit ist jetzt Oslo.

Olympia-Ticker zum Nachlesen: Entscheid deutlich gescheitert

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