„Eine Prüfung, noch mehr nach innen zu gehen“

Rainer Langhans unheilbar krank - So geht es der Münchner Hippie-Ikone zum Jahreswechsel

Rainer Langhans auf einem Foto aus dem Juni 2020
+
Rainer Langhans auf einem Foto aus dem Juni 2020.

Rainer Langhans geht ganz offen mit seiner unheilbaren Krankheit um - und erklärt zum Jahreswechsel, wie es ihm geht und wie er die Corona-Pandemie sieht.

München - Als sein Telefon klingelt, muss Rainer Langhans erst mal sein Radl abstellen. Er sei auf dem Weg zu den Tischtennisplatten im Luitpoldpark. Seit 30 Jahren spiele er dort mit den Frauen seiner Kommune Turniere. „Ich bin schon ganz gut“, sagt er bescheiden. Man glaubt’s ihm sofort.

Den kleinen Ball in festen Grenzen hin- und herhüpfen zu lasssen – ist das wirklich die Welt des berühmten Kommune-1-Gründers, der Ikone der 68er-Bewegung und der freien Liebe? Es ist nur Langhans’ äußere Welt – viel wichtiger ist ihm, was in seinem Inneren passiert.

Rainer Langhans leidet unter unheilbarem Prostatakrebs

Dort wütet seit Monaten der Krebs. Unheilbarer Prostatakrebsdaraus macht der 80-Jährige kein Geheimnis. Doch er hat eine ganz eigene Art, diese Krankheit anzunehmen. Selbstmitleid, Reue oder gar Zukunftsangst – diese Gefühle gibt es in seinem Kosmos nicht.

Für Langhans ist der Krebs „eine Prüfung, noch mehr nach innen zu gehen“. Er sagt: „Mein Meister hat mir den Krebs geschickt.“ Sein Meister war Kirpal Singh, bei dem er in den 70er-Jahren begann, sich mit Meditation und Fasten ganz der Spiritualität zu widmen. Innerlich wachsen, nicht äußerlich reich werden – noch heute ist es sein Credo.

Doch trotz des Wegs nach Innen („Ich übe so das Sterben“), hat sich Langhans entschieden, auch Rat und Tat der Schulmedizin anzunehmen. Allein, um die Krankheit zu moderieren, wie er sagt.

Gerade habe er die erste Hormontherapie hinter sich, die sogennante Drei-Monatsspritze. „Mir geht es untypischerweise sehr gut“, sagt er fast fröhlich. Ich fühle mich absolut gesund und ich kann nicht verstehen, dass da etwas in mir ist“.

Die Therapie komme allerdings einer chemischen Kastration gleich, weil das Testosteron stark heruntergefahren wird. Ein Mitpatient habe damit große Probleme. „Ich nicht, denn ich habe mich schon seit Jahren ent-sexulisiert.“ Sprich, Sex und dem Bedürfnis danach, habe er vollkommen abgeschworen. „Jetzt bin ich der feuchte Traum aller Feministinnen.“

Der Spott ist nicht zu überhören. Man nimmt es Langhans nicht übel, wurde er doch als Sexikone und Sex-Kommundarde bezeichnet. Das sei ja schon lange vorbei, seit über 30 Jahren, so Langhans. Die körperliche Liebe sei bei seinem Weg nach Innen bloß hinderlich.

Rainer Langhans: „Ich ziehe mich zurück, fahre alles runter“

Den Weg beschreitet Langhans täglich mit mehreren Stunden Meditation. „Ich ziehe mich zurück, fahre alles runter“, erklärt er im Gespräch. „Ich glaube, weil mir das so schwerfällt, habe ich den Krebs bekommen.“

Die Corona-Krise habe bei ihm wohl nicht ausgereicht, dass er ganz nach innen geht. Trotzdem beobachtet er sehr genau, was die Pandemie mit den Menschen und der Gesellschaft macht. „Was die 68er nicht hinbekommen haben, das schafft Corona jetzt. Den ganzen Mist, den Kapitalismus, die ungleichen Vermögensverhältnisse, die Zerstörung des Planeten. Es ist eine ungeheuerliche Umwälzung, die wir gar nicht ermessen können“, ist er sich sicher. 

Langhans hofft auf ein besseres Leben für alle – schon immer trete er für ein bedingungsloses Grundeinkommen ein. „Damit die Ausbeutung und die Maloche endlich ein Ende haben. Wir trauen uns doch schon gar nicht mehr die Frage zu stellen: Was wollen wir wirklich?“ Er habe schon früh gelernt, in sich hineinzuhorchen. „Wenn man wie ich als Autist geboren wurde, dann ist die Welt so, wie sie ist, ein unmöglicher Ort. Erst bei der 68er-Bewegung habe er gespürt, so ist es richtig.

Als Krebspatient zählt Langhans auch zur Risikogruppe in Pandemie-Zeiten. Doch wie auch der Schulmedizin, bringt er demrasch entwickelten Impfstoff wenig Vertrauen entgegen. Ich glaube nicht, dass der Impfstoff viel bringen wird. Wir müssen uns lange auf diese Pandemie einstellen.“

Das alles wieder so wird wie vor Corona – das kann sich Langhans nicht vorstellen: „Es ist das Jahr der großen Wende zur Menschlichkeit.“ Menschlichkeit, nach der sich Langhans sein Leben lang sehnt. (Maria Zsolnay)

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Kommentare