Obskur, skurril, eklig

25-Jähriger hält Rennradfahrerin auf - und leckt ihren Sattel ab

Die Münchnerin (22) hatte vor Gericht noch eine belegte Stimme, als sie den Vorfall vom vergangenen März erläutern musste. Ein  25-Jähriger leckte den  Sattel ihres Rennrads von vorne bis hinten ab.

Dietramszell/Wolfratshausen – Obskur, skurril, eklig: Es fallen einem viele Adjektive ein zu einem ungewöhnlichen Fall, der am Mittwoch am Amtsgericht Wolfratshausen verhandelt wurde. Ein 25-Jähriger aus dem Raum Otterfing musste sich wegen Nötigung verantworten: Er hatte eine Rennradfahrerin (22) aus München, die auf ihrer Tour in einem Waldstück an der Staatsstraße 2368 im Gemeindegebiet von Dietramszell Rast gemacht hatte, am Weiterfahren gehindert – und den Sattel ihres Rennrads abgeleckt.

„Ich war perplex, wusste nicht, was ich tun sollte“, sagte die Münchnerin mit belegter Stimme, als sie im Gerichtssaal noch einmal von dem Vorfall am 20. März vorigen Jahres berichtete. Sie war an jenem Montagnachmittag auf einer längeren Trainingsrunde im Landkreis unterwegs. Bei Linden hielt sie an, lehnte ihr Rad an einen Holzstapel, hinter dem sie kurz verschwand. Als sie wieder auf den Weg trat und ihre Trainingskleidung für die Weiterfahrt „herrichtete“, hielt der Angeklagte neben ihr, stieg aus dem Auto und fragte nach dem Weg nach Otterfing.

Richter:  „Aktion, die keiner versteht“

Dabei habe sie sich nichts gedacht, erzählte die Geschädigte. Doch der Mann kam näher, die Frau wich zurück. „Er fragte, ob er nicht meinen Sattel abschlecken dürfe“, so die Zeugin. „Ich wusste nicht, was ich tun sollte.“ Der Beschuldigte habe sie am Arm gefasst und sie zurückgeschoben. „Dann hat er sich vorgebeugt und den Sattel von vorne bis hinten abgeschleckt“, schilderte sie noch einmal „die Aktion, die keiner versteht“, wie Richter Helmut Berger feststellte.

Die Verteidigung wollte die Sache rasch und geräuschlos aus der Welt schaffen. Der 25-Jährige nahm mit gehörigem Abstand zu seinem Anwalt auf der Anklagebank Platz. „Es ist egal, wo er sitzt. Er sagt sowieso nichts“, verkündete der Verteidiger, noch bevor die Verhandlung begonnen hatte. Nachdem die Anklageschrift verlesen worden war, regte er ein Rechtsgespräch an, womit er beim Richter auf offene Ohren stieß. Nachdem man sich einige Zeit hinter verschlossener Tür ausgetauscht hatte, sagte der Anwalt seinem Mandanten, was dieser zu tun habe. „Sie zahlen 500 Euro an die Frau. Und wenn sie gleich hereinkommt, sagen Sie ihr, es tut Ihnen leid.“ Der Angeklagte sagte nichts. Der Anwalt nahm wieder Platz und erklärte: „Der Sachverhalt wird voll umfänglich eingeräumt.“ Verfahren gegen Zahlung einer Geldauflage eingestellt, Ende der Vorstellung. Die Aussage der Geschädigten wird demnach nicht mehr benötigt.

„Entschuldigung“, murmelte der Angeklagte

Die junge Frau schluckte kräftig, als der Richter ihr die Verfahrensabwicklung erklärte. Denn sie hatte im September vorigen Jahres eine weitere unangenehme Begegnung mit dem Angeklagten. So blieb ihr eine Aussage nicht erspart. Das Gericht hielt dennoch an der Einstellung des Verfahrens gegen Zahlung von 500 Euro und einer Entschuldigung fest, erweiterte die Auflagen aber um ein Kontaktverbot für ein Jahr. „Entschuldigung“, murmelte der Angeklagte. Damit gab Berger sich nicht zufrieden. Sichtlich widerwillig sprach er dem Richter nach: „Ich möchte mich für mein Verhalten vom 20. März bei Ihnen entschuldigen.“

Rubriklistenbild: © dpa

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