Erinnerungen an Riem

25 Jahre nach dem Flughafen: Rasenmähen unter der Boeing

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Rasenmähen anno 1956: Schäfer waren früher mit ihren Tieren auf dem Riemer Flughafen dafür verantwortlich. Im Hintergrund ist Salmdorf zu sehen, damals mit knapp 100 Einwohnern.

Vor 25 Jahre wurde der Flughafen Riem stillgelegt. Zwei Salmdorfer Landwirte erinnern sich an die Zeit zurück und erzählen aus ihrem Leben mit den Flugzeugen.

Salmdorf – Seit genau 25 Jahren startet kein Flieger mehr auf dem Flughafen München-Riem _ und damit in direkter Nachbarschaft zu Haars Ortsteil Salmdorf. Ebenfalls auf den Tag genau vor 25 Jahren wurde Alt-Bürgermeister Helmut Dworzak (SPD) zum ersten Mal ins Amt gewählt. Zwei Gründe für die Haarer SPD um Peter König, den Salmdorfern ein großes Fass Bier zu spendieren.

Zwei echte Salmdorfer sind Franz (78) und Andreas (52) Rieder, Landwirte vom Böcklhof. Sie wurden damals von Verantwortlichen des Flughafens Riem engagiert, um die großen Grasflächen entlang der Start- und Landebahn zu mähen – bei laufendem Flugbetrieb.

„Wir hatten einen Schlüssel und fuhren einfach durch das Tor 31 aufs Gelände, wenn wir dachten, dass es Zeit wäre zum Mähen“, erzählt Andreas Rieder. Das Heu haben sie für ihre Bullenzucht verwendet. „Vor uns erledigte das Mähen noch ein Schäfer mit seinen Tieren. Doch der Schafkot lockte so viele Vögel an.“ Und die flogen regelmäßig in die Triebwerke der Flugzeuge. „Also kamen wir mit unseren Bulldogs zum Einsatz´.“

Von der Haustür aus in den Urlaub

Rieders Familie wohnte südlich der Landebahn, die Fenster waren auch nach Süden gerichtet, „daher war es vom Krach her gar nicht so schlimm, man hat sich daran gewöhnt“. Wenn die Familie aber im Garten saßen, dann schauten sie zu, wie die Flieger im Minutentakt in ein paar hundert Meter Entfernung starteten und landeten. Auch Andreas Rieder flog direkt vor der Haustür los in den Urlaub. „Das war 1990, nach Catania auf Sizilien. Das war schon toll, unseren Hof von oben zu sehen“, sagt er und lacht. Sie hatten sich eben arrangiert mit dem Fremdkörper Flughafen.

Ganz anders Anfang der 1960er Jahre: damals herrschte große Angst unter den Salmdorfern. „Da gab es plötzlich Pläne für eine zweite Startbahn, die sollte Richtung Parsdorf zeigen und hätte unser Dorf komplett platt gemacht“, berichtet der Landwirt. Doch seit Anfang der 70er Jahre wussten wir, dass Riem verschwinden wird“, sagt Senior Franz Rieder.

Genau auf der anderen Seite Salmdorfs lebte die Familie Metzger, ebenfalls Landwirte, mit dem Flughafen, den täglichen Fliegern und dem Lärm. „Wir schauten von der Terrasse direkt auf die Bahn, kannten jede Start- und Landezeit und wussten genau, wenn einer Verspätung hatte“, erzählt Martin Metzger (49). Der Flughafen gab den Takt des Lebens in Salmdorf vor. Protestiert oder gar prozessiert haben sie nicht. Der Flughafen „war ja schon immer da, wurde 1939 fertiggebaut“, meint Metzger. Auch er ist einmal von Riem aus geflogen und konnte den Vater auf dem Feld sehen. „Ein komisches Gefühl.“

„Wir sind wohl das einzige Dorf mit U-Bahn“

„Hier gehe ich nie wieder weg!“ SPD-Chef Peter König kam 2006 nach Salmdorf.

Ganz anders erlebt Peter König Salmdorf. Der heutige Haarer SPD-Vorsitzende kam erst durch das Ende des Flughafens Riem nach Salmdorf. Er blieb mit seiner Frau nach dem Studium in München hängen und suchte ein schönes, günstiges Häuschen. „Diese Chance bot sich uns 2006 in Salmdorf“, erzählt König. Ein paar Meter vor seinem Haus beginnt ein riesiges Spiel- und Freizeitgebiet, daneben ist ein großer Aussichts- und Rodelhügel, unter dem sich die Reste der Startbahn befinden. In Sichtweite die Neue Messe München mit U-Bahn, daneben Riemer Park und See. „Wir sind wohl das einzige Dorf mit U-Bahn“, bemerkt König stolz. Für ihn ist Salmdorf der Glücksgriff schlechthin, „hier ziehe ich nie wieder weg“.

Nachdem der letzte Flieger 1992 in Riem abgehoben hatte, wuchs das Dorf von 100 auf 500 Einwohner an, die Bodenpreise explodierten. Doch eine Querverbindung von Salmdorf zur Messestadt wurde verhindert, der Verkehr hält sich daher in Grenzen. Verantwortlich für die Verhinderung der Straße war Helmut Dworzak. „Am letzten Tag des Flughafens Riem war mein erster Tag als Bürgermeister“, erzählt er. Er habe zwar versucht, einen Teil der Flughafenfläche zu erhalten. Schließlich gehörte diese mal der Gemeinde Haar. „Doch der Gemeinderat hatte sie dem Führer geschenkt, damit er einen Flughafen bauen kann. Die Stadt München ließ nicht mit sich reden. „Aber ich denke“, sagt König, „wir haben es trotzdem ganz gut hinbekommen.“

Von Bert Brosch

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