Bayerns Weltenbummler: Keine Expeditionen mehr!

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Mit Gamsbart und Lederhose um die Welt: Schorsch Kirner aus Baldham in Nordindien. Dort war er in den Jahren 1983/84.

Baldham - Schorsch Kirner ist 50 Jahre um die Welt gereist. Er hat Buschmänner gesehen, Dschungelnomaden, den Dalai Lama und den Tod. Jetzt beendet der verrückte Abenteurer aus Baldham seine Karriere. Denn bei seiner letzten Expedition kam es zur Katastrophe.

Es gibt da einen, der war als ältester Mensch der Welt, nämlich mit 67 Jahren, zu Fuß am Nord- und am Südpol. Er war der erste Bayer, dem dieses Husarenstück gelang.

Er hat bei den Teller-Lippenfrauen in Äthiopien genauso gewohnt wie bei den Giraffenfrauen in Burma.

Er hat eine Inka-Stadt entdeckt, seine Nase ist krumm von einem Unfall in der Gletscherspalte.

Er lebte drei Monate am Hof des Dalai Lama und überlebte drei Flugzeugabstürze. Einen davon nur, weil er eine tibetanische Glücksmünze dabei hatte.

So erzählt es dieser Abenteurer vor dem Herrn. So erzählt es der heute 75-jährige Schorsch Kirner aus Baldham im Kreis Ebersberg. Kirner erkundet seit 50 Jahren die Welt, er ist ein Glücksritter, ein Draufgänger und ein verrückter Hund, der genau weiß, wie Rentierkäse schmeckt und wie kalt es bei den Zaatan, einem Nomadenvolk in der Mongolei, werden kann. Nämlich 25 Grad minus. „Für das alles sollten sie mich zum bayerischen Außenminister machen“, sagt er. Das geschah bisher nicht, stattdessen haben sie am Südpol einen Berg nach ihm benannt.

Aber jetzt, nach all den Jahren, macht Kirner Schluss mit seinem Abenteurer-Leben. Er kann nicht mehr. Seine letzte Expedition nach Tibet war ein einziges Drama, erzählt er. Gerade erst ist er zurückgekehrt. „Ich bin geschockt“, sagt er. „So was ist noch nie passiert.“ Einer seiner Begleiter wurde auf 4000 Metern Höhe von einem gewaltigen Eisbrocken am Rücken erwischt. Mit Verdacht auf Querschnittslähmung haben sie ihn zurück nach Deutschland geflogen. Ein Freund von ihm, der auch mit in Tibet war, hat die Höhe nicht verkraftet. Er verstarb während der Expedition. Vor Ort haben sie ihn eingeäschert. „Das alles belastet mich schwer“, so Kirner, „denn ich war der Expeditionsleiter.“ Das ist das Ende einer außergewöhnlichen Karriere. Eigentlich wollte er im Januar noch nach Brasilien, dort hat er sich mit einem Stammeshäuptling im Amazonasgebiet angefreundet, berichtet er, „aber der wurde gerade von der Holzfällermafia erschossen“. Es sei nun wirklich Zeit, mit den Expeditionen aufzuhören. „Das waren äußere und innere Zeichen.“

Gibt’s doch nicht, so ein Leben, denkt man, wenn man Kirner zuhört. Aber dann erzählt er von seiner 7000 Kilometer langen Tour durch Russland, vom Eismeer bis zum Aralsee, alles mit dem Radl. Oder von seinem Besuch in Neuguinea. Da hat er den Stamm der Korowai besucht. Jene Eingeborenen, die in bis zu 30 Metern Höhe in Baumhäusern leben. „Zusammen mit ihren Schweinen“, berichtet Kirner. Dann denkt man: Gibt’s vielleicht doch, so ein Leben. Kirner wird nicht müde seine Erlebnisse per Dia-Shows unters Volk zu bringen. Er ist ein Mann der alten Schule, ein Geschichtenerzähler, wie es sie vor ewigen Zeiten schon gegeben hat. Seine Vorgehensweise: weggehen, heimkommen, erzählen, immer wieder erzählen. „Menschen, die nicht das Glück oder die Möglichkeit haben, so viel zu sehen wie, will ich durch meine Berichte teilhaben lassen.“ Die Welt als Abenteuerroman. Es ist eine zutiefst romantische Vorstellung, die Kirner immer wieder in die Ferne getragen hat. Als Bub hat er bei seiner Oma im Sonnwendjochgebiet auf der Alm gearbeitet. Immer wieder hat er sich gefragt: „Was wird wohl hinter den Bergen sein? Afrika, Amerika und dieses Land der Preußen, das muss doch irgendwo dort hinten sein.“ Irgendwann, Jahre später, ist er dann mit dem Fahrrad seines Vaters losgefahren, erst durch Italien, dann mit dem Schiff nach Tripolis, die Nordafrikanische Küste entlang bis nach Alexandria, wo sie ihm sein Radl klauten. Abenteurerpech.

So hat er angefangen – der Welthunger des Baldhamers. Später hat Kirner in der Luft- und Raumfahrtbranche gearbeitet, geheiratet, viel Urlaub genommen, auch unbezahlten, anfangs seine Ehefrau mit auf Expedition genommen, aber nicht lange. „Für Frauen ist das nicht das Ideale, das Essen, die Hygiene. Sie wissen schon.“

In seinen besten Zeiten war Kirner zwei Drittel eines jeden Jahres auf Reisen. „Ich möchte am Ende meiner Tage nicht auf ein Leben zurückblicken“, erklärt er, „das voller Versäumnisse ist.“ Dieser Satz war zu jeder Zeit sein Antrieb. Nur ein Leben auf Achse ist ein gutes Leben. „Ich wollte nie Generaldirektor von BMW werden“, sagt er. Lieber der sensationelle Abenteueronkel vom Eichhörnchenweg 22 in Baldham.

Kirner hat die Welt gesehen, und er hat sie besser gemacht, davon ist er überzeugt. Denn er hat den Menschen von den anderen Menschen erzählt. Eine Welt ohne Schorsch Kirner, den ewigen Vagabunden, sagt er, „das wäre ein Verlust für die Menschheit“. Dann lacht er, aber nur kurz. Dafür meint er es viel zu ernst.

Stefan Sessler

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