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„Die Abschiebung dieser Familie ist ein Skandal“: Mutter, Vater und drei Kinder werden mitten in der Nacht abgeholt

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Von: Nikola Obermeier, Christiane Breitenberger

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Die Familie Esiovwa: Vater Nicholas Esiovwa (49), Mutter Faith Ilhobe (40) sowie die Kinder Stefanie (11, links), Claudia (6) und Gabriel (10) wurden in der Nacht zum Dienstag abgeschoben.
Die Familie Esiovwa: Vater Nicholas Esiovwa (49), Mutter Faith Ilhobe (40) sowie die Kinder Stefanie (11, links), Claudia (6) und Gabriel (10) wurden in der Nacht zum Dienstag abgeschoben. © privat

Eine gut integrierte und auf Schutz angewiesene Familie mit drei Kindern aus Karlsfeld ist in der Nacht auf Dienstag nach Nigeria abgeschoben worden. Die Entrüstung über das Vorgehen der Ausländerbehörde ist groß.

Dachau – Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, da sorgte die Abschiebung des gut integrierten Asylbewerbers Moussa Nomoko im Landkreis Dachau für Entsetzen in der Bevölkerung und auf hoher politischer Ebene. Vor allem die Art und Weise der Abschiebung schockierte damals die Menschen.

Damals war ein junger Mann unter dem Vorwand falscher Tatsachen ins Landratsamt bestellt worden und wie ein Schwerverbrecher in Handschellen abgeführt und anschließend abgeschoben worden. Jetzt ist eine gut integrierte Familie mitten in der Nacht von der Polizei abgeholt und abgeschoben worden.

Abschiebung einer gut integrierten Familie: Nachts um 2 Uhr kam die Polizei

Am Dienstagfrüh fehlten die Kinder der Familie Ilhobe/Esiovwa in der Schule, die Eltern waren auf dem Handy nicht zu erreichen. Julie Richardson, Mitarbeiterin der heilpädagogischen Tagesstätte in Karlsfeld, in der Sohn Gabriel betreut wird, schlug Alarm. Am Abend fuhr sie zur Wohnung der Familie in der Flüchtlingsunterkunft in der Hochstraße in Karlsfeld. „Die Nachbarn haben mir erzählt, dass in der Nacht um 2 Uhr die Polizei kam und die Familie mitgenommen hat“, berichtet Julie Richardson. Am Dienstagnachmittag soll die Familie in Lagos in Nigeria gelandet sein. „Wer so etwas macht, eine so stark belastete Familie abzuschieben, hat ein Herz aus Stein“, sagt die Psychologin.

Die Familie, das sind: Vater Nicholas Esiovwa (49), Mutter Faith Ilhobe (40) sowie die Kinder Stefanie (11), Gabriel (10) und Claudia (6). Die Familie war 2015 aus Nigeria nach Deutschland gekommen.

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Gut integrierte Familie abgeschoben: Vater arbeitete, Kinder waren gut integriert

Familie Esiovwa stand kurz vor der Eingabe ihres Falles in die Bayerische Härtefallkommission, wie Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat mitteilt. Der Vater war seit 2017 geschätzter Mitarbeiter einer Münchner Firma, bis er nicht mehr arbeiten durfte. Seine Autoimmunerkrankung hat er dank guter Medikation im Griff. Die Kinder waren bestens in Schule und Freundeskreise integriert.

„Seit Herbst vergangenen Jahres lebte die Familie in der Angst, abgeschoben zu werden“, berichtet Julie Richardson. Die Psychologin begleitet Gabriel und seine Familie seit 2018. Sie erzählt, wie gut sich der heute Zehnjährige entwickelt hat. Er leidet an einer Genmutation, dadurch ist seine Entwicklung stark verzögert. „Inzwischen ist er ein starker und gutmütiger Junge, der auch in der Gruppe sehr beliebt ist.“ Richardson berichtet, dass die Eltern „immer kooperativ waren, sich an Termine gehalten und Gabriel auch zuhause optimal gefördert haben“.

Vater leidet an Autoimmunerkrankung, Kind an einer Genmutation

Nicht nur der Vater ist gesundheitlich belastet, auch die Mutter wurde krank. Sie waren beide depressiv, hatten Schlafstörungen, Angst vor einer Abschiebung mitten in der Nacht. „Und jetzt ist der Albtraum wahr geworden“, so Richardson. Wie Nicholas Esiovwa berichtete, sei seine Familie von 13 Polizeibeamten begleitet worden, „sie haben uns wie Kriminelle umringt und zum Flugzeug geschubst“.

Natürlich hoffte die Familie, hier bleiben zu können. Und die Aussichten, dass sie Aufenthaltsrecht bekommt, standen laut Flüchtlingsrat gut. Zum einen über die Eingabe des Falls in der Härtefallkommission, wovon das Dachauer Ausländeramt wusste. „Zum anderen erfüllte die Familie die Voraussetzungen für ein Chancen-Aufenthaltsrecht, das vergangene Woche im Kabinett beschlossen wurde“, so Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Dies ist laut Landrat Stefan Löwl nicht so, die Ausländerbehörde in Dachau hat die Duldung, die für das Chancen-Aufenthaltsrecht Bedingung ist, Ende November 2021 nicht mehr verlängert. Zu einem Zeitpunkt, zu dem die Rahmenbedingungen für das Chancen-Aufenthaltsrecht bereits öffentlich bekannt waren.

Härtefallkommission stimmte Abschiebung laut Landrat Löwl zu

Zudem habe die Geschäftsstelle der Härtefallkommission der Ausländerbehörde schriftlich mitgeteilt, dass „nichts gegen den weiteren Vollzug aufenthaltsbeendender Maßnahmen gemäß den bestehenden gesetzlichen Regelungen“ spricht, so Löwl in einer Stellungnahme.

Ausgerechnet am Gedenktag zu Flucht und Vertreibung schiebt Bayern diese Familie ab und zerreißt damit die Bindungen und Lebensentwürfe vor allem der Kinder, die den größten Teil ihres Lebens in Bayern verbracht haben

Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat

„Ausgerechnet am Gedenktag zu Flucht und Vertreibung schiebt Bayern diese Familie ab und zerreißt damit die Bindungen und Lebensentwürfe vor allem der Kinder, die den größten Teil ihres Lebens in Bayern verbracht haben. Die Gesundheit des Vaters ist ohne entsprechende Medikation sehr gefährdet, die Entwicklung des Jungen ebenso“, kritisiert Dünnwald. „Die Abschiebung dieser sehr gut integrierten Familie ist ein Skandal. Arbeitgeber, Schule und Betreuerin setzten sich für die Familie ein. Die völlig unnötige Abschiebung nur wenig vor Inkrafttreten des Chancen-Aufenthaltsrechts lässt den Schluss zu, dass in Bayern schnell noch viele derjenigen, die von dem Gesetz profitieren würden, abgeschoben werden sollen.“

Helferkreis Karlsfeld entsetzt über Vorgehen

Auch beim Helferkreis Karslfeld kennt man die Familie, ist entsetzt über das Vorgehen des Landratsamtes. „Wir bedauern es sehr, dass gut integrierte, freundliche Menschen einfach abgeschoben werden und dass man nicht honoriert, dass sie hier ihr Bestes geben“, sagt Max Eckhardt, Sprecher des Helferkreises. Nicholas Esiovwa war so gut integriert und selbstständig, „dass er unsere Hilfe als Helferkreis gar nicht mehr gebraucht hat“. Im Rahmen der Möglichkeiten, die ihm der Gesetzgeber lässt, hat er sich bestmöglichst integriert. Eckhardt spielt auf die unterschiedlichen Regelungen von ukrainischen und anderen Flüchtlingen an – vor allem auf die Möglichkeit zu arbeiten.

Nicholas Esiovwa arbeitete seit 2017 bei einem Münchner Gebäudereinigungsunternehmen, seine Firma beschreibt ihn in einem Unterstützungsschreiben als „sehr verantwortungsbewussten, zuverlässigen und äußerst einsatzbereiten Mitarbeiter, der sich sehr gute Fachkenntnisse angeeignet hat“. Im Dezember fiel mit dem Ablauf der Duldung seine Arbeitserlaubnis weg. Die Firma war entsetzt darüber. In ihrem Brief schreibt sie: „Dank seiner freundlichen und hilfsbereiten Art ist er bei Vorgesetzten, Kunden und Mitarbeitern gleichermaßen beliebt. Wir, als auch unsere Kunden, bedauern sehr, dass Herr Esiovwa aktuell nicht arbeiten darf. Mitarbeiter wie ihn findet man sehr selten.“

Vorgehen löst Frust bei Helferkreisen aus

Für Max Eckhard ist das Vorgehen der Behörden nicht nachvollziehbar. „Arbeitgeber suchen händeringend Personal und hier ist jemand, der gut integriert ist, gute Arbeit leistet und nicht straffällig ist und darf nicht arbeiten.“ Solches Vorgehen löse erhebliches Frustpotenzial bei den Helferkreisen aus. Auch das sei ein Grund, warum immer mehr Leute aufhören, sich zu engagieren.

„Sie wollen ihre Sparschweine plündern, um ihm und seiner Familie zu helfen. Sie würden ihr ganzes Erspartes für ihn geben.“

Psychologin Julie Richardson

Julie Richardson berichtete den Gruppenkameraden von Gabriel am Mittwochnachmittag im Sozialtraining, was Gabriel und seiner Familie passiert ist. Die Reaktion der Kinder: „Sie wollen ihre Sparschweine plündern, um ihm und seiner Familie zu helfen. Sie würden ihr ganzes Erspartes für ihn geben.“

„Das Vertrauen in Sie als Spitze der Landkreisbehörde ist schwer beschädigt“ ‒ Bundestagsabgeordneter Michael Schrodi kritisiert Landrat Stefan Löwl in öffentlichem Brief

Ende März fand im Landratsamt Dachau ein Gespräch zum Thema Praxisprobleme und Widersprüche im Asyl- und Aufenthaltsrecht statt. Wie unterschiedliche Teilnehmer des Gespräches schildern, habe Landrat Stefan Löwl im Blick auf das kommende Chancenaufenthaltrecht folgende Aussage gemacht: Seit November/Dezember 2021 habe er die Anweisung an das Ausländeramt gegeben, dass für sechs Monate keine Abschiebungen im Landkreis Dachau für Menschen, die in dieses Schema passen, durchgeführt werden. Gegebenenfalls könne diese Anweisung noch auf neun Monate verlängert werden.

Bundestagsabgeordneter Michael Schrodi war ebenfalls bei diesem Gespräch dabei. Als er nun von der nächtlichen Abschiebung von Familie hörte, wandte er sich entsetzt in einem offenen Brief an Landrat Stefan Löwl, in dem er ihm schwerste Vorwürfe macht.

„Sie haben eine gut integrierte und zugleich auf Hilfe und Schutz angewiesene Familie komplett aus ihrem Leben gerissen und alle Perspektiven genommen. Dieser Vorgang reiht sich ein in eine Anzahl juristisch wie menschlich nicht vertretbarer Abschiebungen“, schreibt Schrodi. Im Blick auf die Aussage von Landrat Löwl bei dem Gespräch im März ergänzt Schrodi: „Durch die neuerlichen Vorgänge trotz des gemeinsamen Gesprächs und der von Ihnen abgegebenen Zusicherungen ist das Vertrauen in Sie als Spitze der Landkreisbehörde schwer beschädigt.“

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