Witwe fühlt sich abgezockt

Stadt kassiert 80 Euro für "Friedhofs-Vorfahrt"

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Der Sarg muss am Friedhof vorgefahren werden. Hinterbliebenen kostet das viel Geld.

Fürstenfeldbruck/Eichenau - Wenn ein Mensch stirbt, haben die Angehörigen nicht nur mit der Trauer zu kämpfen, sondern auch mit Papierkram, Ämtergängen - und mit Kosten. Eine Gebühr hat eine Eichenauerin besonders geärgert:

Sie musste 80 Euro dafür zahlen, dass ihr verstorbener Mann auf einem Friedhof vorgefahren wurde.

Der Ehemann der 63-Jährigen verstarb im Klinikum Großhadern. Zur Einäscherung sollte er nach Leipzig gebracht werden. Doch die Stadt München verbietet - wie viele andere Kommunen in Bayern - den direkten Weg von Krankenhaus zur Bestattung, sofern die letzte Ruhestätte außerhalb der Grenzen der Stadt oder Gemeinde liegt, in der der Tote starb. Der Leichnam muss stattdessen bei einem örtlichen Friedhof vorgefahren und kurz aufgebahrt werden. Erst dann darf der Verblichene weitertransportiert werden. Dieser Zwischenstopp kostet 80 Euro. Das wurde der Eichenauerin per Gebührenbescheid mitgeteilt. 80 Euro dafür, dass ihr verstorbener Mann einmal pietätvoll über einen Münchner Friedhof gekarrt wurde? Die Witwe versteht die Welt nicht mehr: „Das ist reinste Abzocke.“

Tatsächlich ist die Gebühr für die „Prüfung der Voraussetzung zur Überführung“, wie es offiziell heißt, hochumstritten. Viele haben schon dagegen geklagt, in Würzburg, Fürth oder Rosenheim. Die FDP im Münchner Stadtrat versuchte 2011, die Gebühr auf politischem Wege zu kippen. Vergeblich. Auch alle Klagen blieben bislang erfolglos, wie ein Sprecher des Bestattungsunternehmens Segenius berichtet. Das bundesweit tätige Beerdigungsinstitut ist trotzdem entschlossen, mit anderen Bestattern weiter zu klagen. In zwei Wochen wird am Bundesverwaltungsgericht verhandelt. Sollte die Klage dort scheitern, ist der Weg vor den Europäischen Gerichtshof eingeplant. Der Segenius-Sprecher ist davon überzeugt: Die Existenz dieser Gebühr ist unbegreiflich.

Städte und Kommunen hätten Null-Aufwand und trotzdem Einnahmen, die gerade bei kleineren Bestattern nicht extra ausgewiesen werden. So erfahren Angehörige gar nicht, was in den Nebenkosten alles enthalten ist. Außerdem hätten gerade auswärtige Bestatter Nachteile durch die Vorfahrtspflicht. Sie mache es unmöglich, am Wochenende oder nach Feierabend einen Leichnam abzuholen. Das, was offiziell bei der Vorfahrt des Leichnams am Friedhof gemacht werden soll, passiere in 99 Prozent der Fällen überhaupt nicht.

Welchem Zweck aber dient die Friedhofs-Vorfahrt in der offiziellen Begründung? Am Friedhof wird kontrolliert, ob der richtige Leichnam im Sarg liegt, ob der Leichnam richtig eingesargt ist und ob das Fahrzeug des Bestatters für eine Überführung geeignet ist, erklärt eine Sprecherin der Stadt München. Es gebe beispielsweise die Vorschrift, dass der Fahrerraum vom Transportraum getrennt sein muss. Außerdem wird kontrolliert, ob das Material im Sarg richtig beschaffen ist. Denn es muss wasseraufnehmend sein. Die Sprecherin verteidigt die Vorfahrt-Regel als durchaus wichtig und verweist darauf, dass das Münchner Verwaltungsgericht der Stadt bei einer Klage dagegen Recht gegeben habe. Jeder Angehörige wolle schließlich, dass bei der Überführung nichts durcheinander gerät.

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