„Sie tötete ihn und trank dann Tee“

Als meine Mutter meinen Vater erschlug

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Das Mordhaus.

Söcking - Vor acht Jahren tötete Atidze K. ihren Mann mit einer Axt. Ihr Sohn Daniel war damals Anfang 20. Nun hat er die Geschichte seiner Familie im Fernsehen erzählt. Eine Tragödie aus dem Herzen Oberbayerns.

Er sitzt in einem sandfarbenen Sessel und reibt sich mit der linken Hand die Nase. Dann lacht er kurz, ein Lachen wie ein Husten, so wie es Leute tun, die nicht fassen können, was sie gerade sagen. Seine Mutter habe sich damals im Knast aufgehängt, noch bevor der Prozess gegen sie beginnen konnte. Er habe lachen müssen. Hahaha, die Mama, erhängt. „Ich danke ihr das bis heute.“

Daniel K. muss sich seine Geschichte schon oft selbst erzählt haben. Man merkt das daran, wie er spricht. So ruhig, jeder Satz ein Monument. Die anderen Gäste der SWR-Talkrunde „Nachtcafé“ hören ihm gebannt zu. Er erzählt von seiner Kindheit, von Schlägen mit einem Eisenlöffel, von Demütigungen, von seelischem Terror, der ihn bis heute nicht loslässt. Dann kommt er auf den Tag, an dem seine Mutter Atidze seinen Vater Gerhard mit einer Axt erschlug. Drei Hiebe auf den Kopf, im Anschluss trank sie einen Tee.

Es ist Oktober 2008, als die Polizisten zu jenem Reihenhaus im Starnberger Ortsteil Söcking fahren (wir berichteten damals). Atidze K. hat zuvor angerufen und gesagt, sie habe ihren Mann getötet. Bei der Vernehmung behauptet sie, er habe sie jahrelang terrorisiert. Acht Jahre später erzählt Sohn Daniel, wer Täter und wer Opfer war.

Der Vater war Stadtgärtner in Starnberg, ein devoter Typ, fleißig und unauffällig. Die Mutter eine Mazedonierin, ließ sich ihre Aggressionen nicht anmerken, bis Daniel K. fünf Jahre alt war. Damals erwischte ihn ein Nachbar, wie er aus Angst vor dem düsteren Plumpsklo in den Garten pieselte. Er packte den Kleinen am Ohr, klingelte. Die Mutter nahm’s gelassen. „Kaum war die Tür zu, war’s, als hätte sie ihre Maske abgenommen.“ Sie ging in die Küche, holte einen gusseisernen Schöpflöffel und prügelte ihren Sohn damit grün und blau.

Ein anderes Mal erlebte K., wie sein Vater mit gebrochener Nase im Kinderzimmer aufwachte. Er sei gestolpert, sagte Gerhard K. damals. „Aber als Kind spürst du, dass da was nicht stimmt.“

Die Sendung trägt den Titel „Pulverfass Familie“. ARD-Wetterfee Claudia Kleinert ist da, außerdem ein Psychologe und ein Schlagersänger. Aber keine Geschichte geht so unter die Haut wie die von Daniel K. Immer wieder dieses hustende Lachen. Haha, meine Geschichte, unfassbar.

Daniel K. 

Er und seine beiden jüngeren Geschwister, ein Mädchen und ein Bub, gingen irgendwann zum Jugendamt. „Wir haben gefleht, da rauszukommen“, sagt K. „Aber meine Mutter und die Leute aus dem Landratsamt haben sich gut verstanden. Die waren zusammen im Lauftreff.“ Es passierte nichts, niemand merkte etwas, die Familie nicht, die Nachbarn nicht. Hinter der Fassade tobte Atidze K. weiter. Als Daniel 20 war, begann er eine Ausbildung und zog von zu Hause aus. Kurz vor der Abschlussprüfung riefen ihn seine Tanten an. „Komm her, es ist was passiert.“

Seine Eltern hatten sich gestritten, wie so oft in 25 Ehejahren. Daniel K. beschreibt den Mord an seinem Vater so: „Mama ging runter und hat im ganzen Garten gesucht. Sie hat die Axt dann 50 Meter weit getragen. Jeder normale Mensch fragt sich doch irgendwann: ‚Was mache ich hier eigentlich? Ich habe eine Axt in der Hand.‘ Sie nicht. Sie ist in mein ehemaliges Kinderzimmer gegangen, in dem mein Vater geschlafen hat, wie ausrangiert. Er ist auf dem Sofa auf dem Bauch gelegen und hat geschlafen. Sie hat drei Mal zugeschlagen mit der scharfen Seite. Er hat zweieinhalb Stunden um sein Leben gekämpft und ist dann an seinem Blut erstickt. Meine Mutter hat derweil unten Tee getrunken und gelesen.“

Sein Blick geht nach unten, fast bis auf den sandfarbenen Sessel, auf dem er sitzt. Haha, gelesen. Als sich seine Mutter im Gefängnis das Leben nahm, war das wie eine Befreiung. Sonst hätte er vor Gericht aussagen müssen. Und damals hätte er seine Geschichte noch nicht so erzählen können, wie er sie heute erzählt. „Sie hat uns den doppelten Schmerz genommen.“

Der getötete Vater

Nach dem Mord lebte Daniel K. wie jemand, der um jeden Preis verdrängen will. Er nahm Drogen, versuchte zwei Mal, sich das Leben zu nehmen. Fühlte sich innerlich tot. „Ich habe nicht mal mehr die Nähe zu meinen Geschwistern ertragen.“ Die Monate vergingen, die Jahre. 2013 hatte er einen Nervenzusammenbruch. Heute sagt er, dass das seine Rettung war. Er kam zur Ruhe, suchte sich Hilfe bei einem Psychologen. Deshalb kann er im „Nachtcafé“ seine Geschichte erzählen.

Diese Tage sind besonders schwer für ihn, das Gefühlige an Weihnachten liegt ihm nicht so. Aber er lernt Schritt für Schritt, aus dem Leiden ein Leben zu machen. Die Festtage wird er mit seiner Freundin verbringen. „Ich fühle mich wie ein Kind, das lernt, wie es ist, Weihnachten zu feiern.“

von Marcus Mäckler und Uli Singer

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