1. tz
  2. München
  3. Region

Bayerische Ärztin stellt falsche Masken-Atteste aus – Jetzt muss sie ins Gefängnis

Erstellt:

Von: Thomas Eldersch

Kommentare

Wohnungsdurchsuchung in Bad Kohlgrub: Die Polizei rückt bei der Ärztin an.
Wohnungsdurchsuchung in Bad Kohlgrub: Die Polizei rückt bei der Ärztin an. Foto: © mayr

Gefängnis, Geldstrafe und Berufsverbot – dazu wurde eine Medizinerin aus Bad Kohlgrub verurteilt. Nach einer siebenstündigen Verhandlung, die alles andere als gewöhnlich war.

Garmisch-Partenkirchen/Bad Kohlgrub – Ein Drama in drei Akten hat für Dr. Gudrun Ströer ein ungutes Ende gefunden. Die Ärztin aus Bad Kohlgrub wurde vor dem Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen nach einer siebenstündigen Hauptverhandlung wegen des Ausstellens unrichtiger Gesundheitszeugnisse zu zwei Jahren Gefängnis sowie zu einer Geldstrafe von 4210 Euro verurteilt.

Darüber hinaus verordnete Andreas Pfisterer ein sofortiges, dreijähriges Berufsverbot gegen die 70-Jährige. In seiner Urteilsbegründung warf ihr der Richter vor, Ströer habe zu Beginn der Corona-Pandemie in 309 Fällen Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht erteilt, ohne auch nur einen Patienten untersucht zu haben.

Gefälschte Masken-Atteste: Angeklagte widersetzt sich Anweisungen des Gerichts

Erster Akt: Ordnungshaft
Der Auftakt verlief ungewöhnlich. „Wo ist denn die Angeklagte?“, wunderte sich Pfisterer, der zur Kenntnis nehmen musste, dass Ströer keinesfalls gewillt war, auf dem ihr zugewiesenen Stuhl Platz zu nehmen. „Ich will stehen bleiben, da kann ich besser denken.“ Sie sei auch keine Angeklagte, sondern „autorisierte Repräsentantin als Gläubigerin des Verfahrens“. Ebenso wenig eine juristische Person. „Ich bin extraterritorial, ich bin freiwillig hier.“ Darüber hinaus gehöre sie dem „indigenen Volk der Germaniten“ an. Dem Staatsanwalt wurde das zu bunt. „Wie lange wollen Sie ihre Reichsbürger-Show noch abziehen?“, raunzte Matthias Enzler in den Sitzungssaal. Den wiederholten Aufforderungen des Richters, Platz zu nehmen, kam Ströer nicht nach.

Pfisterer unterbrach die Sitzung mehrmals und verhängte Ordnungsgelder von 200 und 500 Euro. Anschließend drohte der Vorsitzende mit Ordnungshaft. Die Medizinerin dachte aber gar nicht daran, sich zu setzen. Sie bezeichnete den Vorsitzenden als „Wertpapiergutachter“ und sprach ihm die Legitimation für das Gerichtsverfahren und die Protokollhoheit ab. Zwei Polizisten betraten den Saal. „Sie bedrohen mich jetzt! Mit physischer Folter!“, unterstellte Ströer dem Richter. Dieser sprach die Ordnungshaft aus, woraufhin weitere Beamte – auch eine von Ströer geforderte Polizistin – dazukamen. Zu viert packten die Sicherheitskräfte die schreiende Angeklagte und drängten sie hinaus.

Tumulte spielten sich ab. Zuschauer – denen eine Nähe zur Querdenker- und Reichsbürger-Szene nachgesagt wird – wollten das Abführen verhindern. Vergeblich. Die inzwischen verständigten Zusatzkräfte versperrten den Weg durch die Innentüren und den Zutritt zum Gang – begleitet vom wütenden Getöse der Ströer-Unterstützer.

(Unser GAP-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus Ihrer Region. Melden Sie sich hier an.)

Ärztin stellte Bekannten Masken-Atteste aus, ohne sie vorher zu untersuchen

Akt zwei: Ströers Rückkehr
Erst nachdem sich die Stimmung beruhigt hatte und die Angeklagte Richtung Arrestzelle der Polizeiinspektion in Garmisch-Partenkirchen verbracht worden war, konnte der Staatsanwalt die Anklageschrift verlesen: Die Ärztin habe sich über die infektionsschutzrechtlichen Regelungen vom 20. April 2020 hinweggesetzt und im Bekanntenkreis Atteste gegen das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ausgestellt, warf ihr Enzler vor. Dabei habe sie keine Anamnese oder medizinische Befunde erhoben, keine Diagnosen erstellt.

Grundlage für die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft bildeten die gesicherten Daten von den Durchsuchungen des Anwesens in Bad Kohlgrub, in dem Ströer mit ihrem Ehemann wohnt. Im Juli 2020 und im Juni 2021 hatten zahlreiche Beamte mehrere Ordner beschlagnahmt sowie E-Mails und andere Daten sichergestellt. Die Durchsuchungen bezeichnete Ströer später als „Razzien“ und „bewaffnete Raubüberfälle“.

Die Beschuldige kehrte nach einer Weile zurück in den Gerichtssaal. Mit großem Beifall wurde ihr Comeback gefeiert. Setzen wollte sich Ströer nach wie vor nicht. Pfisterer gestattete ihr, dass sie in der Nähe ihres Verteidigers stand, wobei sie ständig im Saal herumwanderte. Die Ärztin räumte ein, dass sie mit vielen Patienten lediglich telefoniert habe oder per E-Mail Kontakt hatte. Das erklärte, warum etliche der 309 Atteste an Empfänger in Italien, Nordrhein-Westfalen oder Schleswig-Holstein gingen.

Sie habe kein Geld für das Ausstellen der Gesundheitszeugnisse gefordert, sondern um Spenden für ihre Aufklärungsgruppe „Leben in Freiheit“ gebeten. Andere Kollegen hätten damals keine Atteste verschrieben. „Sie haben also Nothilfe geleistet?“, fragte Pfisterer. „Das ist Fakt“, antwortete die 70-Jährige, die Masken generell für gesundheitsschädlich hält. Sie habe sich an die Maßgaben vom Genfer Gelöbnis und vom Nürnberger Ehrenkodex gehalten.

Staatsanwaltschaft im Prozess: „Ihre Atteste haben Menschleben gekostet“

Akt drei: Atteste auf Zuruf
Nach weiteren Zeugenaussagen von Polizisten und einer Attestempfängerin neigte sich die denkwürdige Verhandlung dem Ende entgegen. Der Staatsanwalt erkannte in Ströers Einlassungen ein „Festival der Selbstgerechtigkeit“. Die Angeklagte sei als Corona-Leugnerin mit den verhängten Maßnahmen nicht einverstanden gewesen. „Sie haben auf Zuruf Atteste verschickt“, polterte Enzler. Der Staatsanwalt ging etwas weiter: „Ihre Atteste haben Menschenleben gekostet.“ Dafür gab es laute Buh-Rufe aus dem Publikum. Enzler forderte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten.

Einen Freispruch sah Christian Langhorst, der Ströer als Verteidiger beigeordnet war, dagegen als angemessen an. Er sah die Beschuldigte im Spannungsfeld zwischen ärztlicher Heilkunde und der Belastung der Patienten. In einer Zeit der Kontaktbeschränkungen sei es doch richtig gewesen, sich telefonisch Informationen einzuholen.

„Das wird Wellen schlagen, was heute im Gericht passiert ist“, verkündete Ströer kurz vor dem Urteil – „ein Lehrstück, wie Unrecht passiert“. Pfisterer warf der Angeklagten vor, sich an ihrem eigenen Rechtsempfinden zu orientieren. „Ich gehe davon aus, dass keine einzige Untersuchung eines Attestempfängers stattgefunden hat.“ Neben einer Befunderhebung fehlten auf den Gesundheitszeugnissen Erkenntnisse der Medizinerin sowie klare Diagnosen, die Atteste genügten nicht den Anforderungen.

Eine Gefängnisstrafe für die nicht vorbestrafte 70-Jährige hielt der Richter für angebracht, auch weil es sich um eine Vielzahl von Fällen handelte und sie ihr rechtswidriges Verhalten nach der ersten Durchsuchung fortsetzte. Ströer gab bekannt, dass sie Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen wird. (akr)

Das passierte am Rande der Verhandlung

Rappelvoll war der Sitzungssaal im Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen beim Verfahren gegen Dr. Gudrun Ströer. Vor dem Haupteingang warteten zudem mehrere Dutzend Anhänger der Ärztin, die keinen Platz mehr bekamen. Das Sicherheitspersonal hatte alle Hände zu tun. Auf Telegram war um Unterstützung für Ströer geworben worden – mit Erfolg. Der Sitzungssaal war fest in der Hand der Anhänger der Angeklagten. Mehrmals gab es tosenden Applaus für die Medizinerin, noch öfter Zwischenrufe, die bei Richter Andreas Pfisterer für Unmut sorgten. Auch Verteidiger Christian Langhorst und Staatsanwalt Matthias Enzler wurden immer wieder unterbrochen.

Nachdem die Beschuldigte in Ordnungshaft genommen werden sollte und die Situation zu eskalieren gedroht hatte, erhöhte sich die Polizeipräsenz deutlich. „Kollegen von anderen Dienststellen und von der Bereitschaftspolizei wurden verständigt“, sagt Pressesprecher Andreas Breitrück. Rund ums Amtsgericht positionierten sich mehrere Autos der Beamten sowie drei Kleinbusse. Nach und nach beruhigte sich die Situation. Am Nachmittag, vor der Urteilsverkündung, „haben wir die Kräfte wieder zurückgefahren“, berichtete Breitrück. Auch nach dem Ende des Verfahrens blieb es ruhig.

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion