Angriffe auf Retter

Spuckattacken und Gewalt: Wer schützt unsere Helfer?

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Starnbergs Polizeichef Bernd Matuschek stellt eine zunehmende Enthemmung, oftmals gepaart mit mangelhafter Erziehung, fest, die seinen Kollegen insbesondere im Streifendienst die Arbeit immer schwerer macht.

Beleidigungen und sogar Angriffe auf Polizisten, Retter und Feuerwehrleute nehmen auch im Landkreis Starnberg zu. Nun will die Bundesregierung die Einsatzkräfte besser schützen. Was die Kollegen im Landkreis davon halten – der Starnberger Merkur hat nachgefragt.

Landkreis – Die Feuerwehrleute im Landkreis riskieren immer Leib und Leben, um anderen zu helfen. Was aber nicht zur Folge hat, dass ihnen immer und überall der ihnen zustehende Respekt entgegengebracht wird. Laut Kreisbrandrat Markus Reichart kommt es immer wieder vor, dass Feuerwehrleute im Einsatz attackiert werden.

„Ein nicht enden wollender Streitfall sind Sperrungen und Absicherungen“, berichtet er. Immer wieder werden die Kameraden, die direkt an der Straße stehen und den Verkehr aufhalten, beschimpft und angegriffen. „Vor einigen Jahren ist in Starnberg ein Taxifahrer, der nicht einsehen wollte, dass die Straße dicht ist, einem Feuerwehrmann über den Fuß gefahren“, so Reichart. In Herrsching wurden Feuerwehrleute im Einsatz in der Silvesternacht mit Böllern beworfen. „Das sind die Fälle, in denen wir die Polizei rufen und Strafanzeige erstatten“, erklärt der Kreisbrandrat. Die Polizisten seien da immer ein guter Partner. Doch wie sieht es bei ihnen aus?

Von Spuckattacken bis zu körperlicher Gewalt

Seit 32 Jahren ist Bernd Matuschek Polizist. „Ein toller Beruf“, sagt der Leiter der Polizeiinspektion Starnberg bis heute – trotz der Attacken und Beleidigungen, die auch seinen Dienststellenbereich erfasst haben, der neben Starnberg die Gemeinden Berg, Feldafing und Tutzing umfasst. „Irgendwann ist die Stimmung gekippt“, sagt Matuschek.

Voriges Jahr seien rund ein Dutzend Vorfälle angezeigt worden, im Jahr davor sogar 17. Von übelsten Beleidigungen und Bedrohungen über Beiß- und Spuckattacken bis hin zu körperlicher Gewalt – die Bandbreite ist groß. Neun Starnberger Beamte wurden im Jahr 2015 sogar im Dienst verletzt: „Das fängt bei der blutenden Kratzwunde an und hört bei der ausgerenkten Schulter auf“, berichtet Matuschek.

„Die Täter sind meistens jung und betrunken“, weiß der Polizeihauptkommissar. Er hat eine „allgemeine Enthemmung“ festgestellt, dazu komme mangelnde Erziehung. Bewundernswert findet er, wie seine zumeist 21 bis 24 Jahre alten Streifenbeamten damit umgehen. „Die Kollegen tragen das mit Fassung.“

In Gauting ist die Welt noch in Ordnung

Viel besser schaut die Situation in Gauting aus. Von Übergriffen gegen Polizeibeamte im Einsatz oder auch das Personal von Rettungsdiensten weiß der Leiter der Polizeiinspektion Gauting, Erster Polizeihauptkommissar Ernst Wiedemann, nur vom Hörensagen oder aus Medienberichten. „Bei uns ist so etwas noch nicht vorgekommen.“ Ob eine Gesetzesverschärfung etwas bringt? Wiedemann: „Wenn ich ein Gesetz habe oder die Gesetzeslage verschärfe, muss ich das ja auch konsequent durchsetzen können.“ Eine ähnliche Meinung vertritt sein Kollege Erich Schilling.

Der Chef der Polizeiinspektion Herrsching glaubt, dass die bestehenden Gesetze im Grunde ausreichend sind. Wenn es nicht die eine Lücke gäbe: Angriffe gegen Polizeibeamte werden bislang nur dann verfolgt, wenn es sich um Widerstand gegen Amtshandlungen handelt. „Wird der Beamte auf offener Straße angegangen, also eher beiläufig, dann ist das bisher nicht sanktioniert“, sagt Schilling. Sollte dieser Tatbestand mit aufgenommen werden, wäre das begrüßenswert, sagt Herrschings Polizeichef.

Jährlich verzeichnet die Polizeiinspektion Herrsching „einige Fälle“ von Übergriffen gegen Beamte, sagt Schilling. Meistens würden sich die Leute bei Zwangsmaßnahmen den Beamten widersetzen. „Das ist bei uns aber noch nicht dramatisch“, schränkt Schilling ein, „im Landkreis Starnberg geht es noch gesittet zu.“

„Wenn der Patient stirbt, sterbt ihr auch“

Auffällig sei, dass es zunehmend mehr Hilfeersuchen an die Polizei von Mitarbeitern der Rettungsdienste gebe. Das bestätigt auch Walter Kohlenz, der sowohl für das BRK als auch die DLRG Wasserrettung unterwegs ist. „Ich bin seit 1989 im Rettungsdienst. Und seitdem ist es in meiner Wahrnehmung deutlich schlimmer geworden.“ Er erinnert sich an einen Fall, bei dem Rettungskräfte zu einem Notfall in die Wohnung gerufen wurden. „Kaum waren sie drin, wurde die Tür abgeschlossen. Dann sagte man ihnen: Wenn er (der Patient) stirbt, dann sterbt ihr auch.“

Natürlich seien das extreme Einzelfälle. Aber dennoch: „Der Respekt gegen andere und Helfer hat spürbar abgenommen.“ Organisatorisch lasse sich da nichts machen. Größere Einsatzteams könne man nicht bilden. „Wir sind immer weniger Kräfte für immer mehr Einsätze.“ Seit Jahren würden für die Rettungskräfte jetzt schon Deeskalationstrainings angeboten. Das helfe manchmal. „Aber wenn ich sehe, dass Berlin und Hamburg ihre Rettungskräfte jetzt mit schuss- und stichsicheren Westen ausrüsten wollen, finde ich, dass wir auf dem komplett falschen Weg sind. Helfer sind kein SEK.“

Immer wieder ist Alkohol im Spiel

Andreas Ruch, Vizeinspektionsleiter in Germering, begrüßt die Überlegungen der Bundesregierung. Denn Beleidigungen und Handgreiflichkeiten ihm und seinen Kollegen gegenüber sind in im Dienststellenbereich, der auch Gilching umfasst, beinahe an der Tagesordnung. Aus dem Stegreif kann er zig Fälle aufzählen, bei denen Beamte Opfer von massiven Attacken geworden seien.

Im Dezember 2016 erst griff ein 21-Jähriger am S-Bahnhof in Argelsried einen Polizisten an. Später beschimpfte der alkoholisierte Mann die Beamten, drohte, ihnen mit einer Machete den Kopf abzuschlagen. In einem anderen Fall erlitten zwei Kolleginnen starke Kopfverletzungen, weil ein 28-Jähriger, den sie in seiner Wohnung für ein psychiatrisches Gutachten abholen sollten, aus dem Nichts aggressiv wurde und ihre Köpfe an die Wand schlug. Und auf einer Party in Germering sahen sich die Beamten plötzlich mit einem auf ihnen gerichteten Jagdbogen konfrontiert. Die Sache ging glimpflich aus. „Aber wir haben solche Konfrontationen regelmäßig.“ Meistens seien Alkohol und Drogen im Spiel. Für mitverantwortlich hält Ruch auch TV-Sendungen, in denen Rohheiten gegenüber Polizeibeamten fast Kavaliersdelikte seien.

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