Prozess-Auftakt gegen Michael N.

Der Anwalt, der zum Killer wurde

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Schwarzer Anzug, blasses Gesicht: Abgemagert mit Augenringen erschien Michael N. zum Prozess. Ihm wird der Mord an seiner Frau Sandra zur Last gelegt

München - Mit 13 Messerstichen soll er seine Frau Sandra getötet haben. 15 Monate später wird Anwalt Michael N. der Prozess gemacht. Am Mittwoch war der erste Prozesstag.

Dreizehn Messerstiche sollen es gewesen sein. Der erste von hinten zwischen die Rippen, als Sandra N. um 19 Uhr den Esstisch deckt.Dann zwei in den rechten Arm, als sie sich umdreht und weitere in die Brust. Als sie blutüberströmt zu Boden fällt, beugt sich ihr Ehemann über sie und sticht immer wieder zu – er lässt er das 20 Zentimeter lange Küchenmesser in ihren Körper stecken. Danach zieht Michael N. (47) sein weißes Hemd aus und ruft die Polizei: „Ich habe gerade meine Frau umgebracht.“

Am Mittwoch der Prozess-Auftakt um den Mord in Schäftlarn! Aus Eifersucht soll Anwalt Michael N. seine Frau Sandra am 25. Juni 2012 erstochen haben. Seit Monaten ist die Ehe zerrüttet, die Liebe erloschen. Nur für die vier Kinder hält das Paar die Fassade der Familie aufrecht. „Die Stimmung war vergiftet“, sagt Michael N. im Prozess aus. Als er im Handy seiner Frau die SMS eines Mannes liest, dreht er durch.

15 Monate nach der mutmaßlichen Tat sitzt Michael N. kreidebleich mit dicken Augenringen auf der Anklagebank. Während der Staatsanwalt die Anklage gegen ihn verliest, sackt er in sich zusammen und weint leise. Am ersten Prozesstag geht es um sein Leben. Es ist die Geschichte eines Anwalts, der zum Killer wurde!

„Ich hatte eine fantastische Kindheit“, gibt Michael N. an. Er ist Einzelkind, hatte ein inniges Verhältnis zu seinen Eltern. Das Jurastudium beendet er mit Bestnoten und promoviert. Beruflich startet er 1997 bei einem Kongressveranstalter durch – dort ist Sandra seine Assistentin, sie verlieben sich. Das Paar bekommt vier Kinder, zieht oft um – von Düsseldorf über Frankfurt nach München. Michael N. macht Karriere und arbeitet in Top-Kanzleien, zuletzt verdient er 185 000 Euro pro Jahr. Aber in der Ehe läuft es immer schlechter.

„Sandra war ein Mensch mit extremen Ausschlägen. Spontan, energiegeladen, herzlich – eine hervorragende Familienmanagerin. Aber sie konnte auch hysterisch, wütend und verletzend werden“, sagt Michael N. über seine tote Frau. Sie streiten viel, meist geht es ums Geld – denn trotz Top-Gehalts bleibt nicht viel zum Leben. „Aber sie wollte nie darüber reden.“ So ist es auch mit der Trennung, die N. bereits mit einer Anwältin vorbereitet hatte. „Wir stritten, wer was kriegt. Sandra wollte mich aus dem Haus ekeln – sie vermittelte mir, dass ich nicht mehr willkommen bin.“

Zuhause hält es Michael N. kaum noch aus, er vergäbt sich in Arbeit. Im Sommer 2011 eskaliert die Situation: Nach einem Streit versucht er, sich mit dem Auto umzubringen – aber er überlebt. Schon früher hatte er unkontrollierte Wutausbrüche. N. schlägt Türen ein, „aber niemals Sandra“, sagt er. Dennoch schreibt sie ihm eine SMS: „Ich habe Angst, dass du mir etwas antust.“ Michael N. antwortet: „Mach dir keine Sorgen, dafür gibt es keinen Grund.“

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Über eheliche Konflikte spricht Michael N. routiniert und sachlich. Dagegen weint er bitterlich, wenn es um die vier Kindern oder die Liebe zu Sandra geht. Zur Tat will er sich erst am nächsten Verhandlungstag äußern. Den Angehörigen des Opfers gesteht er aber unter Tränen: „Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas tun kann. Es ist mir ein Rätsel.“

So leiden die Angehörigen

Auge in Auge mit dem mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter – vor dieser Situation hatte sich Renate H. (alle Namen geändert) monatelang gefürchtet. „Es war ein extremer Moment für meine Mandantin, sie ist schwer belastet. Aber es ist ein wichtiger Teil, damit sie den Verlust verarbeiten kann“, sagt Nebenkläger-Anwalt Derek Setz. Auch der Bruder der ermordeten Sandra N. aus Schäftlarn, Paul D., erscheint am ersten Verhandlungstag. Sein Oberkörper bebt, als es um das Zusammenleben seiner Schwester mit dem Angeklagten geht. Seine zitternden Finger krallen sich um die Tischplatte. Mutter Renate sitzt still in ihrem Leid. Nicht sie, sondern die Mutter des mutmaßlichen Mörders Michael N. kümmert sich um die vier Kinder (13, 12, 11 und 6) des Paares. Die älteste Tochter hat den Kontakt zu ihrem Vater abgebrochen. Zu den anderen hält er Briefkontakt.

Andreas Thieme

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