Anwohner der KZ-Gedenkstätte erzählen

Im Schatten des Grauens

Dachau - Vor 80 Jahren haben die Nazis in Dachau eines ihrer ersten Konzentrationslager errichtet. Gegenüber der tz erzählen drei Anwohner vom Leben in der Nähe, im Schatten des Grauens.

Zum 80. Mal jährt sich in Dachau heute ein trauriges Ereignis. Am 22. März 1933 haben die Nazis hier eines ihrer ersten Konzentrationslager errichtet. Hinter den hohen Mauern mit Stacheldraht wartete auf die Häftlinge Sklavenarbeit, Terror und oft auch der Tod. Das Lager stand damals abseits der Stadt auf einer riesigen freien Fläche. Rundherum waren nur Wald und Wiesen. Inzwischen ist die Lücke zwischen KZ und Stadt zugewachsen. Seit den 50er-Jahren wurden in der Nähe des Lagers Häuser gebaut. Gegenüber der tz erzählen drei Anwohner vom Leben dort, im Schatten des Grauens (siehe unten).

Denn im heutigen Stadtteil Dachau-Ost kamen bis 1945 mehr als 41 500 Menschen ums Leben – durch die Gewalt der SS-Schergen, Hunger, Erschöpfung oder medizinische Experimente. Genaue Zahlen gibt es nicht. Denn in den Lagerberichten bleiben Einzelexekutionen oder die Erschießung tausender Kriegsgefangener zum Teil unerwähnt.

Für die SS war das KZ eine Schule der Gewalt. „Dachau war das einzige der frühen Konzentrationslager, das während der gesamten zwölf Jahre der NS-Herrschaft bestand“, sagt Gabriele Hammermann, die Leiterin der heutigen Gedenkstätte. Und der Historiker Wolfgang Benz ergänzt: „Ein großer Teil der KZ-Kommandanten hat irgendwann zuvor einmal in Dachau in irgendeiner Funktion Dienst getan, hat also dort das Handwerk des Quälens und Unterdrückens von Menschen erlernt.“

In den zwölf Jahren der NS-Diktatur waren in Dachau und seinen Außenlagern mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa eingesperrt. Als die 42. US-Infanteriedivision das Lager am 29. April 1945 befreite, fand sie dort noch 32 000 Häftlinge aus 31 Ländern. Seit 1965 erinnert eine Gedenkstätte mit verschiedenen Ausstellungen an das unfassbare Leid der Gefangenen. Jedes Jahr kommen 800 000 Besucher dorthin.

Bea

Siedlung: Zuerst Neugier

Zum ersten Mal habe ich 1939 vom KZ Dachau gehört. Damals ging ich im Sudetenland zur Schule und ein tschechischer Pfarrer wurde verhaftet und dorthin gebracht. Als ich 1952 meine Schwester in München besucht habe, sind wir mit dem Rad nach Dachau gefahren. Wir waren neugiering und wollten sehen, was dort passiert ist. Man hatte ja keine Vorstellung, was ein Konzentrationslager eigentlich ist. Seit 1954 lebe ich in Dachau. Heute spielt das KZ in der Nachbarschaft natürlich eine Rolle. Im Sommer sind viele Schulklassen da. Ich finde es gut, dass Jugendliche sich damit auseinandersetzen. Diese Taten dürfen sich nie wiederholen.

Olga B. (84), Rentnerin

Siedlung: Ein Besuch

Von der KZ-Gedenkstätte bekommt man in unserer Siedlung nicht so viel mit – außer man wohnt in der ersten Reihe. Ich selbst war einmal mit Besuch auf dem Gelände und habe mir alles angeschaut. Ich habe aber Touristen getroffen, die dachten, wir hätten schon im Krieg hier gewohnt. Dabei wurden die Häuser später gebaut.

Gert Feyrer (70), Rentner

Kloster: Fotos von Häftlingen

Ich lebe bereits seit 1966 im Kloster Heilig Blut der Karmelitinnen. Der Hof schließt an die KZ-Mauern an. Beim Beten öffnen wir die Gitter unter dem alten Wachturm. Ich bin in den Orden eingetreten, weil ich den Gedanken schön fand, an einem Ort ein Kloster zu bauen, an dem schreckliche Dinge passiert sind. Die anderen Schwestern und ich leben sehr zurückgezogen. Seit rund 25 Jahren fotografiere ich aber Häftlinge, die überlebt haben und höre mir ihre Lebensgeschichte an. Das finde ich spannend. Ich war überrascht, mit wie viel Herzlichkeit mir die meisten entgegengetreten sind. In Dachau hat sich den letzten Jahrzehnten viel verändert. Nach dem Krieg wollte man das KZ am liebsten verschwinden lassen, weil die ganze Welt die Stadt nur damit verbunden hat. Heute gehört auch dieses Kapitel zur Stadtgeschichte.

Schwester Elija Boßler (70), Nonne

Rubriklistenbild: © Jantz

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