Rentner: Wir arbeiten, so lang wir können

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Helga Radtke-Gralla und Rainer Gralla lassen sich nicht unterkriegen.

München - Immer mehr Rentner suchen Arbeit, um finanziell über die Runden zu kommen. Im vergangen Jahr hatten in Deutschland 660 000 Menschen im Alter zwischen 65 und 74 Jahren einen Mini- oder Nebenjob – in München allein 13 500!

Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es noch 244 000 Senioren deutschlandweit – ein Anstieg um 60 Prozent! Das geht aus Zahlen des Bundesarbeitsministeriums hervor. Nachdenklich macht auch die Zahl der Senioren über 65, die die staatliche Grundsicherung beantragen. Sie stieg von 258 000 im Jahr 2003 auf 400 000 im Jahr 2009. Aber ältere Menschen arbeiten nicht nur, weil sie das Geld zum Überleben brauchen. Viele schätzen die sozialen Kontakte und genießen ein Stück mehr Unabhängigkeit, das ihnen ein Job verschafft. In der tz schildern ein Ehepaar und eine Rentnerin im Un-Ruhestand ihre Situation und wie sie ihren Alltag meistern.

Mit 74 Jahren jeden Tag im eigenen Laden

Als Michaela Maus Ende vergangenen Jahres den Mietvertrag für den Laden unterschrieben hatte, dachte sie noch: „Hast Du alle Tassen im Schrank?“ Sie hatte die Filmhochschule absolviert, zeitlebens als Cutterin beim Bayerischen Fernsehen Filme geschnitten, bis sie im Alter von 65 Jahren nicht mehr beschäftigt wurde – aber jetzt noch einen Feinkost-Laden eröffnen? Eine Existenzgründerin im Alter von fast 74 Jahren?

Sie packte es an: Heute verkauft sie Likör aus Sizilien, Karamell mit gesalzener Butter aus Frankreich, Nussöle, Fruchtessige und seltene Kaffee-Sorten aus aller Herren Länder. Anfangs hatte sie allerdings ihre Preise noch einmal erhöhen müssen, weil sie schlichtweg die Mehrwertsteuer vergessen hatte. Michaela Maus sagt: „Ich lerne das so langsam.“

Den ganzen Tag berät sie ihre Kunden in ihrem Laden Feine Esserei in der Win­thirstraße – 10 bis 19 Uhr. „Ich würde nicht verhungern“, sagt die Inhaberin. Aber sie müsste sich sehr einschränken: Zwar hat sie beim BR gut verdient und genug fürs Alter beiseite gelegt, aber die Mieterhöhung kommt pünktlich alle drei Jahre und für jede Anschaffung müsste sie ans Sparbuch. „Wenn ich nicht arbeiten würde, hätte ich Angst.“ Man weiß schließlich nie, sagt die 74-Jährige, was noch kommt.

Überhaupt, die Zukunft: Schon beim BR betreute Michaela Maus vor allem Filme über Umweltschutz, machte vor Jahrzehnten Dokumentationen über Solar-Energie. Heute stammen ihre Köstlichkeiten aus biologischer Produktion, wenn möglich. In der Freizeit engagiert sie sich für eine Öko-Genossenschaft, kümmert sich um Null-Energie-Häuser und ökologische Fußabdrücke – und zieht bald auch noch um. Aus Sorge um die Umwelt ernährt sie sich vegetarisch. Für die Zukunft ist es nie zu spät.

Einen schiefen Blick ob ihres Alters hat sie bei Lieferanten oder Geschäftspartnern nie bekommen. „Die sind mir alle freundlich begegnet. Ich habe denen einfach mein Alter nicht verraten“, sagt Michaela Maus, der man ihre Lebensjahre aber auch bei weitem nicht ansieht. Schulden hat sie für den Laden nicht machen müssen. „Das teuerste war noch die Lampe.“ Dennoch: Bei dem Wetter könnte sie doch auch einfach ins Schwimmbad gehen? „Nein“, sagt die 74-Jährige. Das geht gerade nicht. Sie trägt nämlich eine Bandage am Knie – vom Fitness-Training.

„Aufgeben kommt nicht in Frage!“

Manchmal ändert sich von einem Tag auf den anderen die ganze Lebensplanung. Rainer Gralla (62) aus Dorfen (Kreis Erding) hat das vor elf Jahren erlebt. Nach einem Herz-Hinterwand-Infarkt war sein Arbeit als Metzgermeister mit einer 40-, 50- Stunden-Woche einfach nicht mehr zu schaffen. Ein harter Schlag. Schließlich stammt Gralla aus einer Metzgersdynastie.

Helga Radtke-Gralla und Rainer Gralla lassen sich nicht unterkriegen.

Aber Aufgeben kam für ihn nicht in Frage: Nach der Reha baute er sich eine eigene kleine Firma auf, einen Frühstücks-Service. „Das lief auch prima“, erinnert sich seine Frau Helga Radtke-Gralla (65). „Wir hatten schnell einen festen Kundenstamm. Aber irgendwann war auch das alles zu viel.“ Was blieb, war die Berufsunfähigkeitsrente ihres Mannes – und ein Riesenloch in der Haushaltskasse. „Die Differenz zwischen Gehalt und Rente macht 1000 Euro aus. Gut, dass wir bis dahin beide gut verdient hatten – ich hab ja im Büro gearbeitet – und immer sparsam waren“, so Helga Radtke-Gralla, „ sonst wären ein Auto oder neue Möbel nicht mehr drin gewesen.“

Zufrieden gaben sich beide mit der Situation aber nicht. Und so kam die Anzeige, in der für den Erdinger anzeiger und die tz ein Zeitungsausträger gesucht wurde, gerade recht:. „Ich hab zu meinem Mann gesagt, komm, lass es uns probieren – und jetzt sind wir beide glücklich. Wir haben jetzt nicht nur das Geld, um auch mal Urlaub machen zu können – früher fuhren wir jedes Jahr nach Westerland – wir sind jetzt auch fit“, erzählt die 65-Jährige lachend. „Besonders meinem Mann tut die frische Luft gut.“

Dem Paar gefällt an ihrem Job vor allem, dass „man sein eigener Herr ist. Ob wir mal früher oder später nach Hause spielt bei uns ja keine Rolle, wir haben ja Zeit.“ Und noch etwas schätzen beide an ihrem Job: Dass man viel Kontakt bekommt. Auch wenn er manchmal etwas einseitig ist, wie Helga Radtke-Grella einräumt: „Uns kennen alle, spätens wenn sie unseren alten Opel sehen, wissen sie, dass jetzt die Zeitung kommt. Aber wir kennen natürlich nicht alle Abonnenten.“ Ihre Kundendatei pflegt die 65-Jährige übrigens am eigenen PC. „Das Excel-Programm hab ich mir an der Volkshochschule beibringen lassen.“ Sonst noch Pläne: „Englisch würd’ ich jetzt gern noch lernen …“ Und arbeiten? „So lange, wie es geht!“

David Costanzo/WdP

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