Auf dem Abnahmeflug der siebten Lufthansa-A 350

Diese Flugmanöver erleben Passagiere normalerweise nicht

+
Besuch im Cockpit: Redakteurin Vroni Macht wirft einen Blick in die Schaltzentrale der A 350. Die Piloten Thomas Wilhelm, Matthias Queck und Andreas Eder (v. l.) sind hoch konzentriert. Verdeckt ist Lufthansa-Kapitän Andreas Jasper, der die Maschine fliegt.

Bevor morgen der siebte Lufthansa-A 350 nach München kommt, wurde der Airbus in Toulouse auf Herz und Nieren getestet. Redakteurin Vroni Macht (32) war beim sogenannten Acceptance Flight dabei – und machte einige Flugmanöver mit, die Passagiere normal nicht erleben.

Flughafen/Toulouse– Es ist ein bisschen wie die Probefahrt beim Autokauf. Bevor man den Neuwagen bezahlt, testet man ihn. Das tun auch die Piloten, bevor eine Airline ein neues Flugzeug in Betrieb nimmt. Nur gehen sie dabei fast an die Grenzen der Belastbarkeit der Maschine.

Normalerweise sind bei diesen Testflügen keine externen Gäste dabei. Für den sogenannten Acceptance Flight des siebten Airbus A 350, den die Lufthansa am morgigen Freitag nach München holt, hat die Airline eine Ausnahme gemacht: Zum ersten Mal dürfen Journalisten den Abnahmepiloten dabei zuschauen, wie sie das Flugzeug auf Herz und Nieren testen.

Es ist der dritte Flug der Maschine mit dem Namen Mannheim. Doch bevor sie vom Airbus-Gelände im französischen Toulouse abhebt, erklären die Testpiloten, was genau in den nächsten gut zwei Stunden passieren wird. Denn so ein Testflug folgt einer strengen Abfolge. Pre-flight briefing heißt das, was Flugtestingenieur Matthias Queck (55) und sein Kollege Thomas Wilhelm (53), beide Airbus-Piloten, da erklären.

Mit dabei sind auch die Lufthansa-Kapitäne Andreas Eder (35) und Andreas Jasper. Der 56-Jährige lebt am Starnberger See, ist seit 33 Jahren bei der Lufthansa, stellvertretender Flottenchef der Langstreckenflotte in München – und wird die Mannheim beim Abnahmeflug steuern. Den schicken Anzug haben sie heute im Schrank hängen lassen, geflogen wird leger in Jeans und Pulli.

Die Piloten werden den Airbus zwar nicht an seine Belastungsgrenze bringen, ihn aber „an die zugelassene Flugbetriebsgrenze heranführen“, erklärt Wilhelm. Dorthin, wo ein normaler Pilot niemals fliegen dürfte.

„Sie werden Spaß haben“, versucht Queck die Testflug-Neulinge zu beruhigen, als er unsere Nervosität bemerkt. Immerhin weiß keiner von uns, was auf uns zukommt. Mit etwas mulmigem Gefühl geht es in die Maschine, wo neben uns Journalisten auch Mitarbeiter von Airbus in der Business Class Platz nehmen. Rund 20 Personen sind an Bord, dazu jede Menge Sprit, um das Gewicht einer voll beladenen A350 zu simulieren. 

Eine Ahnung von Schwerelosigkeit

Um 10.47 Uhr hebt die Mannheim ab – TOGA nennt sich das erste Manöver. „Das heißt maximale Startleistung. Oder anders gesagt: Wir legen den Hebel auf den Tisch“, hat Queck mit trockenem Humor im Briefing erklärt. Übersetzt bedeutet das: Das Flugzeug beschleunigt rund 20 Prozent schneller als normal, um die Vibration des Motors bei maximalem Schub zu überprüfen. Im regulären Flugbetrieb geht es nur bei schlechtem Wetter oder voll beladen derart rasant in die Luft.

Ich persönlich kann beim Schnellstart keinen großen Unterschied ausmachen. Wir fliegen durch die zähe Wolkendecke, dann im Sonnenschein in Richtung Pyrenäen. Nur wenige Minuten nach dem Abheben erwarten uns die ersten Flugmanöver, die man als Durchschnittspassagier so nicht erlebt.

Nach einem extremen Steigflug geht die A 350 in einen nicht weniger extremen Sinkflug über. Für Sekundenbruchteile fühle ich mich ganz leicht, fast so, als würde ich wirklich vom Sitz abheben. Der Airbus-Mitarbeiter neben mir wirft eine Rolle mit Klebeband in die Luft, und die trudelt ganz träge wieder nach unten. Freilich ist das mit einem Parabelflug nicht zu vergleichen. Und doch sind die Kräfte, die auf den Körper wirken, enorm. Eine Ahnung von Schwerelosigkeit ist spürbar, bevor ich wieder in den Sitz gepresst werde.

Mein Magen hat allerdings noch nicht so ganz mitbekommen, dass es wieder runter geht. Die Situation erinnert mich an diesen einen Moment, wenn der Waggon den höchsten Punkt der Achterbahn erreicht hat, kurz bevor er in die Tiefe rauscht: Was bei den einen Freudenschreie auslöst, sorgt bei den anderen einfach nur für Übelkeit. Ich gehöre definitiv zur zweiten Gruppe.

67-Grad-Kurve: Die extreme Neigung ist am Horizont zu erkennen.

Doch zum Nachdenken bleibt keine Zeit. Nahtlos schließt sich das zweite spektakuläre Manöver an. Der Airbus fliegt zwei extreme Kurven – erst links, dann rechts. Im normalen Flugbetrieb kippt die Maschine um maximal 25 Grad. Theoretisch wären 90 Grad möglich – „wenn man den Computer ausschaltet. Aber das ist dann nicht sehr spaßig“, bemerkt Airbus-Pilot Wilhelm. Beim Testflug sind es 67 Grad, die eine gigantische Sicht erlauben. Der Blick fast senkrecht auf die Erde ist Ehrfurcht einflößend und wunderschön zugleich. Gut 20 Sekunden dauert es, bis das Flugzeug wieder seine gerade Position eingenommen hat und in den normalen Flugmodus zurückkehrt. Da steht Queck auch schon in der Kabine und fragt in die Runde: „Alles gut? Das war’s auch schon.“

Auf dieses Zeichen hin ist Aufstehen erlaubt. Ich brauche noch ein paar Minuten, bis sich mein flaues Gefühl im Magen gelegt hat, und genieße derweil die Ruhe. Davon gibt’s in der A 350 dank der leisen Rolls-Royce-Triebwerke genug.

„Wie ein kleiner Sportwagen“

Die Airbus-Mitarbeiter hingegen schwärmen sofort aus und überprüfen jede noch so kleine Kleinigkeit. Funktionieren die WC-Spülungen? Lassen sich die Sitze in der Business Class reibungslos bedienen? Schließen alle Türen in der Bordküche richtig? „Das mag banal klingen, aber so eine Tür wird pro Flug bis zu 100 Mal genutzt. Das muss ohne Klemmen funktionieren“, erklärt Jasper. Ist ein Fehler gefunden, wird er mit grünem Klebeband markiert, um später ausgebessert zu werden. Unebenheiten an der Bordwand in der Business Class zum Beispiel, direkt neben dem Lufthansa-Symbol.

Das Testpiloten-Team (v. l.): Matthias Queck (Airbus), Andreas Jasper (Lufthansa), Thomas Wilhelm (Airbus) und Andreas Eder (Lufthansa).

Den ganzen Flug über steht die Cockpit-Tür offen – unter normalen Umständen absolut undenkbar. Doch wir dürfen den Piloten hautnah und im wahrsten Sinne des Wortes über die Schulter schauen. Links Jasper, rechts Wilhelm, in der Mitte Queck, der übrigens bis zum heutigen Donnerstag, bis zur Vertragsunterzeichnung mit Lufthansa, der offizielle Eigentümer der Mannheim ist. „Als Flugtestingenieur habe ich dafür unterschrieben. Ich bin quasi der Erstkunde“, erklärt Queck – alles freilich nur auf dem Papier. Während des Flugs ist er so was wie der Chef d’Orchestre, der Dirigent, der den Takt angibt und zugleich Daten sowie Parameter erfasst.

Es geht rauf zur maximalen Flughöhe, 13.000 Meter, bevor der Sinkflug beginnt. Später wird noch überprüft, ob sich die Fächer für die Sauerstoffmasken öffnen, wenn es zu einem Druckabfall in der Kabine kommt. Dieser ist freilich nur simuliert, ebenso wie ein Hydraulikausfall. Zum Schluss wird die Maschine auf die Minimalgeschwindigkeit gedrosselt, 190 km/h. Da kommt der Motor ganz schön ins Stottern. Routiniert arbeiten die Piloten ihre Checkliste ab.

Die siebte A 350 der Lufthansa trägt den Namen Mannheim.

„Der Kunde soll einfach verifizieren, dass alle Geräte richtig funktionieren“, erklärt Testpilot Wilhelm. Das haben sie offensichtlich, denn als die Mannheim wieder in Toulouse landet, sind die Lufthansa-Piloten zufrieden. „Es war wunderbar. Alles so, wie es sein soll“, lautet Jaspers Fazit und schwärmt: „Die A 350 ist für einen Piloten ein ganz tolles Flugzeug.“ Es sei sehr agil und reagiere direkt auf Inputs. Und Kollege Eder erklärt, der Airbus fliege sich „wie ein kleiner Sportwagen“.

Insgesamt hat Lufthansa 25 Flugzeuge vom Typ A 350-900 bestellt. Listenpreis je Maschine: rund 310 Millionen US-Dollar. Die ersten 15 gehen nach München, über den Einsatz der restlichen zehn wird noch entschieden. Mit der Mannheim ist die siebte A 350 am Moos-Airport stationiert. Sie kommt morgen nach München, wo noch die Premium Economy Class eingebaut wird. Anfang Februar geht sie in den regulären Flugbetrieb. Mit der A 350 fliegt Lufthansa unter anderem nach Delhi, Boston, Hongkong, Tokio und bald auch Singapur.

Auch interessant

Meistgelesen

Porsche-Fahrer fährt weiter, ohne zu helfen - und hat dafür kuriose Erklärung
Porsche-Fahrer fährt weiter, ohne zu helfen - und hat dafür kuriose Erklärung
Hartz IV-Paar aus München feiert große Hochzeit - und prellt die Zeche
Hartz IV-Paar aus München feiert große Hochzeit - und prellt die Zeche
Bräutigam soll Gast bei Hochzeitsfeier brutal niedergetreten haben
Bräutigam soll Gast bei Hochzeitsfeier brutal niedergetreten haben
DHL-Mitarbeiter stehlen reihenweise Handys
DHL-Mitarbeiter stehlen reihenweise Handys

Kommentare