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„Wir melden uns dann“: Frau hängt stundenlang in Aufzug fest - ihr Ehemann fackelt nicht lange

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Von: Jonas Napiletzki

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Der Aufzug am Holzkirchner Bahnhof wurde gewaltsam durch die Feuerwehr geöffnet.
Der Aufzug am Holzkirchner Bahnhof wurde gewaltsam durch die Feuerwehr geöffnet. © Archiv/AL

Antje Wittmoser ist mit einem Aufzug am Holzkirchner Bahnhof gefahren. Der Begriff des Fahrens ist jedoch dehnbar: Sie kam nur etwa fünf Zentimeter weit. Dann streikte die Technik.

Holzkirchen – Aus einem Bahnsteigwechsel wurden für die Frau mit zwei Knieprothesen qualvolle zwei Stunden. Der anschließende Besuch im Krankenhaus ist da noch nicht mitgerechnet. Tags darauf meldet sich die Fischbachauerin bei der Heimatzeitung. Aufgeregt ruft sie in den Hörer: „Ich kann Ihnen mal erzählen, wie mein Tag gestern abgelaufen ist.“ Dann legt sie los.

„Ich bin mit der S-Bahn von Deisenhofen nach Holzkirchen gefahren.“ Gegen 16.45 Uhr kam sie am Bahnsteig 2/3 an. Die 50-Jährige pendelt von Fischbachau nach Deisenhofen. Sie arbeitet dort als Betreuungsassistentin in einem Seniorenheim. Soweit alles normal.

Aufzug bleibt nach fünf Zentimetern stecken

Wegen ihrer zwei Knieprothesen drückte Wittmoser dann den Aufzugknopf, um aufs Nachbargleis zur BRB zu kommen. Wittmoser stieg ein. Die Türen schlossen. Der Aufzug setzte sich in Bewegung. „Doch nach fünf Zentimetern war Schluss.“ Der Aufzug steckte fest. Und die Türen blieben verschlossen. Da war es 16.57 Uhr.

Nach einem Anruf bei der Hotline, deren Telefonnummer im Aufzug steht, habe ihr die Zentrale der Deutschen Bahn Hilfe zugesichert. Auf Bitten der Telefonstimme drückte Wittmoser auch den Notruf-Knopf im Aufzug.

Und dann passierte: erst mal nichts. Immerhin: „Wir melden uns dann“, habe die Stimme aus dem Off gesagt, nachdem sie sich nach Wittmosers Wohlbefinden erkundigt hatte. In den nächsten Minuten seien Reisende und Zugführer unbeirrt am Aufzug vorbeigelaufen oder -gefahren. „Keiner hat hergeschaut.“ Obwohl sie sich auf Bahnsteig-Niveau befand.

Erste Hilfe des Dienstleisters scheitert

Etwas später meldete sich wieder die Stimme. „Sind Sie noch drin?“, habe eine Frau per Lautsprecher gefragt. „Guter Witz“, antwortete Wittmoser. „Die Firma ist vor Ort“, war die gute Nachricht, die dann aus dem Lautsprecher schallte – 17.20 Uhr.

Die Firma bestand in diesem Fall aus einem Mann „mit einem kleinen Koffer“, der bewaffnet mit Vierkantschlüsseln versucht habe, die Tür zu öffnen. „Ich hole Sie hier raus.“ Doch die Mission misslang. Für den Mann mit kleinem Koffer war nichts zu machen.

Ehemann Josef Wittmoser fackelte nach einem Telefonat mit seiner Frau nicht lange: Er alarmierte die Polizei. Die Polizei kam – und alarmierte die Feuerwehr. Wittmoser erklärt, sie sei angewiesen worden, sich umzudrehen, um keine Glassplitter abzubekommen. „Zu dem Zeitpunkt konnte ich wegen der Prothesen kaum mehr stehen und musste sehr dringend auf Toilette.“

19 Uhr sei es gewesen, als die Feuerwehr die Türe gewaltsam aufgestemmt hatte. Der Rettungsdienst wartete draußen, als Wittmoser von der Toilette zurückkehrte. Die Sanitäter stellten hohen Blutdruck fest, konnten den aber nicht senken. Wittmoser wurde ins Krankenhaus Agatharied gefahren. „Um halb 12 durfte ich gehen.“ Ihr Mann holte sie ab. Sie war an diesem Tag um 5.30 Uhr aufgestanden. Eine Taxifahrt zu bezahlen, hatte die Stimme im Aufzug abgelehnt. „Die Züge fahren doch.“

Bahn-Sprecherin entschuldigt sich

Auf Nachfrage unserer Zeitung äußert sich eine Bahn-Sprecherin. „Der Dienstleister muss laut Protokoll nach 30 Minuten vor Ort sein.“ Das habe geklappt: „Um 16.55 Uhr wurde der Notruf ausgelöst, um 17.21 Uhr war er vor Ort.“

Dass die Befreiung lange gedauert habe, bedauert die Sprecherin: „Das tut uns leid.“ Die Bahn habe „nicht leichtfertig nichts getan“ und sich über die Sprechanlage immer wieder zur Beruhigung gemeldet und nach dem Wohlbefinden gefragt. Um 17.00, 17.21, 17.55, 18.08 und 18.29 Uhr sei das gewesen. „Das zeigt an, dass wir uns kümmern.“

„Um 18.40 Uhr konnte die Frau befreit werden.“ Oft käme so etwas nicht vor. „Es tut uns leid, dass das so lange gedauert hat“, betont die Sprecherin noch einmal. (nap)

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