In eisiger Kälte

Mutter und Kind stecken anderthalb Stunden in Aufzug fest - „Höchste Zeit, dass die Bahn reagiert“

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In Weilheim musste die Feuerwehr zuletzt mehrmals Menschen aus Aufzügen retten. (Archivbild)

Die Aufzüge am Bahnhof Weilheim gelten inzwischen als Risiko-Gebiet. Mehrmals musste die Feuerwehr zuletzt Menschen aus ihnen retten - nun eine Mutter und ihren kleinen Sohn.

  • An etlichen Bahnhöfen in Bayern sind die Aufzüge defekt.
  • In Weilheim steckte jetzt eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn anderthalb Stunden fest.
  • Nicht nur die Barrieren sind problematisch, sondern auch das mangelnde Bewusstsein dafür.

Weilheim/München– Im Nachhinein ist Barbara Seiler froh, dass sie ihren kleinen Sohn Max vergangenen Freitag so warm angezogen hat. Die 36-jährige Münchnerin ist mit ihm nach Weilheim gefahren, um dort ihre Eltern zu besuchen. Doch dann blieben die beiden in dem Aufzug am Weilheimer Bahnhof stecken. Der Lift fuhr weder nach unten, noch ließ sich die Tür wieder öffnen. Seiler blieb nichts anderes übrig, als den Notfallknopf zu drücken. 

Aufzug defekt -  Rollstuhlfahrerin muss wochenlang Treppen hochrobben

Doch trotzdem mussten sie und ihr Sohn noch anderthalb Stunden bei eisiger Kälte ausharren. Denn die Mitarbeiter der Aufzugsfirma konnten nichts machen und mussten die Feuerwehr verständigen. Und für die war es am Weilheimer Bahnhof bereits der dritte Einsatz dieser Art innerhalb weniger Wochen.

Und nicht nur in Weilheim gibt es vermehrt Probleme mit den Bahnhofsaufzügen. In Hebertshausen (Kreis Dachau) musste sich eine Rollstuhlfahrerin wochenlang auf Händen die Treppen nach oben stemmen, weil der Aufzug immer wieder kaputt war. Erst nachdem die Bürger demonstrierten, hat die Bahn ihn repariert. Und in Kiefersfelden (Landkreis Rosenheim) kommen Menschen mit Gehbehinderung, Senioren mit Rollatoren oder Eltern mit Kinderwagen wohl noch monatelang nicht auf den Bahnsteig. Die Bahn kündigte an, den defekten Aufzug dort erst in der ersten Jahreshälfte 2020 reparieren zu können.

Defekte Aufzüge an Bahnhöfen: Statistik für Bayern erschreckt

All das sind keine Einzelfälle. Wie eine Recherche des Bayerischen Rundfunks ergeben hat, sind innerhalb eines Jahres mehr als40 Prozent der rund 250 Bahnaufzüge in Bayern mindestens eine Woche ausgefallen – viele sogar deutlich länger. Diese Zahl erschreckt auch Verena Bentele, die Präsidentin des Sozialverbands VdK. „Ich weiß, dass es große Probleme mit den Bahnhofsaufzügen in Bayern gibt, weil sich sehr viele VdK-Mitglieder deswegen an mich gewendet haben“, sagt sie. 

„Es ist höchste Zeit, dass die Bahn reagiert und mehr Techniker und Personal einsetzt“, fordert Bentele. Zumal es heutzutage sehr gute technische Möglichkeiten gebe, um schnell festzustellen, wenn ein Lift defekt ist. Die Deutsche Bahn hat an jedem ihrer Aufzüge Sensoren installiert, die messen, ob er in Betrieb ist oder nicht.

Behindertenbeauftragter kritisiert Barrierefreiheit der Bahnhöfe Bayerns

Dass es trotzdem so viele Fälle gibt, in denen wochen- oder monatelang nichts passiert, ist für Verena Bentele der Beweis dafür, dass die Bahn das Thema Barrierefreiheit nicht so ernst nimmt, wie sie müsste. „In Bayern ist es noch immer nicht selbstverständlich, dass es allen Menschen möglich ist, Transportmittel zu nutzen. Dabei ist das laut UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtend.“

Holger Kiesel, der Behindertenbeauftragte der Staatsregierung, sitzt selbst im Rollstuhl – und weiß aus eigener Erfahrung, wie schlecht es um die Barrierefreiheit der bayerischen Bahnhöfe steht. „Es ist nicht für jeden Menschen mit Gehbehinderung oder Rollator einfach, um Hilfe zu bitten“, sagt er. „Und für manche ist es schlicht nicht möglich. Einen schweren Elektrorollstuhl kann niemand eine Treppe hinauftragen.“ 

Defekte Bahnhofs-Aufzüge in Bayern - Deutsche Bahn äußert sich

Betroffenen bleibe in vielen Fällen nichts anderes übrig, als umzukehren. Das sei nicht hinnehmbar, findet Kiesel. „Ausfälle können passieren – aber sie müssen maximal binnen einiger Tage repariert sein.“ Fälle wie der in Kiefersfelden würden zeigen, dass es beim Thema Barrierefreiheit immer noch an der einen oder anderen Stelle ein Bewusstseinsproblem in Bayern gebe, betont er.

Die Bahn räumt ein, dass jeder defekte Aufzug ein Ärgernis für die Reisenden ist und Reparaturen deshalb so rasch wie möglich erledigt würden. In der Regel könnten Arbeiten binnen eines Tages erledigt werden. In Kiefersfelden müssten die Aufzuganlagen jedoch komplett ersetzt werden, betont ein Sprecher. Bis dahin seien sie aus Sicherheitsgründen außer Betrieb.

Katrin Woitsch, Franziska Florian

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