Haushälterin zieht vor Gericht

Ausgebeutet von den feinen Herrschaften: Die Sklavin von Grünwald

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Ihr Gesicht will Elena Z. nicht zeigen – der Kinder wegen

Monatelang musste die Haushälterin bei einer Familie in Grünwald Überstunden machen. Einen Lohn dafür? Fehlanzeige! Jetzt zieht Elena Z. vor Gericht.

Grünwald - Elena Z. (54) hat nicht mehr lange zu leben, die Ärzte sagen Dezember. Aber da ist noch etwas, das lässt sie nicht los: „Ich will Gerechtigkeit.“ Z. hat in Grünwald bei Familie K. (alle Namen geändert) als Haushälterin und Kindermädchen gearbeitet. Viereinhalb Monate lang. Z. sagt, die Familie habe sie ausgebeutet. Statt der vereinbarten 53 Stunden im Monat habe sie 60 Stunden gearbeitet – in der Woche! Das Geld für die Überstunden habe sie nie erhalten. „Ich habe gearbeitet wie ein Pferd“, sagt sie. Und so habe man sie auch behandelt. Den ausstehenden Lohn, etwa 10 000 Euro netto, will Z. jetzt einklagen. Die Familie weist die Vorwürfe zurück. Heute treffen sich Hausherren und Haushälterin vor dem Arbeitsgericht.

Zwei Tage vor dem Prozess sitzt Z. in der Kanzlei ihres Anwalts und weint. Nicht wegen der Schmerzen, die der Krebs verursacht. Sie habe das Morphium weggelassen heute, sagt sie, brauche einen klaren Kopf. Sie weint aus Enttäuschung. „Ich habe Verantwortung übernommen für zwei Kinder“, sagt sie und bekreuzigt sich, „und die stellen mich als Kriminelle hin.“ Am 15. März hat ihr die Familie fristlos gekündigt. In der Begründung steht: „Sie haben sich eines Betruges und einer Unterschlagung strafbar gemacht.“ Sie soll Geld behalten haben, das ihr nicht zustand. Z. sagt: „Lüge!“

„Es geht um Gerechtigkeit“

Ihr Anwalt, Rolf Jäger, sagt, so einen Fall habe er in 15 Jahren nicht erlebt. „Ein derart grober Missbrauch von menschlicher Arbeitskraft ist beispiellos!“ Ebenso die menschliche Kälte. Er wisse, dass die Beweise dünn seien. Die Aussage seiner Mandantin, die Überwachungskamera im Eingangsbereich des Hauses, ein paar Zeugen. Auch er sagt: „Es geht um Gerechtigkeit.“

Rolf Jäger ist Fachanwalt für Arbeitsrecht

Z. hat Krebs, ihr Körper ist voll damit. Chemotherapie will sie nicht mehr. Sie wohnt in Grünwald, hat drei erwachsene Kinder, war lange Krankeschwester und pflegte Menschen mit Demenz. Nebenher arbeitete sie als Haushälterin. „Nie Probleme“, sagt sie. Am 10. März kam die Diagnose – drei Tage später: Not-OP. Als sie sich dem Hausherren offenbarte, sei der ausgerastet und habe geschrien: „Du lässt uns im Stich! Du kannst nicht gehen, sonst gibt’s einen Kollaps!“

Im November 2016 war Z. zur Familie gekommen. 850 Euro brutto, 53 Stunden in Monat. Es wurden mehr, viel mehr. Oft bis 1 Uhr nachts, sagt Z. Den Vertrag habe sie im Vertrauen unterschrieben, das einzige Exemplar habe die Familie behalten. Immer habe es geheißen: „Geduld, Sie bekommen ihr Geld schon noch.“

„Sie waren nicht arm“ - Der Mann hat Rolex-Uhren gesammelt

Immer habe sie verfügbar sein müssen. Sie habe die Kinder auf eigene Kosten herumgefahren, ein Mal bis nach St. Anton. Über die Familie K. sagt Z. wenig. Nur: „Sie waren nicht arm.“ Der Mann habe Rolex-Uhren gesammelt. Essen und Getränke im Haus habe Z. nicht anrühren dürfen. Das habe die Hausherrin nicht gern gesehen. Kein Kaffee, kein Mineralwasser. Wenn sie bei Regen mit dem Hund raus musste, habe man ihr keinen Regenschirm gegeben. Ende Februar habe K. sie bei der Krankenkasse abgemeldet, ohne ihr etwas zu sagen. Der Hausherr nennt die Vorwürfe „haltlos“. Er wirft Z. Nötigung vor. „Sie will, dass wir zahlen – ohne Prozess. Da täuscht sie sich.“ Überstunden habe es gegeben. „Die waren aber von niemandem abgesegnet.“ Z. habe kein Geld gewollt, sondern Urlaub.

Elena Z. sagt, damals hätte sie das Geld gebraucht, für die Miete, für ihre Kinder. Jetzt nicht mehr. Sie sagt: „Ich möchte den Rest meines Lebens anständig sterben.“

Stundenplan der Schufterei

7.30 Uhr: Ankunft bei Familie K. in Grünwald

8.15 – 9.15 Uhr: Aufräumen des Eingangsbereichs, Putzen/Polieren von neun Paar Schuhen, Sortieren von zwei Garderoben

9.15 – 11.45 Uhr: Reinigung der großflächigen Designerküche, Beseitigen der Kochspuren vom Vorabend

11.45 – 13.15 Uhr: Reinigen der Wohnräume im Erdgeschoss, Lüften, Ausklopfen und Aufräumen der Sofakissen, Polieren der Möbel und des Flügels, Putzen der Fenster

13.15 Uhr – 14.15 Uhr: Ausführen des Hundes (weißes Fell), bei Bedarf Grundreinigung des Hundes im Keller, Putzen, Waschen der Hundetücher

14.15 – 15.15 Uhr: Reinigung der Wohnräume im ersten Stock: Betten machen, Staub wischen, Fenster putzen, Beseitigung des Chaos im Kinderzimmer

15.15 – 17 Uhr: Pause (nicht immer)

17 – 18 Uhr: Transportdienst für die Kinder (Kinderhort, Zoo, McDonald’s, Singstunden in der Kirche, Entenfüttern am Teich etc.) – mit dem eigenen Pkw, ohne hierfür jemals Benzingeld erhalten zu haben. (Im Übrigen wurden auch ausgelegte Zookarten für die Kinder sowie Taxi- und Buskosten hierfür nie erstattet)

18 – 19 Uhr: Erneute Reinigung der Küche, Bespaßen der Kinder

19 – 20 Uhr: Putzen, Kochen, Kinder ins Bett bringen (Zähne putzen, Waschen, Gute-Nacht-Geschichten …)

20 – 21 Uhr oder noch viel, viel später: Wäsche waschen (täglich durchschnittlich vier Waschmaschinen), zusätzlich umfangreiche sensible Handwäsche, ausgedehnte Bügelarbeiten

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