Unglaubliche Asyl-Geschichte

Ausgesetzt von Schleusern: Buben erleben Odyssee

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Immer öfter greift die Bundespolizei Rosenheim illegale Einwanderer auf der Autobahn auf.

München - Es muss ein herzzerreißender Anblick gewesen sein: Als Sonntagnacht ein Miesbacher Polizist nach dem Dienst nach Hause fährt, entdeckt er am Straßenrand kurz vor dem Ortseingang zwei Buben. Sie erlebten eine wahre Odyssee.

Bibbernd vor Angst und Kälte stehen sie verloren in der Dunkelheit. Die 13 und 14 Jahre alten Afrikaner wissen nicht, wo sie sind, nicht einmal welcher Tag genau ist. Sie wissen nur, dass ihre lange Reise wohl endlich ein Ende gefunden hat. Der Polizist nimmt sich der Unterkühlten an, bringt sie ins Krankenhaus. Schnell stellt sich heraus: Skrupellose Schleuser hatten die Kinder kurz zuvor aus einem Auto geworfen. Unfassbar: Ein Jahr waren die zwei Buben unterwegs um vom fernen Eritrea nach Deutschland zu kommen. Und das alleine.

Keiner weiß genau, was die mit einander verwandten Buben alles auf ihrer Odyssee durchmachen mussten. „Sie haben uns aber geschildert, wie ihre Route nach Deutschland war“, erzählt Rainer Scharf von der Bundespolizeiinspektion Rosenheim: Alles begann vor einem Jahr in Eritrea am Roten Meer. Verwandte bezahlten eine Schleusergruppe, um die Kinder aus dem armen Land zu bringen – in eine bessere Welt. 1200 Dollar legten sie hin, damit die Kinder in einem Truck nach Khartum im Sudan gebracht werden. Danach geht es weiter durch Libyen (teils auch zu Fuß, wie Berichte anderer Flüchtlinge zeigen). Immer wieder müssen die Buben auch für Wochen untertauchen, damit die Polizei nicht auf sie aufmerksam wird. Dann lassen die Eltern der Schleuser-Mafia wieder 1800 Dollar zukommen (den Kindern das Geld mitzugeben, wäre zu gefährlich), damit die zwei per Schiff nach Italien geschafft werden. Lampedusa! Jeder weiß, dass vor der Küste Tausende jährlich bei ihrer Flucht aus Afrika ertrinken. Es gibt auf dem Boot nichts zu essen, kaum Wasser. Dennoch schaffen es die Zwei mit Glück nach Italien. Auch dort müssen sie wieder lange in einer versteckten Hütte warten, bis es weitergeht. Es kommt Österreich, Bayern – und irgendwann werden sie aus dem Auto geworfen.

Was mit den zwei Buben jetzt passiert? „Sie haben angeblich einen Bruder hier in Deutschland. Dessen Telefonnummer haben wir schon ausfindig gemacht“, erklärt die Polizei. Auch er wird wohl illegal eingereist sein. Derweil sind die Kleinen in einem Jugendheim untergebracht. „Es geht ihnen gut und sie müssen jetzt auch nicht sofort wieder zurück.“ Etwas verängstigt seien sie aber wegen der ganzen Situation. Scharf: „Jetzt wollen wir natürlich die Schleuser erwischen, die hier immer mehr Menschen unter gefährlichsten Umständen ins Land schmuggeln.“ Diese seien übrigens Europäer, die das schnelle Geld mit der Verzweiflung anderer machen. Und der Rubel rollt. Die Zahl der illegal Eingereisten hat sich innerhalb eines Jahres fast verdoppelt (siehe Text unten). „Es wird zweifelsohne immer schlimmer.“ Erst Dienstag stoppte die Polizei wieder einen Transporter mit Afrikanern. Direkt bei Holzkirchen. Unter den Personen waren auch zwei Kinder (14 und 15 Jahre alt). Auch sie waren alleine unterwegs. Was sie erleben mussten, kann man nur erahnen...

Anzahl der Flüchtlinge steigt immer weiter an

Zusammengepfercht in Kleinbussen, zwischen Gepäckstücken und Decken im Kofferraum oder zu zehnt in einem Auto: Alleine die Bundespolizei in Rosenheim greift viel mehr illegale Einwanderer auf. Im Jahr 2013 verzeichnete die Inspektion rund 4000 unerlaubte Einreisen – ein trauriger Höhepunkt. Das sind fast 90 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die Rosenheimer Polizei ist auch in den Revieren Lindau, Kempten, Weilheim und Freilassing täglich unterwegs und kon­trolliert Fahrzeuge, Züge und Personen. Hierbei griff sie im Jahr 2013 exakt 3950 Menschen auf, die nach Deutschland eingereist waren. 2012 waren es nur 2100 Menschen. Auch nahmen sie 520 Schleuser fest. Die meisten Flüchtlinge kamen aus Afghanistan, dem Kosovo sowie vermehrt aus Syrien, Somalia und Eritrea. Bei rund 80 Prozent aller Eingereisten handelte es sich um Erwachsene. Ein Fall wie der der beiden Buben (Text oben) ist selten. Nur ein Prozent der Einreisenden sind Kinder und werden ohne Eltern aufgegriffen. Entdeckt werden die meisten Flüchtlinge auf der A 8 von Salzburg in Richtung München sowie bei Kiefersfelden.

Die Hoffnung auf ein besseres Leben treibt immer mehr nach Deutschland. „Mit einem Rückgang der Schleusungen und unerlaubten Einreisen ist nicht zu rechnen“, sagt Reinhard Tomm, Leiter der Bundespolizei in Rosenheim. Bis Ende Februar griffen die Fahnder 750 Menschen auf. „Doppelt so viele wie im vergangenen Jahr.“

 A. Geier

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