Zu wenig Zuschüsse

„Psychische Belastung ist grenzwertig“: Autobahn-Feuerwehren fordern mehr Geld

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Strapaziös und gefährlich sind Einsätze auf der Autobahn, wie sie die Feuerwehr Allershausen jedes Jahr zig mal erlebt. Oft geht es dabei auch darum, Brummifahrer aus dem Lkw-Wrack zu befreien.

An schweren Tagen haben sie drei Einsätze am Stück oder müssen in aller Früh Leichen bergen: Stützpunkt-Feuerwehren wie die in Allershausen und Eching, die auch zu Unfällen auf Autobahnen gerufen werden. Vom Staat fühlen sie sich bei ihren zusätzlichen Aufgaben im Stich gelassen.

Freising – Er weiß vor dem Einschlafen nie, ob er bis zum Morgen im Bett liegen bleiben kann. Denn Friedrich Moser ist Kommandant der Feuerwehr Allershausen. „Oft genug kommt es vor, dass ich um 2 Uhr nachts von meinem Piepser aus dem Tiefschlaf gerissen werde“, berichtet er. „Dann heißt es etwa Verkehrsunfall mit mehreren eingeklemmten Personen, und das bedeutet von einem Moment auf den anderen: Adrenalin pur.“

Kommandant Friedrich Moser: „Die psychische Belastung ist grenzwertig.“

Die Feuerwehrleute aus Allershausen müssen immer mit dem Schlimmsten rechnen. Denn sie werden, wie etwa die Kameraden in Eching, zu Einsätzen auf der nahegelegenen Autobahn gerufen. „Die A 9 ist eine Hauptverkehrsachse zwischen Nord- und Südeuropa“, betont Allershausens Bürgermeister Rupert Popp. Das heißt: Von den bis zu 200 Einsätzen im Jahr fällt weit mehr als die Hälfte auf die Autobahn.

Und so erleben die Allershausener Einsatzkräfte vieles, was den meisten anderen Kameraden erspart bleibt, die auf dem Land Dienst am Nächsten leisten. Mosers Truppe musste schon Leichenteile aufsammeln und Kinder betreuen, die mit schwersten Verletzungen aus einem brennenden Wohnwagen gestürzt sind. In Feuerwehr-Kreisen gibt es eine etwas derb formulierte Weisheit, die, höflich übersetzt, besagt: Jeder, der regelmäßig zu Einsätzen auf der Autobahn gerufen wird, hat sich dabei schon mindestens einmal übergeben.

„Die psychische Belastung ist grenzwertig“, sagt Moser. Um traumatische Erlebnisse besser verarbeiten zu können, hat er deshalb eine feste Regel für alle in seiner Truppe eingeführt: „Nach einem Einsatz geht keiner heim, ohne dass im großen Kreis noch einmal über das Erlebte gesprochen wird – auch nicht, wenn es schon spät nachts ist.“ Zur seelischen Belastung kommt die körperliche. Zwischen 20 und 30 Mann werden für einen Einsatz benötigt. „Wir haben einen Stamm von 35 bis 40 Aktiven“, berichtet Moser. Das heißt: Bei einem schweren Unfall auf der Autobahn kommt fast keiner aus.

Die Feuerwehrleute riskieren auf den Autobahnen ihr Leben

Und nicht immer bleibt es bei einer Alarmierung. So hatte die Feuerwehr Eching schon Tage, an denen sie drei Mal ausrücken musste, etwa am 11. Oktober 2017. Binnen drei Stunden befreiten die Einsatzkräfte einen Lkw-Fahrer aus seinem Führerhaus, hetzten weiter zu einem auslaufenden Ölfass und mussten schließlich auch noch Betriebsspuren am Autobahnkreuz Neufahrn beseitigen. An einer Stelle, an der besonders viele Autos unterwegs sind.

Kommandant Stefan Maidl: „Seit 2013 diskutieren wir, ob das bezuschusst wird.“

Beim Bemühen darum, andere Leben zu retten, setzen die Einsatzkräfte ihr eigenes aufs Spiel. Zum Glück sei noch keinem seiner Leute etwas passiert, sagt Moser. „Aber ein Absperranhänger für die Unfallstelle ist uns schon mal zusammengefahren worden.“ Stefan Maidl, Kommandant der Echinger Wehr, fasst es so zusammen: „Wir haben mehr Einsätze, anstrengendere und riskantere Einsätze. Aber dem wird überhaupt nicht Rechnung getragen.“ Was er meint: Der Freistaat und der Bund halten sich finanziell vornehm zurück.

Dabei ist der Materialaufwand für Stützpunkt-Feuerwehren enorm. In einer Gemeinde mit 6000 Einwohnern wie Allershausen hätte die Wehr im Normalfall drei Fahrzeuge, sagt Moser. Aufgrund der A 9 verfügt er über sieben Einsatzwagen. Die Kosten dafür gehen in die Millionen, gestemmt werden müssen sie großteils von der Gemeinde. Fast drei Millionen Euro hat Allershausen in Popps Amtszeit für Feuerwehr-Ausrüstung ausgegeben. Die laufenden Kosten – für Reifenwechsel, Wartung und Austausch von Verschleißteilen – sind da noch gar nicht dabei.

Vom Freistaat gibt es zwar Fördermittel. Das schreibt das Bayerische Feuerwehrgesetz vor. Aber erstens fallen die Zuschüsse oft gering aus, zweitens werden alle Wehren gleich bezuschusst – egal, wie viele und wie schwere Einsätze sie haben. „Ganz gerecht ist das nicht“, findet Moser. Er gönne Kameraden aus anderen Vereinen die Fördermittel. „Aber es wäre sinnvoll, dass es für Feuerwehren, die außergewöhnliche Leistungen bringen müssen, entsprechende Sonderzuschüsse gibt.“

Bedarfsanalyse sieht den Bund und den Kreis in der Pflicht

Bürgermeister Popp sieht es genauso: Dafür, dass die Feuerwehr Allershausen kaum Einsätze in der Gemeinde habe, dafür umso mehr auf der Autobahn, in anderen Gemeinden und sogar in anderen Landkreisen, gebe es von höherer politischer Ebene wenig Unterstützung. „Der Staat unterstützt diese Feuerwehren sehr wenig, und der Landkreis hat sich aus der Förderung fast ganz zurückgezogen.“ Beispiele dafür hat Popp genügend: Für die Drehleiter, die 550 000 Euro gekostet habe, gab es vom Staat 24 Prozent Zuschuss, Null vom Kreis. Gleiches gilt für das Hilfeleistungsfahrzeug. Unterstützt fühlen sich die Allershausener nur von ihren örtlichen Betrieben, wie Kommandant Moser betont. Noch nie hätte ein Unternehmen eine finanzielle Entschädigung für Arbeitsausfallzeiten von Angestellten gefordert, die tagsüber zu Einsätzen ausrücken müssten. „Da ist Allershausen wohl einzigartig.“

Kreisbrandrat Manfred Danner: „Der Bund ist in der Pflicht, schaut aber bisher weg.“

Auch Maidl sieht den Landkreis in der Pflicht. Aus der Bedarfsanalyse, die die Gemeinde Eching gerade von einem Fachbüro hat vornehmen lassen, gehe deutlich hervor: „Die Beschaffung etlicher Fahrzeuge, die wir vorhalten, ist nicht Aufgabe der Gemeinde, sondern Sache des Bundes oder des Landkreises.“ Auch der Echinger Kommandant hat ein Beispiel parat. Seine Wehr benötigt einen Abrollbehälter für Gefahrgut. „75 Prozent aller Gefahrgut-Einsätze finden im südlichen Landkreis satt“, sagt Maidl. Klare Sache also, dass der Kreis sich beteiligt? Mitnichten. „Seit 2013 diskutieren wir, ob er das bezuschusst oder nicht.“

Der Landkreis hat keine eigenen Förderrichtlinien, sagt Robert Stangl, Sprecher des Landratsamts. Man richte sich nach dem Feuerwehrgesetz. Nach Artikel 2 sind die Landkreise verpflichtet, die für den Einsatz der gemeindlichen Feuerwehren überörtlich erforderlichen Fahrzeuge, Geräte und Einrichtungen zu beschaffen und zu unterhalten oder hierfür Zuschüsse zu gewähren. „In den Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit“, betont Stangl. „Alle angemeldeten Bedarfsfälle werden in enger Zusammenarbeit mit dem Kreisbrandrat geprüft.“ In der Vergangenheit seien in Einzelfällen Zuschüsse gewährt worden. Dazu zählt der Abrollbehälter bisher nicht.

Dabei geht es auch anders. Das zeigt der Landkreis Schweinfurt, der schon bei einigen Fahrzeugen sämtliche Kosten nach Abzug des staatlichen Zuschusses übernommen hat. So lag die Finanzierungslücke für ein Tanklöschfahrzeug bei 252 000 Euro. Der Kreis hat das bezahlt. Nur ein Fall von vielen. Vor fünf Jahren hat Popp einmal einen Vorstoß gewagt. Mit Hilfe des damaligen Kreisbrandrats Heinz Fischer kämpfte er beim Innenministerium um höhere Zuschüsse für Stützpunktwehren. Vergeblich. Die lapidare Antwort, die Popp erhielt: „Leider nicht möglich.“

Das hat Bürgermeister Popp in über 20 Jahren Amtszeit nicht erlebt

Inzwischen ist Manfred Danner Kreisbrandrat. Er zeigt Verständnis für die Bedürfnisse der Allershausener, sagt aber auch: „Im Sinne der Gleichbehandlung hat das Zuschuss-System schon seine Berechtigung.“ Zudem würde Feuerwehren mit Einsatz-Schwerpunkt auf der Autobahn grundsätzlich eine breitere Ausrüstungspalette bezuschusst als anderen. Einen Rüstwagen etwa, von Danner als „fahrender Werkzeugkasten“ bezeichnet, würde einer einfachen Landfeuerwehr nie bewilligt – auch ein Grund, warum die gut ausgestatteten Allershausener zu Einsätzen im ganzen Landkreis gerufen werden. In der Pflicht sieht Danner den Bund. Denn der sei bei den Autobahnen schließlich Straßenbaulastträger – und schaue bisher weg.

FFW-Sprecher Florian Wöhrl: „Bei uns ist die Autobahn nur ein Einsatzort von vielen.“

Auch Freisings Stadtbrandmeister Anton Frankl nimmt den Kreis in Schutz. Mit seinem Ausbildungszentrum würde er die Feuerwehren erheblich unterstützen. Und was Einsätze örtlicher Wehren in anderen Gemeinden anginge, findet er: „So etwas passiert im Rahmen der nachbarschaftlichen Löschhilfe. Da hilft man einander und unterstützt sich.“ Florian Wöhrl, Sprecher der Feuerwehr Freising, sagt aber auch: „Bei uns ist die Autobahn nur ein Einsatzort von vielen. Auf unsere Ausrüstung hat das keine gravierende Auswirkung.“ Auf der A 92, die zwischen Freising Ost und Freising Mitte zu seinem Einsatzgebiet gehört, gebe es allerdings auch ein deutlich geringeres Verkehrsaufkommen als auf der A 9.

Mit Spannung blickt die Feuerwehr Eching auf die Gemeinderatssitzung am Dienstag. Dann wird über ihren Bedarfsplan abgestimmt. Für Kommandant Maidl ein Tag der Wahrheit: „Da werden große Weichen gestellt.“

Inwiefern die Bedarfsanalyse den Kreistag beeindruckt, wird sich zeigen. Immerhin: Erstmals in Popps über 20-jähriger Amtszeit gewährt der Kreis für Feuerwehrausrüstung in Allershausen einen Zuschuss. Der Kauf eines 350 000 Euro teuren Gerätewagens Logistik wird vom Kreis mit zehn Prozent gefördert. Für Popp ist das immerhin ein Anfang.

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