1. tz
  2. München
  3. Region

„Ich bräuchte Elf neue Leute“: Autohaus-Chef muss Traditionsbetrieb schließen

Erstellt:

Von: Josef Ametsbichler

Kommentare

Mit Blick auf seine Gesundheit schließt Christian Hartmann (55) sein VW- und Audi-Autohaus in Grafing. Die Personaldecke sei zu dünn geworden und der Arbeitsaufwand sei nicht mehr zu stemmen gewesen.
Mit Blick auf seine Gesundheit schließt Christian Hartmann (55) sein VW- und Audi-Autohaus in Grafing. Die Personaldecke sei zu dünn geworden und der Arbeitsaufwand sei nicht mehr zu stemmen gewesen. © Stefan Rossmann

Es findet kein Personal trotz Vier-Tage-Woche: Das traditionsreiche Autohaus Hartmann (VW und Audi) in Grafing gibt auf.

Grafing – Es war ein Horror-Sonntag, Ende November, als Christian Hartmann eine Entscheidung traf: Zum Jahreswechsel 2022/23 sperrt er sein VW- und Audi-Autohaus in Grafing zu. Schluss, aus, Geschäftsaufgabe in dem jahrzehntealten Traditionsbetrieb. So erzählt es der 55-Jährige, der sein Autohaus eigentlich im Jahr 2023 auf die Vier-Tage-Woche für alle Mitarbeiter umstellen wollte – längere Tage, gleich bleibende Bezahlung, drei Tage Wochenende, freitags frei. Ein Wagnis, um für Mitarbeiter attraktiver zu werden, aus dem nun nichts wird.

Seit Jahrzehnten eine Grafinger Institution: das Autohaus Hartmann in der Glonner Straße.
Seit Jahrzehnten eine Grafinger Institution: das Autohaus Hartmann in der Glonner Straße. © Stefan Rossmann

„Die Personaldecke ist inzwischen so dünn geworden, dass es nicht mehr möglich ist, die Öffnungszeiten aufrecht zu halten“, erklärt der Autohaus-Chef, weshalb er zusperren wird. Er habe in kürzester Zeit fünf weitere Mitarbeiter verloren, jetzt seien sie noch zu siebt. „Ich bräuchte 18.“ Dabei sei es nicht die Umstellung auf die Vier-Tage-Woche gewesen. „Die haben das vorangetrieben“, sagt Hartmann. „Und dann sind sie gegangen.“

Folgenreiche Entscheidung an Horror-Sonntag getroffen

An jenem Horror-Sonntag, als er die Entscheidung getroffen habe, aufzuhören, habe er eigentlich die Personalplanung machen wollen, um die Lücken zu überbrücken. „Mit einer persönlichen 70-80- Stundenwoche, genug Sieben-Tage-Wochen und ohne Urlaub hatten man sicher noch einige Monate weiter machen können.“, sagt der Autohaus-Chef. „Aber den Versuch hat mir mein Körper übel genommen.“ Mit Schmerzen in der Brust und Schweißausbrüchen fasste der 55-Jährige den Entschluss: „Du musst jetzt auf dich schauen.“ Er wolle nicht arbeiten bis zum Herzinfarkt, Burnout oder Schlaganfall.

So löse er einen eigentlich gesunden Betrieb auf und greife einer möglichen Teufelsspirale aus Schließzeiten, Schulden und steigenden Kosten vor. „Arbeit wäre genug da, aber ohne Fachkräfte kann man die nicht abarbeiten“, so Hartmann. Und kein Geld mehr verdienen.

Das will Hartmann künftig über sein zweites Standbein – er vertreibt unter dem Namen „Sepp.One“ eine Computersoftware, die Autohäusern bei der Verwaltung ihrer teuren Werkzeug-Bestände hilft.

Wie es am Standort weitergeht, steht noch nicht fest

Wie es am Standort seines Autohauses für die Kunden weitergeht, sei noch nicht klar, sagt Christian Hartmann. Es stehe viel Arbeit an, den bestehenden Betrieb aufzulösen, daher werde eine verkleinerte Belegschaft vor Ort sein. „Meine Mitarbeiter kommen alle unter“, betont der Chef. Das ist die positive Seite dieses Arbeitsmarktes.

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Ebersberg finden Sie auf Merkur.de/Ebersberg.

Seine Kunden werde das Autohaus demnächst noch direkt darüber informieren, was ansteht. Die Betriebsauflösung bedeute nicht, dass der Standort in Grafing in Hartmanns Eigentum endgültig aufgelöst werde. Es sei denkbar, dass jemand anderes in den Servicevertrag einsteige. „Es ist schon Interesse da“, sagt der Chef. Nur spruchreif sei noch nichts.

Arbeitskräfte verlassen gleich die Branche

Frappierend findet Hartmann, dass die Arbeitskräfte, die ihn verlassen, zumeist nicht nur aus seinem Autohaus weggehen, sondern gleich die Branche komplett wechseln. Er sei nicht der einzige im Münchner Umland, der deswegen zusperren müsse. „Die ganze Branche ist anscheinend so unattraktiv geworden“, sagt Hartmann. Das zeige sich auch daran, dass eine Ex-Mitarbeiter, zu denen er den Kontakt halte, ganz froh über ihren Branchenwechsel seien. Eine Krise, die den ganzen Dienstleistungssektor trifft, beobachtet Hartmann. Der Umgangston dort sei rauer geworden: „In diesen zwei Jahren Corona ist irgendwas mit unserer Menschheit passiert.“

Ebersberg-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser Ebersberg-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Ebersberg – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Auch interessant

Kommentare