“Sie hat so viel Schmarrn erzählt“

Was geschah im Kühlraum? Supermarkt-Angestellte erhebt schwere Vorwürfe gegen Ex-Chef 

Im Kühlraum eines Supermarkts soll sich ein leitender Mitarbeiter sexuell an einer  Kollegin vergangen haben. Unsittliche Berührungen, ein Kussversuch und verbale Entgleisungen wurden dem 51-Jährigen vorgeworfen. 

Bad Tölz-Wolfratshausen – Der Mann hatte sich vor Gericht wegen sexueller Belästigung zu verantworten. Die Mitarbeiter des Lebensmittelgeschäfts im Landkreis äußerten jedoch Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers. Der 51-Jährige wurde freigesprochen.

Etwa einen Monat, nachdem die Frau ihre neue Stelle angetreten hatte, erhob sie schwere Vorwürfe. Die wiederholte sie in der Gerichtsverhandlung – allerdings erst nach Aufforderung. Anfangs wollte sie nämlich eigentlich gar nichts mehr dazu sagen. Doch dann schilderte sie, wie sie der Vorgesetzte im Kühlraum abgepasst habe, wo er und einige Kollegen während der Arbeitszeit gelegentlich Bier trinken würden. Er habe sie umarmt und ihr an den Po gefasst, obwohl sie ihm klar gemacht habe, das nicht zu wollen. Danach soll er sie gefragt haben, welche Sexualpraktiken sie am liebsten möge, bevor er schließlich versucht habe, sie zu küssen.

Tage später erzählte die Frau dann einem Kollegen, dass sie der Chef unsittlich berührt habe. Anderen Mitarbeitern berichtete sie von dem Kussversuch. Das Personal war sich aber schnell einig: „Das hat von uns niemand geglaubt“, sagte eine der Verkäuferinnen aus.

„Das würden wir ihm nicht zutrauen“

Fünf Mitarbeiter und die beiden Marktleiter waren vorgeladen. Der Tenor war gleich: „Das würden wir ihm nicht zutrauen.“ Sie beschrieben den Mann als netten, hilfsbereiten Chef. An der Glaubwürdigkeit der Klägerin äußerten sie Zweifel: „Sie hat regelmäßig von verschiedenen Problemen erzählt.“ Beispielsweise von einem gewalttätigen Lebensgefährten und schweren Erkrankungen. „Sie hat so viel Schmarrn erzählt. Ich glaube, sie wusste gar nicht mehr, wem sie welche Geschichte aufgetischt hat.“

Der Angeklagte beteuerte seine Unschuld: „Die Vorwürfe verstehe ich nicht. Als ich davon gehört habe, dass sie so etwas über mich erzählt, ist mir nichts mehr eingefallen.“ Für ihn sei die Situation „ein Schlag ins Gesicht“ gewesen. Die beschriebenen Handlungen hätten nie stattgefunden.

Richter kann Verhalten der Führungskräfte nicht nachvollziehen

Er erfuhr vom Geschäftsführer von den Vorwürfen. Noch im selben Monat wurde der Frau gekündigt. „Das lag aber an ihren Fehltagen und daran, dass sie häufig vor Schichtende nach Hause gegangen ist“, betonte der Geschäftsführer vor Gericht. Wann die ehemalige Angestellte das Gespräch mit ihm suchte, wusste er nicht mehr. Der Betreiber des Supermarkts, der ebenfalls aussagte, hatte zwar gehört, dass „es einen Vorwurf wegen sexueller Belästigung gibt, aber es war nichts Schlimmes“. Was genau passiert sein soll und wieso der Mitarbeiterin gekündigt wurde, konnte er vor Gericht nicht angeben: „Das macht bei uns der Geschäftsführer.“ Richter Helmut Berger konnte das Verhalten der Führungskräfte nicht nachvollziehen. „Sie haben sich nicht einmal eine kleine Notiz gemacht oder nachgefragt. Da fehlen mir die Worte.“

Auch der Staatsanwalt fand den Umgang mit dem Thema „prekär“. Da die Klägerin neu zur Gruppe gestoßen sei, hätten sich die Mitarbeiter hinter den langjährigen Kollegen gestellt, ohne nachzufragen oder abzuwägen. „Die Reaktion war sofort: Das glaube ich nicht.“

Er forderte eine Geldstrafe für den Angeklagten. „Ich habe nicht das Gefühl, dass die Klägerin ihn da hineinreiten wollte.“ Die Verteidigerin fand die Widersprüche zwischen den Aussagen zu groß und plädierte für einen Freispruch. Dafür entschied sich auch der Richter. 

Lesen Sie auch: Er sollte sie nach Hause fahren: Mann vergewaltigt sein Opfer auf einem Feld

dst

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa / Maja Hitij (Symbolbild)

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