Großfamilie verliert ihr Zuhause

Streit! Bäuerin klagt eigenen Sohn vom Hof

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Pure Verzweiflung: Der 45-jährige Landwirt Hans Forstmaier ist am Dienstag per Räumungsklage gezwungen worden, mit seiner Frau und den fünf Kindern (auf dem Foto Rosmarie, Seppi, Maxi und Lilli) den Hof zu verlassen. Seine Mutter hatte gegen ihn geklagt, weil er zu wenig Pacht gezahlt hatte.

Gersdorf - Am Montag ist Jungbauer Hans Forstmaier mit seiner Frau und den fünf Kindern per Räumungsklage gezwungen worden, den eigenen Hof zu verlassen. Gegen ihn geklagt hatte seine Mutter.

Es ist noch nicht einmal zehn Uhr vormittags, als fast ein ganzes Dorf weint. Landwirte, Nachbarn und Freunde stehen mit Plakaten und Schildern vor dem Hof der Familie Forstmaier in Gersdorf (Kreis Ebersberg), einige schluchzen laut, einige schimpfen. In dem kleinen 80-Einwohner-Ort weiß jeder, dass seit Jahren gestritten wird unter dem Dach des alten Bauernhauses, in dem drei Generationen zusammenleben. Aber dass es soweit kommen würde, hatte bis zuletzt niemand geglaubt. Hans Forstmaier, seine Frau Rosmarie und die fünf Kindern müssen den Hof heute verlassen. Es ist eine Zwangsräumung, der Gerichtsvollzieher ist unterwegs hierher. Alles, was sie mitnehmen dürfen, passt in einen Anhänger und drei Autos. Es ist der Tag, vor dem sich die Familie seit Monaten fürchtet – trotzdem ist sie kein bisschen vorbereitet auf das, was sie heute durchmachen muss.

Der Hof im Zentrum der kleinen Ortschaft wird seit zwölf Generationen von Forstmaiers bewirtschaftet. Hans Forstmaier hat sein Leben lang darauf hingearbeitet, in die Fußstapfen seines Vaters zu treten. Doch seit etwa einem halben Jahr sieht es nicht mehr so aus, als ob er jemals Eigentümer des Hofes werden würde.

Der 45-Jährige und seine Familie haben sich mit Altbäuerin Gertraud verkracht. So gewaltig, dass sie seit Jahren vor Gericht streiten. Seit deren Mann Johann vor 20 Jahren beim Bau einer Kapelle verunglückte und einen Hirnschaden erlitt, wird sich die Familie nicht einig, wie es mit dem Hof weitergehen soll. Gertraud Forstmaier hat gegen ihren Sohn geklagt, weil er jahrelang nur knapp ein Drittel der Pacht gezahlt habe. Die mündlichen Vereinbarungen, mit denen die Forstmaiers das rechtfertigen, und die sechsstelligen Investitionen des Jungbauern in den Hof zählten vor Gericht nicht. Nach einem komplizierten Verfahren bekam die Altbäuerin Recht. Hans Forstmaier hat zwar bereits 18 000 Euro Pacht nachbezahlt – geändert hat das aber nichts.

Gesetzlich ist sein Vater, Johann Forstmaier, noch immer alleiniger Eigentümer des Hofes. Er ist inzwischen 82 und ein Pflegefall – das Amtsgericht Ebersberg hat deshalb entschieden, ihm einen Betreuer an die Seite zu stellen. Der Altbauer könne seinen Willen nicht mehr klar äußern, urteilte das Gericht. Deshalb soll der Grafinger Anwalt Peter Hohlweg seine Vermögensinteressen vertreten. Doch nicht nur der Jungbauer und seine Familie, sondern auch viele Nachbarn und Freunde haben Zweifel, dass er das tut. Für sie sieht es so aus, als würde der Anwalt vor allem die Interessen der Altbäuerin vertreten. Sie hat vor Gericht erzwungen, dass ihr Sohn, ihre Schwiegertochter und die fünf Enkel den Hof verlassen müssen.

Das – da sind sich viele Gersdorfer sicher – wäre ganz und gar nicht im Sinne des Altbauern. Die Nachbarn haben rund 80 Unterschriften gesammelt. Herwig Eder-Richter, der Anwalt der Forstmaiers, hat eine ganze Mappe voll mit Aussagen von Gersdorfern, die von Gesprächen mit Johann Forstmaier senior erzählen, in denen er klar geäußert habe, er wolle den Hof an seinen Sohn übergeben. Eder-Richter macht dem Amtsgericht Ebersberg schwere Vorwürfe. Ein Mann werde entmündigt, obwohl er immer wieder klare Momente habe, in denen er seinen Willen deutlich äußere. Als seine Betreuung gerichtlich behandelt wurde, habe er das allerdings nie getan, sagt Angela Felzmann-Gaibinger, die Direktorin des Ebersberger Amtsgerichts. Und in Betreuungsverfahren sei es nicht üblich, Zeugen zu vernehmen.

Für Anwalt Eder-Richter ist das nicht nachvollziehbar. Er berichtet von einem herzzerreißenden Besuch der Forstmaiers im Pflegeheim beim Altbauern vor drei Tagen. Er habe furchtbar geweint, als er gehört habe, dass die Familie den Hof verlassen muss. Und er habe gesagt, dass er auch nicht dahin zurück wolle. Genau das wird allerdings in ein paar Tagen passieren.

Wie es langfristig auf dem Hof weitergeht, kann im Moment auch Anwalt Hohlweg nicht sagen. Die Tiere werden gut versorgt, betont er. Es sei weder geplant sie zu schlachten, noch sie zu verkaufen. Er ist dabei, als die Forstmaiers um 9 Uhr morgens ihr Zuhause verlassen müssen. Und er wird wüst beschimpft von den Gersdorfern. Im Dorf sei bewusst Stimmung gemacht worden, sagt Hohlweg. Gegenüber unserer Zeitung betont er, dass der Jungbauer die Räumungsklage provoziert habe, indem er jahrelang nur einen kleinen Teil der Pacht gezahlt habe. Auch die 18 000 Euro seien noch nicht die volle Summe, die er seinen Eltern schulde.

Als vor ein paar Monaten feststand, dass sich die Räumungsklage nicht mehr abwenden lässt, haben die Forstmaiers ein Haus in Unterreit im Kreis Mühldorf gekauft. Ein paar wenige persönliche Dinge haben sie bereits dorthin gebracht. In den kleinen Anhänger passen gerade noch die sieben Matratzen der Familie, ein paar Taschen, ein paar Haushaltsgegenstände.

Die letzte Nacht im Haus ist kurz. Kaum jemand kann schlafen. Als Hans Forstmaier morgens aus dem Stall kommt, sitzen die Sieben ein letztes Mal am Frühstückstisch zusammen. Hans Forstmaier schneidet wie jeden Morgen das Brot für seine Kinder. Niemand hat Appetit heute.

Es ist halb neun, als die ersten Gersdorfer mit Schildern in die Hofeinfahrt marschieren. Und es ist der Moment, in dem Rosmarie Forstmaier und ihre beiden Töchter Lilli (15) und Rosmarie (18) die Tränen nicht mehr zurückhalten können. Hans Forstmaier nimmt die Hand seiner Frau. „Komm, zeigen wir uns den Leuten.“ Er versucht zu lächeln, als er das sagt. Der ganze Hof ist voll mit Menschen, die die Familie unterstützen wollen. Es gibt viele Umarmungen – und noch mehr Tränen. Gestandene Mannsbilder weinen hemmungslos an diesem Vormittag in Gersdorf. Hans Forstmaier, seine Frau, seine Kinder bedanken sich bei jedem einzeln. „Wir sind Kämpfer“, sagt der 45-Jährige laut, als um kurz vor neun der Gerichtsvollzieher, Anwalt Hohlweg und ein Polizeiauto auf den Hof fahren. „Aber das hier ist wirklich nicht leicht.“

Hans Forstmaier ist ein Mann mit festem Händedruck. Er hat Hände, die anpacken, die arbeiten können. Heute sind ihm die Hände gebunden. Er kann nichts mehr tun. Weder für seine 135 Rinder und 15 Hennen, die er zurücklassen muss. Noch für seine Familie. Heute fühlt es sich an, als laste das Gewicht der ganzen Welt auf seinen Schultern. Kein Vater will, dass seine Kinder ihr Zuhause verlieren. Kein Landwirt erträgt es, sein Vieh zurücklassen zu müssen, ohne zu wissen, wer sich künftig darum kümmern wird.

Als Hans Forstmaier das letzte Mal in seinen Kuhstall geht, verlässt auch ihn die Kraft. Nur seine Frau und seine Kinder sehen, wie er zusammenbricht und weint. 20 Jahre lang ist er jeden Morgen um halb fünf aufgestanden, um die Tiere zu versorgen. 20 Jahre lang hat er nicht einmal Urlaub gemacht, hat nur für den Hof gelebt.

Als der 45-Jährige wieder aus dem Stall tritt, geht er aufrecht. Er verabschiedet sich ein letztes Mal von seinen Freunden und Nachbarn. Er hupt zweimal laut, als er das letzte Mal von dem Hof fährt, den er ab heute nicht mehr sein Zuhause nennen darf. Noch bevor die Forstmaiers Gersdorf verlassen haben, organisieren die Nachbarn bereits eine Spendenaktion für die Familie, die heute alles verloren hat.

Ihr neues Haus in Unterreit ist so gut wie leer. Ein Sofa, ein Tisch, zwei Bierbänke – mehr haben die Forstmaiers nicht mehr. Der fünffache Familienvater muss sich arbeitslos melden, die Kinder müssen überlegen, ob sie Gastschulanträge an ihren alten Schulen stellen wollen. Die Familie muss nochmal von vorne beginnen. Aber sie beginnen in einem Haus, das ihnen gehört. Der 20-jährige Hansi sagt: „Nochmal kann uns keiner mehr unser Zuhause wegnehmen.“

Katrin Woitsch

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