Baldhamer (85): So erlebte ich Adolf Hitler

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Hans Schmid erinnert sich noch gut an seine Begegnungen mit Adolf Hitler.

Baldham - Adolf Hitler fuhr in den Münchner Osten, wenn er eine neue Uniform wollte: zu Josef Landolt aus Baldham. Diese Besuche erlebte Hans Schmidt als kleiner Bub mit. Er war fasziniert – auch davon, dass Hitler mit den Gewändern wohl einen Makel verdeckte.

Immer wenn das Telefon klingelte, wusste der kleine Hans Schmidt: Jetzt kommt gleich der Mann mit der hängenden Schulter. Der Mann, der ins Nachbarhaus geht und ein paar Stunden später wieder davonschreitet, in kerzengerader Haltung. Der Mann, der eine ganze Generation ruinieren wird. Der Diktator mit dem Schulterpolster. Adolf Hitler.

Es ist Mitte der dreißiger Jahre, der Bub Hans Schmidt geht in die Volksschule. Wenn der Führer nach Baldham kommt, weil er neue Kleider braucht, ruft jemand die Schmidts an: damit der Bub zum Grüßen vorbeikommt. Hans findet das immer aufregend: Er schlüpft dann in seine HJ-Uniform, kurze schwarze Cordhose, braunes Hemd, dann streift er sich die rot-weiße Binde mit dem Hakenkreuz über den Ärmel. Er flitzt zum Nachbarhaus, lehnt sein Rad an den Zaun vor dem „Landhaus Helene“. Dann postiert er sich am Gartentor, ganz stramm. „Josef Landolt“, steht auf dem Briefkasten. „Maßschneider“. Hitlers Maßschneider.

So begann der Zweite Weltkrieg

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Plötzlich parkt ein schwarzer Mercedes vor der Einfahrt. Ein Chauffeur steigt aus, öffnet die Hintertür. Der kleine Hans streckt seinen rechten Arm nach vorne. „Heil Hitler“, ruft der Bub, als Adolf Hitler aus dem Auto steigt und durch das Waldgrundstück schreitet. Rehe huschen zwischen den Bäumen umher. So erzählt es Schmidt.

Hans Schmidt, heute 85, buschige Augenbrauen, knittrige Stirn, sitzt in seinem Esszimmer in Baldham, Landkreis Ebersberg. Die Lampe, die sein Großvater einst aus einem Zwölfender-Hirschgeweih gebastelt hat, wirft ein funzeliges Licht auf den alten Mann. „Ich war begeistert von Hitler“, sagt Schmidt. „Er war zwar nicht der liebe Gott, aber er kam ungefähr gleich danach.“ Schmidt reibt sich seine blauen Augen, wenn er überlegt, wie das damals war. Er reibt sie sich oft, schließlich ist es ein dreiviertel Jahrhundert her, dass er dem Führer „Grüß Gott“ sagte. Seitdem ist viel passiert. Und der Hitlerverehrer wurde zum Hitlerhasser. Die Wanduhr tickt zwischen die Worte, mit denen er sein Leben erzählt.

„Mein Vati war Mitglied in der NSDAP“, sagt Schmidt. Er deutet auf ein Gemälde, das einen uniformierten Mann zeigt, an dessen Brust ein Blutorden klebt. Den bekam Vati, Hans Schmidt senior, weil er 1923 an der Feldherrnhalle mitgemischt hatte, als Hitler versuchte, sich an die Macht zu putschen. Seitdem hatte Vati Beziehungen. Und deshalb rief das Geschäft an der Maximilianstraße, wo der Schneider Landolt angestellt war, immer bei Familie Schmidt an, wenn der Diktator nach Baldham unterwegs war.

Der Maßschneider Josef Landolt, Jahrgang 1897, hatte sich 1931 in der dünn besiedelten Baldhamer Kolonie ein Landhaus gebaut, gleich an der Bahnlinie. Auf Fotos sieht er fesch aus, ein Mann mit Lachgrübchen und sorgfältig gekämmtem Scheitel. 1936, bei den Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen, posiert er im eleganten Wollmantel vor Flaggen, die im Wind flattern, mehrere davon mit Hakenkreuz. Vor dem Blockhaus lässt er sich lachend mit einem Jagdgewehr fotografieren. Drinnen nähte er für Hitler graue Wehrmachts-Waffenröcke und braune Uniformen. „Es war dem Führer wohl lieber, solche Dinge privat abzuwickeln“, vermutet Schmidt.

Die meistgesuchten Nazi-Verbrecher

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Während der Diktator mit Stecknadeln bespickt wurde oder vor dem Spiegel posierte, harrte der Nachbarsbub vor dem Gartentor aus. Manchmal erlaubte ihm der Chauffeur, sich in den Mercedes zu setzen, auf die Beifahrerseite. Die Sitzungen zogen sich: „Hitler hatte eine hängende linke Schulter“, so hat es der Bub damals beobachtet. Der Schneider musste die Uniform auspolstern, nimmt er an.

Über Hitlers linke Schulter ist schon viel spekuliert worden. Fest steht: 1923, beim Putsch, hatte er sie sich ausgekugelt. Noch Jahre später soll er über Schmerzen geklagt haben. Aber hing sie wirklich? Hitlers Sekretärin Christa Schroeder berichtete, die linke Schulter sei seit der Verletzung „etwas steif“ geblieben. Als Hitler schon an Parkinson litt, verharrte sein linker Arm „meist leicht angewinkelt in prothesenhafter Starre“, schreibt die Historikerin Ellen Gibbels. Das war aber erst in den 40er-Jahren, betont der Zeitgeschichtler Henrik Eberle aus Halle.

Privat verstieß der Führer gegen den Nazi-Knigge, das weiß Schmidt wiederum ganz genau. „Er hat mich nur mit einem legeren Hitlergruß begrüßt.“ Die Hand schnellte kurz nach oben, das war’s. Bei Paraden streckte der Führer aber den Arm sauber zum Deutschen Gruß aus. Es heißt, er habe seine Muskeln dafür extra mit einem Expander trainiert. Obwohl er für Schmidt nie ein Wort übrig hatte, reichte der Spar-Gruß, um den Buben zu entflammen.

Schmidt war auch 1942, mit 17 Jahren, noch begeistert, als ihn die Wehrmacht holte. „Nun Volk steh auf und Sturm brich los!“, plärrte Goebbels aus den Lautsprechern. „Dieser ganze Krampf“, schimpft Schmidt heute und schüttelt den Kopf. Die Ostfront hat in die Seele des jungen Mannes, der eben noch beim Hahnenkampf am Badesee Mädchen auf den Schultern getragen hatte, tiefe Wunden geschlagen.

Vor Stalingrad, als er seine Uniform bei 40 Grad Kälte mit Zeitung ausstopfte, dachte er an die Stunden, in denen er vor des Maßschneiders Gartentor wartete. Bald begriff er, wie sehr ihn der unnahbare Mann mit dem Schnauzer geblendet hatte. Wie er sie alle blendete und ein ganzes Volk zertrümmerte: „Wenn man es schafft, die Jugend zu begeistern, kann man alles mit ihr machen“, sagt er nun, als alter Mann. Aber es war zu spät.

Menschenleben zählten zu jener Zeit nichts: Es waren Geräte, die ihm das Leben retteten. Schmidt sagt, er sei nur entkommen, weil er sich im Chaos an sein Funkgerät und sein Fernrohr klammerte. Nur wegen der Apparate hätten sie ihn zusammen mit den Verletzten ins Flugzeug geworfen, das ihn aus dem Kessel flog. Später desertierte er mit zwei Münchnern, geriet in Gefangenschaft – und befreite sich daraus, indem er einem Russen mit Mittel- und Zeigefinger in die Augen stach. Wochenlang liefen die Männer Richtung Westen, auf der Flucht vor ihrem aufgepolsterten Führer. Sie hangelten sich von Kohlezug zu Kohlezug. Endlich tauchte das Schild auf: München Ost. Heimat.

Schmidt holt Luft, reibt sich die Augen. Seine eigene Geschichte hat ihn müde gemacht. „Jetzt habe ich genug erzählt.“ Dabei ist das noch lange nicht das letzte Kapitel. Denn das letzte Kapitel handelt von Gabriele Landolt, und das ist die Tochter des Maßschneiders.

Auf einem Jugendbild planscht sie im Baldhamer Gartenteich mit ihrem Vater, dem Schneider. Auf einem anderen sitzt sie im Schleifchenkleid auf seinem Schoß, beide lachen. Über Gabriele Landolt ist nicht viel bekannt, und was man weiß, hat Claus Ortner gesammelt. Sein Vater hieß Wilhelm Ortner – er war Gabrieles Jugendliebe. Nachdem der Schneider 1973 im Alter von 76 Jahren gestorben war, ratschte sie oft am Gartenzaun des „Landhauses Helene“ mit dem jungen Claus. Das Mädchen mit dem Bubikopf war jetzt eine alte, graue Frau mit Dauerwelle. Der Zaun markierte eine Grenze: Nie ließ die Nachbarin Ortner auf die andere Seite. Nie sprach sie mit ihm über ihren Vater. Hitlers Maßschneider.

Heute sitzt Claus Ortner, 58, der Hobbyhistoriker mit den Wuschellocken, an seinem Tisch in Baldham und blättert in ihrer Vergangenheit: „Diese Bilder habe ich im Haus des Maßschneiders gefunden“, sagt er und tätschelt ein Fotoalbum. Vor ein paar Jahren, das Haus sollte abgerissen werden, schlich sich Ortner auf das Anwesen. Muffelgeruch, der Wind pfiff durch die aufgerissene Tür und zerschlagene Fensterscheiben. Er erschrak, als er das Innere sah: Am Boden verstreut lagen Zeugnisse, Damenleibwäsche, vergammeltes Essen. „Es sah so aus, als hätte die Tochter das Haus erst drei Tage zuvor verlassen.“ Doch sie war schon Jahre weg.

Nichts erinnerte an die wohlhabenden Tage der Landolts, schäbige Möbel standen herum. Nur eine verbeulte Blechtafel zeugte von einst: „Landolt Maßschneiderei“, stand darauf. Das Schild wurde wenig später mitsamt dem Haus vernichtet. Überlebt haben die Erinnerungen in fremden Köpfen.

Auch Hans Schmidt hat versucht, mit der Tochter des Schneiders über die Ereignisse zu reden. Aber die Frau am Gartenzaun blockte ab: „Das ist alles Schmarrn“, wehrte sie sich. Trotzdem: Schmidt weiß, was hinter dem Zaun passierte, als er vor dem Tor auf den Führer im neuen Waffenrock wartete. Auf den Mann, der mit feinstem Maßgewand seinen Makel verdeckte. Und die Welt zerstörte.

Marlene Kadach

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